Wehe, wenn sie losgelassen…

 

… ist eine deutsche Filmkomödie aus dem Jahr 1958 mit Peter Alexander. Und es ist eine Beschreibung für jene Momente, in denen Julia Seibt vor der Kamera steht – kurz nach dem „Bitte“ des Regisseurs. „Spätestens am Morgen des Drehtages, direkt nach dem Aufstehen, stelle ich mich gedanklich und körperlich auf die Rolle ein“, beschreibt sie, „und dann kann ich endlich spielen. Es ist, als ob der Deckel hoch schießt, heraus kann, was so lange gebrodelt hat und ich so sein kann, wie die Figur es erfordert, wie ich es erarbeitet habe.“

 Julia Seibt, Foto Benedikt Kaiser

Julia Seibt, Foto Benedikt Kaiser

 

„Das Beste, was passieren kann“

 

Und, einmal im Flow, fährt die Schauspielschülerin fort: „Natürlich kontrolliere ich als Julia die Rolle. Ich spiele eine Situation, in der ich noch nie war.“ Wenn dabei etwas anders läuft als geplant, beispielsweise durch eine unerwartete Handlung des Schauspielpartners, heißt es für die Freiburgerin, „schnell zu reagieren, direkt aufzugreifen, zu improvisieren“. Sie geht gar noch einen Schritt weiter: „Wenn etwas schief geht, vielleicht auch noch im Theater vor Publikum, ist es oft das Beste, was passieren kann. Ich muss so darauf reagieren, dass es die Zuschauer im Idealfall gar nicht merken. So entsteht selbst an schlechten Tag etwas Gutes.“ Positives Denken…

Begonnen hat der berufliche Weg von Julia Seibt in die künstlerisch-darstellerische Richtung wie bei vielen anderen auch und stellt sich gleichwohl – wie bei vielen anderen auch – sehr individuell dar. „Ich selber habe nie wahrgenommen, dass ich schauspielerisches Talent habe, dass ich mal diesen Weg einschlagen könnte“, erinnert sie sich an ihre Kindheit und frühe Jugend, „ich wusste wohl, dass es Filme und Theater, dass es Schauspieler gibt, ich hatte Phasen, in denen ich experimentierte, mich beispielsweise jeden Tag in einem anderen Stil anzog und so irgendwie in Rollen auslebte, ich hatte im Chor gesungen, Jugendmusical gespielt, also vor Publikum gestanden; auf die Idee, den Schauspielberuf mit mir in Verbindung zu bringen, bin ich aber nie gekommen.“

Was sie dann sagt, wirft eine Frage auf. „Bis ich an der Schauspielschule war, hatte ich all das nicht wahrgenommen. Alle um mich herum sagten, dass es passt, dass es immer klar war. Nur ich nicht. Auch dann noch nicht!“

 

Wie, um alles in der Welt?

 

Und wie, um alles in der Welt, bist du an die Schauspielschule gekommen, liebe Julia, wie bist du hinein gekommen? Bist du vorbeigeschlendert, gegen die Tür gestolpert, die ging auf, die haben dich nie wieder raus gelassen und nun bist du Schülerin da? 

Julia Seibt, Foto Benedikt Kaiser

Julia hält die provokante Fragestellung nicht mal für sooo abwegig. „Ich wollte Erzieherin werden, einfach etwas mit Menschen machen, Sozialarbeiterin…“, holt sie etwas aus, „und ging an die entsprechende Schule. Da war ich 16 Jahre jung. Am zweiten Tag fühlte es sich schon komisch an, nicht richtig. Das erzählte ich meiner Mutter. Sie kam NICHT mit den üblichen Elternsprüchen. Am vierten Tag schickte sie mir eine SMS: ‚Vorsprechen an der Schauspielschule übermorgen'“.

In Comics steht an solchen Stellen meistens Bääng! oder Wummm! Wahrscheinlich auch in Julias Gedanken. „Ich kannte mich null aus“, schildert sie, was infolge passierte, „ich solle einen Monolog sprechen, sagte meine Mutter, und musste erst mal googeln, was das genau ist, welchen Monolog ich auswählen könnte… und… und… und… Es war was Großes, Riesiges dann an der Schule, ich war unsicher und freudig zugleich beim Vorsprechen.“ Und es hat geklappt. „Meiner Mama bin ich sooo dankbar“, freut sich die Tochter nach wie vor, „man soll nichts machen, was man nicht will, sonst macht man es schlecht“, befindet sie, „ich kann zwar gut mit Kindern, aber beruflich wäre es falsch gewesen!“

Den ersten Moment, als es los ging mit dem Unterricht, nahm Julia Seibt „cool“ wahr. Als mit Abstand jüngste unter vielen älteren, erfahreneren Kommilitonen machte sich in ihr die Mixtur breit aus Gespanntheit, Unsicherheit, vielen Fragen einerseits, und gleichwohl der Überzeugung : „Ich wollte es machen, wollte mich austauschen.“

 

„Nichts ist peinlich, endlich darf ich“

 

Anfangs begleitete die Schülerin „großer Respekt“, sie sei indes „von Stunde zu Stunde rein gewachsen“. All die ungewöhnlichen, Außenstehenden verrückt erscheinenden Übungen stimmten sie nach einer gewissen Eingewöhnungsphase gar froh. „Mir war nichts mehr peinlich, im Gegenteil, endlich durfte ich. Manchmal war ich zuhause noch aufgedreht“, schildert Julia Situationen, die sie zuweilen „bis in die Nacht wach“ hielten.

