Wir hätten auch tanzen können

 

Als ich mit Kerstin Bodensiek telefoniere, also ich frage und sie antwortet, sie redet und ich zuhöre – oder umgekehrt, denke ich manchmal, wir hätten auch tanzen können. „Paartanz ist nonverbale Konversation“, sagt sie, „wir hören mit dem Körper, wir antworten mit dem Körper.“

Kerstin, fotografiert von Reinhard Bodensiek

Kerstin, fotografiert von Reinhard Bodensiek

 

Magie

 

Oft, auf Festivals oder Salsa-Partys, trifft die junge Frau auf bis dahin völlig fremde Menschen. „Während des Tanzes, in diesen drei bis fünf Minuten, bin ich mit dieser Person verbunden“, befindet sie, „wir gehen aufeinander ein, das hat was Magisches.“

Begonnen mit dem Tanz hat Kerstin beizeiten. Als kleines Mädchen, damals noch in Kolumbien, war sie auf einem Fest plötzlich verschwunden, kursiert heute noch in Familienkreisen eine Anekdote, von der die inzwischen Bielefelderin nicht weiß, ob sie sich aus sich heraus daran erinnert, oder weil die Story öfter mal erzählt wird. Wie auch immer. Die Eltern fanden ihr Kind auf einer Bühne – inmitten von Tänzerinnen und Tänzern. Und nicht staunend, sondern mitwirkend.

Und was die Begleitumstände anbelangt, als Kerstin im Kindergarten mal in ihrem Kleidchen aus einem Karton stieg, um einen kolumbianischen Tanz aufzuführen, besinnt sie sich „noch deutlich an die Hitze – und ebenso genau an die Choreographie“. Gewichen aus ihr ist diese Leidenschaft, sich nach Musik zu bewegen, nie.

Kerstin tanzt Folklore, Foto Ian Setradharma

Kerstin tanzt Folklore, Foto Ian Setradharma

„Es war immer in mir“, erinnert sich die seit ihrem siebenten Lebensjahr in Deutschland beimatete studierte Psychologin, „ich tanzte mit meiner Cousine, als ich um die 10, 11, 12 herum war, nach MTV-Videos. Dann, mit 13, 14, schien mir, da ich sehr gläubig war – und noch bin – das Tanzen ein wenig heikel, unsittlich.“ So wirkte sie beispielsweise als Teenie während eines Kolumbien-Abends zwar bei einem Folklore,- nicht aber einem Bauchtanz mit.

 

Früher anfangen?

 

„Heute denke ich manchmal, ich hätte früher anfangen sollen, ernsthaft und regelmäßig zu trainieren“, hadert Kerstin ein bisschen mit sich, „ich hatte als Kind oder Jugendliche nie gedacht, mal beruflich zu tanzen. Für mich war immer klar: Abitur, Studium, Psychotherapeutin-Ausbildung. Ich habe mir wahrscheinlich tänzerisch zu wenig zugetraut. Dennoch investierte ich neben dem Studium so viel Zeit mit Tanzen, dass ich die Chance bekam, mir damit ein bisschen Geld dazuzuverdienen. Ich lernte dann den Tanzlehrer Jean-Paul Streden kennen, bei dem ich eine Ausbildung als Tanzlehrerin begann. Zunächst nur aus reinem Interesse, aber später ergab sich die Möglichkeit, mit ihm für einen Salsaauftritt zu trainieren, da seine Tanzpartnerin leider an dem Termin ausfallen musste…“

Eigentlich… (ist „eigentlich“ eigentlich ein doofes Wort?)… egal, eigentlich wollte Kerstin Bodensiek Psychiotherapeutin werden, als solche arbeiten. Aber wie das so ist mit eigentlich, ließ sich das Leitbild, das gelehrt wurde, nicht mit ihrer eigenen und inneren Überzeugung vereinbaren. „Ich hatte sooo viel für den Tanz gemacht“, kam hinzu, „da konnte ich doch nicht aufhören…“

Kerstin Bodensiek, Foto von Daniel Carreño

Foto von Daniel Carreño

Ein Gordischer Knoten? Eher ein Fall für „aus zwei mach eins“. Kerstin stellte Parallelen fest. Aus Tanz und ihrer Sicht von Psychologie. „Im Gespräch mit den Menschen suche ich nicht primär nach Ursachen, krame nicht zwingend in der Vergangenheit, es geht auch nicht ums Ratschläge geben, sondern wir suchen gemeinsam nach Ressourcen, Zielen, Stärken und Fähigkeiten, die neue Lösungs- und Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen“, fasst die Fachfrau kurz zusammen.

