Große Liebe Theater

 

Janka Brütting mag Theater. Oder besser: Sie liebt Theater. „Auf der Bühne kann ich durchspielen, spüre die Zuschauer, den Partner – und genau jetzt muss ich es machen, die Figur sein, die Rolle leben“, setzt sie zur Laudatio an, „mit den Schauspielkollegen, mit den Zuschauern entwickelt sich in diesem Raum und in diesen Momenten ein Miteinander. Die Herzen schlagen in einem Takt, alles lauscht, die Leute sind bei mir, fiebern dem Ausgang der Geschichte, der Entwicklung der Figur entgegen. An das Zusammen dieser vielen Elemente kommt nichts ran. Der Saal ist die ganze Welt. Theater ist mir heilig!“

Janka Brütting, Beast of Burden, Foto Jenny Fitz

Janka, Beast of Burden, Foto Jenny Fitz

 

Anspruch

 

Was die 1.63m Frau mit den grünen Augen an ihrem Beruf faszinierend findet, deckt sich gleichwohl mit dem eigenen Anspruch: „Es schaffen, sich in die darzustellende Figur hineinzuversetzen, so, dass nur noch die eigene Hülle übrig bleibt und alles andere ein anderer Mensch wird.“ Das bezeichnet Janka als „höchstes Ziel“ und findet ergreifend, „wenn es Wahrheit wird“. Das zu erreichen sei zwar „schwierig, denn es gibt Tage, da wird man nicht von Gott geküsst“, das Bestreben indes sollte dahin gehen.

Geht die Schauspielerin auf die Bühne, verspürt sie nur selten die oft zitierte innere Unruhe und äußerliche Zappeligkeit kurz vorm eigentlichen Einsatz. „Aufregung verspüre ich früh oder mittags, am Abend lasse ich sie zuhause und bin schon drin in der Figur“, spricht sie gelassen aus, wohinter Arbeit steckt, „im Theater, hinter den Kulissen, bin ich mindestens eine Stunde mit mir selbst beschäftigt, bereite mich auf die Rolle sowie den Auftritt vor. Und auch ein bisschen privat bleibt übrig. Wie ein Puppenspieler bin ich dann.“

Einen wichtigen Zeitpunkt, einen wichtigen Ort, in der ganzen direkten Vorbereitungsphase für die Bühnenmomente (sowie im Vorfeld die Proben) stellt für Janka die Anfahrt dar. „Die U-Bahn ist der beste Ort zum Üben“, plaudert sie aus dem Nähkästchen, „da bin ich schon abwesend, gehe die Regieanweisungen, Aufgaben und Texte durch, spiele innerlich einen Film ab.“

 

Tür zu!

 

Einer – wenn auch anders gearteten – Ablenkung auf einer etwas anderen Bühne sah sich schon die kleine Janka ausgesetzt. Da konnte sie gerade mal die ersten Buchstaben und Wörter lesen, funktionierte mit einer Freundin das Hochbett zum Puppentheater um und kassierte im Hut das Eintrittsgeld. „Weil wir die Texte noch nicht so schnell vorlesen konnten, liefen uns meist die Zuschauer davon“, erinnert sie sich und wusste doch Rat: „Einmal hatten wir das Zimmer abgeschlossen und den Schlüssel versteckt.“ Kundenbindung.

Janka Brütting, Foto Joachim Gern

Janka Brütting, Foto Joachim Gern

Die allerersten überlieferten Auftritte der mittlerweile in Berlin lebenden Fränkin liegen indes noch länger zurück: „Ich habe als Kind selten ferngesehen. Bis auf ‚König der Löwen‘. Den Film sah ich immer wieder an, konnte alle Dialoge und Monologe auswendig und spielte ihn nach. Im Bett meiner Eltern, auf einer Kommode oder im Wald mit den Kuscheltieren.“

Es folgte die Zeit der der Kinder- und Jugendtheatergruppe „CreaTief“ am Jungen Theater Forchheim unter der Leitung von Sandra Fleige, auch mit selbst geschriebenen Texten. Der Gedanke der Schauspielerin-als-Beruf schwebte jedoch nicht in ihrer Welt. „Das war Freizeit“, stellt Janka im Nachhinein fest, „nicht von meinen Eltern, sondern irgendwo, irgendwann in der Schule schnappte ich den Spruch vom ‚man muss gute Noten haben‘ und ‚was Richtiges lernen‘ auf. Ich war an einem technischen Zweig einer Realschule. Alles lief auf Jobs bei Siemens hinaus. Für mich war das nichts!“

 

Und warum?