Julia Seibt, Foto Benedikt Kaiser.

Julia Seibt, Foto Benedikt Kaiser

Die Zeit bis jetzt an der Freiburger Schauspielschule assoziiert die mittlerweile 19jährige mit dem Erwachsen werden. „Mit 18 oder später wäre es anders gewesen“, sinniert sie, „ich konnte alles gut mitnehmen, mir die Frage: Wer bin ich, wer will ich sein? beantworten. Es war eine Therapie für die Seele.“

Und die 1,70 große Frau mit den blaugrauen Augen sagt: „Die Erfahrungen an der Schauspielschule haben mich ins Leben geholt!“ In einer Lebensphase, in der Jugendliche selten zugeben, wie wichtig die Eltern sind, nichtsdestotrotz einen gewissen Halt besonders nötig haben, starb Julias Vater. „Wahrscheinlich deshalb war meine Mama so darauf bedacht, dass ich den für mich richtigen Weg gehe und wohl deshalb war sie zu 100 Prozent an meiner Seite“, interpretiert sie die Umstände. In der Stimme der Tochter mischen sich, während sie das alles erzählt, Nuancen der Traurigkeit mit Gefühlen der Dankbarkeit, freudigen Emotionen über die Gegenwart und zuversichtlicher Spannung auf das, was da noch kommen wird.

Aktuell zeigt sich Julia Seibt erstmal „froh, in der Ausbildung verschiedene Charaktere spielen zu können, nicht festgelegt zu werden“ und auch „den kompletten Kontrast“ von sich selbst darstellen zu dürfen. Schauspiel gibt ihr die Möglichkeit, „Leute kennen zu lernen, die komplett anders sind und durch den gemeinsamen Beruf, das gemeinsame Ziel, einen gemeinsamen Weg mit ihnen zu gehen“.

 

„Erfahrungen in komplett neuer Truppe“

 

Nach Beendigung des Studiums in einem Jahr geht die Realistin davon aus, dass „eh alles anders kommt und so wie es muss“. Festgelegte Pläne sind deshalb nicht ihre einzige Grundlage. „Ich bin gerade am Schauen und Überlegen“, informiert sie, „mich reizen Theater und Film/Fernsehen gleich, ich möchte synchron sprechen oder Hörbücher, das finde ich sehr spannend. Auch Musical mag ich sehr. Auf jeden Fall werde ich mich nach Abschluss weiterbilden, Workshops absolvieren, andere Schauspieltechniken erlernen.“ Und Julia freut sich darauf, dann „Erfahrungen in komplett neuen Truppen“ sammeln zu können.

„Nach der Schule bin ich noch nicht fertig“, ist sich die wissensdurstige junge Frau sicher, „da ist dann noch viel mehr… es ist nie zu Ende, gibt immer Neues, ich will mich entfalten.“ Festgelegt auf eine Rolle oder einen Rollentyp will die Schauspielerin nicht sein, vielmehr blickt sie gespannt Aufgaben „mit ganz vielen Emotionen“ entgegen, „wenn sich etwas aufbaut und das ganz ehrlich von innen kommt“.

Julia Seibt, Foto Benedikt Kaiser

Julia Seibt, Foto Benedikt Kaiser

Genau darin wähnt Julia Seibt ihre Stärken, und das „vom braven Mädchen bis zu der Frau, die es faustdick hinter den Ohren hat“. Kontraste eben. Sie geht davon aus, dass „Schauspiel ein hartes Business ist und bleibt, in dem einem nichts zugeflogen kommt“.

Auf Schauspieler angesprochen, die sie gerne in Action sieht, hält sich die Schwarzwälderin zurück. Es sind zu viele. „Jeder hat seine Art“, begründet sie, um dann doch – und das begeistert – Nuscha Nistor zu nennen, „unsere Lehrerin und Regisseurin an der Schauspielschule Freiburg. Wenn sie, um uns etwas vorzumachen, mal was zeigt… ist Gänsehautzeit“. Dann schaut Julia weit zurück: „Charlie Chaplin hätte ich gerne mal live gesehen!“

Ein gelungener, guter, echter, ehrlicher, berührender Film ist für sie schlicht und einfach, „wenn ich nicht merke, dass es ein Film ist“. Als selbst Schauspielerin falle ihr zwar manches auf, am liebsten mag sie indes „einfach nur zuschauen und was davon mitnehmen und lernen“.

In einem Jahr, wenn die behütete Zeit an der Freiburger Schauspielschule vorbei ist, wird sie so richtig losgelassen, die Julia Seibt. Sie wird nicht verharren, vielleicht kurz durchschnaufen, und dann wird der Deckel hoch gehen und heraus schießen, was da brodelt. Und wenn wir nicht bei drei auf dem Baum sind, werden wir Emotionen spüren. Gespielt und gleichwohl ehrlich von innen.

JJ

Weitere Informationen: Julias Webseite und Julias facebook Seite

Foto Startseite: Benedikt Kaiser

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