Die Figur leben

 

„Alternativlos“ ist seit Jahren ein gerne und oft gebrauchtes Wort. Auch, aber nicht nur, in der Politik. Stattdessen könnten wir sagen: Es gibt keine andere Möglichkeit. Oder: Nicolai Borger.

Beizeiten begonnen

„Vielleicht lag es daran, dass mein musischer Vater mich als Kind oft mit ins Theater nahm, wo er das Orchester dirigierte“, blickt er zurück zu den Anfängen, „ich habe, so lange ich denken kann, Stücke geschrieben. Und meine Mitschüler mussten sie mit mir aufführen.“ Irgendwie hörte das nie auf, nie schlug der mittlerweile Autor, Regisseur und Schauspieler einen anderen Weg ein. Bühne und Kamera, das scheint sein Leben – zumindest beruflich. Eine wirkliche Anternative gab es nie.

Foto: Sebastian Marggraf

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Sebastian Marggraf

„Kurz vorm Abitur hatte ich mein erstes professionelles Engagement am Jüdischen Theater in Deutschland in der Nähe von Frankfurt“, beschreibt Nicolai, wie sein künstlerischer und kreativer Weg sich geradlinig fortsetzte, „etwas später entstand mein erstes Bühnenstück ‚Liebe‘, das ich mit Schauspiel- und Kunststudenten inszenierte.“ Zwar schob er mit dem Studium der Nordamerikanistik und Sinologie am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität in Berlin eine Zwischenstation ein, ließ darauf indes gleich die Ausbildung zum Schauspieler am Europäischen Theaterinstitut Berlin folgen. „Das akademische Umfeld hatte ich sehr genossen, aber gleichzeitig gemerkt, dass mir das künstlerische mehr am Herzen liegt“, erinnert sich der Wahlberliner.

Theatermensch

Von Haus aus ist Nicolai Borger Theatermensch. „Ich hab‘ es in den Knochen“, sagt er und befindet: „Im Enseble-Theater kann sich ein Stück entwickeln, wir können es in einem geschützten Raum wachsen lassen, die Leute vertrauen sich.“ Die daraus resultierende Qualität möchte Nicolai „in den Film übertragen, Filme auch proben und vorbereiten, zusammen entwickeln“, was daraus entsteht, nennt er „Ensemblefilme“ und rätselt in dem Moment, in dem er das Wort ausspricht: „Gibt es den Begriff überhaupt?“ Der Schauspieler selbst hat inzwischen entdeckt, „wie toll es ist, vor der Kamera zu stehen“ und sieht für sich – und überhaupt – im Ausüben von Theater und Film eine „tolle Ergänzung“.

Ehrliche Kamera

„Die Kamera verlangt Ehrlichkeit, es geht um den Moment – und der entsteht immer neu“, zeigt Nicolai sich fasziniert. Genauso wie von der Arbeit auf den Brettern, die sprichwörtlich die Welt bedeuten, und wo der Darsteller so etwas wie ein Medium sei, das „den Raum mit seiner Präsenz füllt und stets das ganze Stück im Kopf haben muss.“

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Foto von Sebastian Marggraf

Nicolai Borger möchte und muss sich mit der Rolle, der Figur, oder noch präziser ausgedrückt, der Art und Weise wie sie angelegt und eingebettet ist, zu 100 Prozent identifizieren können. „Ich habe mal eine Rolle bei einem Casting, zum Erstaunen aller Anwesenden, abgelehnt. Weil ich die Figur nicht spürte“, bestätigt er und ergänzt, dass es dabei nicht um Gut oder Böse gehe – oder sonst irgendeine Klassifizierung. „Es geht um Leben, die Rolle muss leben!“

Als Schauspieler schlüpft Nicolai gerne in extreme Charakter, er mag „vielschichtige Rollen“. Dabei sei es schon vorgekommen, dass Zuschauer ihm gesagt haben, die abgründige Figur sei ihnen sogar sympathisch gewesen.
Ebenso auf der anderen Seite der Kamera, oder neben der Bühne, als Regisseur, möchte Nicolai Borger „fühlen, was passiert“, und genau die Arbeit verrichten, an die er glaubt. „Die Dinge machen, die ich wirklich will, auf dem eigenen Weg mir selbst treu bleiben“, das ist ihm wichtig, egal auf welcher Seite und egal in welcher Funktion.

Aktuell

Foto: Sebastian Marggraf

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Aktuell arbeitet der Schauspieler an einem Kinofilm mit, in dem er einen Existenzialisten verkörpert. Fernsehangebote aus dem internationalen Markt liegen vor. Außerhalb der deutschen Landesgrenzen findet Nicolai vertrautes Terrain vor. Er hat einige Monate in den USA verbracht, im französischsprachigen Raum zahlreiche Bühnenrollen gespielt, beispielsweise mehrere Spielzeiten an einem Pariser Theater („Wahnsinn, sich da als eigentlich Deutschsprachiger zu behaupten!“) und auch in einem russischen Film einen Polen dargestellt.

Eine Frage stellt sich Nicolai Borger, egal in welchem Land, egal in welchem Tätigkeitsbereich, egal in welchem Genre, immer: „Können wir es noch besser machen?“ Und daran arbeitet er. Alternativlos.

JJ

Fotograf Startseite: Sebastian Marggraf

P.S.: Den Begriff „Ensemblefilm“ gibt es wirklich, hat Nicolai nachgeschlagen, wenngleich er selbst ihn etwas weiter fasst als die gängige Definition.

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