 

Also machte die junge Frau Fachabitur. „Wir hatten immer drei Monate Praktikum am Stück“, erzählt sie, „und ich war als 17jährige am integrativen, zirkuspädagogischen Projekt ‚Zirkus Giovanni‘ im St. Josefsheim Bamberg beteiligt, arbeitete mit Kindern und Jugendlichen, vor allem Heimkindern, zusammen. Und mit Artisten, die sehr freigeistig unterwegs waren, weitsichtig… Ich habe mich selber frei gefühlt. Ich war glücklich wie nie.“

Janka Brütting, Foto von Joachim Gern

Janka, Foto von Joachim Gern

Immer noch die Freizeit-Ebene, immer noch nicht der Gedanke ‚Beruf‘. Die frisch gebackene Abiturientin studierte Architektur. „Das interessiert mich nach wie vor“, erklärt sie, „ich schaue gerne Häuser oder andere Gebäude an – überall, denke nach, informiere mich. Aber das Studium fühlte sich nicht richtig an.“ Nebenher übte Janka nach wie vor mit Artisten. Regelmäßig. Und dann war er da, der Gedanke: ‚In der Freizeit mache ich schon immer, was mir Spaß macht, was sich gut und frei anfühlt. Warum gehe ich beruflich einen anderen Weg? Weil ich in der Schulzeit mal einen Spruch aufgeschnappt habe?‘

Fortan schnappte sie Informationen über Schauspielschulen auf. Bei den Jungs und Mädels von Google. Der Rest ist Legende. Ticket in die Hauptstadt… Mit der U-Bahn zum Workshop… Auf nach Berlin! Transform Schauspielschule, Michael Tschechow Studio.

 

Schauspielerin, klar

 

Und, Janka, fühlst du dich jetzt als Schauspielerin? „Jetzt ja“, antwortet sie mit fester Stimme, „als meine ehemalige Dozentin Ilse Ritter mich jedoch an den Münchner Kammerspielen renommierten Kolleginnen und Kollegen als solche vorstellte, das war zwei Wochen nach Abschluss, war mir noch gar nicht so. Das war ein unwirkliches Gefühl.“

Ein bisschen hat da wohl der Lehrgang „Karriere-Tools“ am „iSFF Institut für Schauspiel, Film- und Fernsehberufe“, nachgeholfen. Und die Worte von Vera Schwanenberg: „Ihr seid Schauspieler, verdammt! Alles was Ihr macht, ist gut für euch.“

„Auch eine Zeit lang keinen Job haben, gehört dazu“, befindet Janka, „habe ich kein Material, drehe ich selbst. Lernen kann ich immer.“ Das Schauspielerin sein, stellt sie fest, werde „immer aufs Neue auf die Probe gestellt, immer wieder mal rüttelt jemand oder etwas daran, der Lern- und Entwicklungsprozess hört nie auf.“ Die Berlinerin geht mit offenen Augen durchs Leben, saugt Kultur verschiedener Genre in sich auf und verbindet „alles mit Theater“.

Janka Brütting, Foto von Anna Tiessen

Janka, Foto von Anna Tiessen

 

Zauber

 

Bei aller Liebe zur Bühne schaut sie sich sehr gerne zudem Filme an, „in denen in einer dunklen Umgebung viel Licht ist“. „Das Leben ist schön“, Originaltitel: „La vita è bella“ beispielsweise. Oder „Irina Palm“. „Die Voraussetzungen sind in beiden Streifen ungünstig, düster, grausam“, skizziert Janka kurz, „mit ihrer Liebe wachsen die Filmhelden über sich hinaus, um Familienmitglieder zu retten oder zu schützen.“

Nach Kolleginnen oder Kollegen befragt, die sie gerne bei der Arbeit sieht, ruft die junge Schauspielerin nicht gleich den Fährmann, um über den Ozean Richtung Hollywood oder New York zu überzusetzen. Wie von der Bogensehne geschnellt kommt indes der Name Ilse Ritter. „Während der Ausbildung wollte ich unbedingt in ihrem Unterricht hospitieren“, schwärmt die frühere Schülerin von der Dozentin, „mit ihrer Sensibilität und Feinfühligkeit bringt sie die Studierenden zu Höchstleistungen. Es ist wie ein Zauber. Nach kurzer Zeit hat es bei mir Klick gemacht.“

Natürlich ist Janka ebenso von Roberto Benigni angetan, der für „Das Leben ist schön“ (1997) die Regie führte, beim Drehbuch mit schrieb und die Hauptrolle spielte. Oder Susanne Wolff, die 2012 am Deutschen Theater Berlin den Kreon in „Ödipus Stadt“ spielte („sie hat so viel Ausstrahlung und Kraft, wobei ihre Stärke auf ihrer Sensibilität beruht“).

Janka Brütting, fotografiert von Joachim Gern

Janka, fotografiert von Joachim Gern

Der Schauspielerinnentraum, der Janka Brütting inne wohnt, ist genauer betrachtet, je nach Definition, vielleicht doch eher ein Ziel, auf das sie hin arbeitet. Und auch eher ein Autorinnentraum. Na ja, eventuell beides. „Ich schreibe selber Texte und Monologe. Während meines Studiums brachte ich diese in Form von Eigenarbeit oder mit unserem in der Gruppe selbst geschriebenen Abschlussstück „Just Us“, Regie: Justus Carriére, auf die Bühne“, entknotet sie das leichte Wirrwarr, „es ist ein Riesenhandwerk, das gelernt sein will und ich möchte mal Texte veröffentlichen, die die Bühnen erobern.“

Außer im geliebten Theater nimmt die wissbegierige und neugierige Janka mit der ihr innewohnenden Leidenschaft selbstverständlich auch Film- und Fernsehrollen gerne wahr. Um zu spielen, im Miteinander das Publikum einzufangen, zu begeistern und den Anspruch zu erfüllen, weitestgehend in der Figur zu verschwinden. Und um zu lernen.

JJ

Weitere Informationen: Jankas Webseite

Foto Startseite: Joachim Gern

 

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