 

Einfach wegtanzen

 

Und beim Tanz? Die Parallele? „Tanz ist Therapie, ohne Therapie zu sein“, löst Kerstin den Knoten, noch bevor er gordisch wird, „erst zuhören, dann antworten, in der systemischen Beratung wie im Austausch zu zweit auf der Tanzfläche.“

„Stress lässt sich wegtanzen“, weiß sie, „die Sorgen vergessen. Zu den Salsa-Kursen kommen Leute aus allen Altersgruppen, allen Schichten, vom Studenten bis zum Akademiker. Wir haben eine 75jährige Frau, die strahlt beim Tanz.“

Die Techniken, korrekten Schrittfolgen, die Haltung, all das sieht Kerstin als Werkzeug: „Das muss sein, es darf aber nicht alleine darum gehen. Es geht um Gefühle, Liebe, Leidenschaft. Wir zeigen, wir wir sind, legen die Masken ab. Die Salsa Tänzerin Magna Gopal hat mal gesagt: ‚Lerne die Regel. Beherrsche die Regel. Breche die Regel‘.“

 

Energie

 

Tanzt Kerstin alleine, tritt sie in Verbindung zu sich selbst, die Musik bietet den Rahmen, im Paar findet ein Gespräch statt, ein Geben und Nehmen. Agiert sie in der Gruppe, zieht sie „die Energie für sich raus“… aber bei allen drei Varianten stellt sie sich die Frage: „Wie bringe ich mich ein, welche Geschichte erzähle ich?“

Kerstin Bodensiek mit Tanzpartner, Foto von Emmanuel Verivakis

Kerstin mit Tanzpartner, Foto von Emmanuel Verivakis

Wenn die agile, junge Frau ihre Lebensgeschichte erzählt, klingt es irgendwie gar nicht typisch deutsch und irgendwie doch. Sie jammert nicht. Es kam wie es kam und das ist gut so und es hatte seinen Sinn. Das ist überhaupt nicht typisch deutsch.

Deutsch indes war ihr Urgroßvater. „Deshalb auch der Familienname“, erklärt Kerstin Bodensiek, „und deshalb gaben unsere Eltern uns Kindern, wenngleich wir in Kolumbien lebten, deutsche Vornamen. Ich bin meinen Eltern dankbar, dass wir hier her umgesiedelt sind. Die Bildungschancen, die Mentalität, das Frauenbild…“

 

Tanzen als Frau

 

Apropos Frauenbild. „Ich bin sehr feministisch geprägt“, macht die Bielefelderin deutlich, „auch im Tanz. Führen und folgen sind für mich nicht geschlechtsabhängig. Ich führe gerne, ich folge gerne. Durch das Schlüpfen in verschiedene Rollen konnte ich sehr viel als Tänzerin und auch als Frau lernen.“ Und sie stellt fest: „Wenn wir alle die Stereotypen mehr hinterfragen würden, die in unseren Köpfen lauern, könnten wir viel zufriedener leben. Dann könnte jeder das ausleben, was ihn oder sie wirklich glücklich macht, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sozialem Status“.

Mit Tanzpartner Jean-Paul Streden, Foto Luka Kivela

Mit Tanzpartner Jean-Paul Streden, Foto Luka Kivela

Kerstins Plan ist, als Tanzlehrerin und mit ihrer erst kürzlich eröffneten Praxis „WechselSchritt“ (gemeinsam mit Lilli Seboldt) das Leben finanzieren und Menschen helfen zu können. Mein Plan war, sie hier ein wenig vorzustellen. Ob es besser gewesen wäre, zu dem Zweck mit Kerstin zu tanzen als zu reden? No lo sé…

JJ.

Weitere Informationen: Webseite WechselSchritt und facebook Seite WechselSchritt oder Webseite Floracion/Team und facebook Seite Floraciondance sowie Kerstin auf Instagram

Foto Startseite: Luka Kivela

Ein Kommentar:

  1. Pingback:Was mir das Tanzen für mein Leben gelehrt hat – Wirkliches Zuhören | WechselSchritt Praxis für Beratung | Coaching | Training

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*