Welcher Charakter bin ich?

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Antonia Jonas, fotografiert von Bernd Brundert

Antonia Jonas,
fotografiert von Bernd Brundert

Welcher Charakter bin ich gerade? Diese Frage stellt sich Antonia Jonas öfter mal. Und einmal durfte sie sich als Drama-Queen bezeichnen lassen. Zudem will sie nicht immer denken müssen: ‘Ist das jetzt unhöflich?’.

Was ist los mit der jungen Frau? Ganz einfach. Sie ist Schauspielerin. Da muss das so.
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Die Berlinerin mit den braun-grünen Augen erzählt uns das alles selbst. Auch, welche Rollen sie gerne spielen möchte. Und dazu reicht ihr ein Wort.
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Schaun mer mal. Hier und jetzt:

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“Ich bin gleich in eine Spiel-Trance gefallen und wollte gar nicht mehr aufhören”

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JJ: Antonia, du tanzt gerne, hat Tanz aus deiner Sicht etwas mit Schauspiel zu tun; hilft er, beispielsweise bei der Beherrschung des Körpers (auch auf der Schauspielbühne oder vor der Kamera)?
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Antonia Jonas: Auf jeden Fall! Ich denke, es ist sehr wichtig, immer mit seinem Körper in Verbindung zu bleiben, sei es auf der Bühne oder vor der Kamera, und ihn für die jeweilige Figur zur Verfügung zu stellen. Zum Beispiel durch ein bestimmtes Körpergefühl oder die Art der Bewegung. Nur wenn ich mein eigenes Körpergefühl genau kenne, kann ich es für eine Figur transformieren.
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Manchmal hilft es schon, seinen Körper anders zu bewegen, um auch andere Gedanken zu bekommen. Wenn ich eine Person spiele, die sich in einer traurigen Situation befindet, kann ich nach einer Schwere im Körper suchen. Das schafft automatisch eine dunkle Atmosphäre in mir selbst und macht mich zugänglicher für ebensolche Gedanken.
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JJ: Warst du in deiner Kindheit schon eine kleine Entertainerin, wann wusstest du, dass Schauspiel ein Beruf ist, wann wusstest du, dass es dein Beruf ist?
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Antonia Jonas: Ich weiß nicht mehr wirklich, ob ich als Kind gerne entertained habe. Ich hatte viel Spaß an Dingen, die in diese Richtung gegangen sind. Aber das war überhaupt nicht so, dass ich gedacht habe, oh, das will ich mal machen oder ich will jetzt in eine Kindertheatergruppe. Es war mehr versteckt. Ich habe gerne präsentiert – wie ein Referat über das Eichhörnchen, gerne gesungen, auch Stimmen imitiert, eigene Radioshows auf Kassette eingesprochen und meine Freundinnen als Gäste interviewt.
Antonia Jonas, fotografiert von Bernd Brundert

Antonia Jonas, fotografiert von Bernd Brundert

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Im Gymnasium hat sich das alles verändert. Ich hatte ein Grauen vor Referaten, habe nicht mehr gerne gesungen oder mich präsentiert. In dieser Zeit habe ich mich mehr in die Malerei/Kunst Leistungskurse zurück gezogen. Am Gymnasium war auch mein erster bewusster Kontakt mit Schauspiel als Beruf.
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Ich kann mich noch gut an eine Vorstellung der Theater AG erinnern, die ich gesehen habe. Ich war ganz aufgedreht, fasziniert sowie auch entsetzt und fassungslos. Meine Gedanken waren ganz klar: Nicht im Traum würde ich mich so etwas trauen, mich dahin zu stellen und mich all den Augen auszusetzen. Ich dachte: Haben die nicht ständig Angst etwas falsch zu machen?
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Meine nächste Berührung war während meiner Australienreise, die ich nach dem Abitur gemacht habe, weil ich nicht wirklich etwas mit mir anzufangen wusste. Ein Freund in Sydney hat mir erzählt, dass er Schauspieler werden will und regelmäßig an so einem Improvisations-Training teilnimmt und ich sollte doch unbedingt mal mitkommen. Er hat so darauf beharrt. Zwei Wochen hatte ich täglich Panik vor diesem scheinbar harmlosen Kurs, aber ich wollte nicht weglaufen, weil neben der Angst auch ein großer Funken Neugierde in mir aufgekeimt ist.
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Dann endlich angekommen hat es einfach bumm gemacht. Wie wenn man sich auf einmal verliebt. Ich habe einfach nur mit einem Stuhl improvisiert, aber meine Fantasie hat nur so losgelegt, ich bin gleich in eine Spiel-Trance gefallen und wollte gar nicht mehr aufhören. Tja, da habe ich dann beschlossen oder erkannt, wohl keine andere Wahl zu haben als an einer Schauspielschule vorzusprechen.
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JJ: Hattest du, als du dann zur Schauspielschule gegangen bist, das Gefühl: hier bin ich richtig!?
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Antonia Jonas: Ja, zum ersten Mal in meinem Leben!
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JJ: Worin besteht deine ganz persönliche Faszination Schauspiel, Antonia, sowohl wenn du zuschaust als auch wenn du selbst spielst?
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Antonia Jonas: Ich kann einfach alles leben – in einem Leben. Oder sagen wir vieles leben. Mein eigener Charakter reicht mir nicht. Ich will auch viele andere Charaktere erleben. Es gibt so viele in mir, dass ich manchmal gar nicht genau weiß, welcher ich denn jetzt wirklich bin. Manchmal denke ich, es gibt gar nicht den einen eigenen Charakter. Es ist eine Erfindung. Eine Mischung aus Erziehung und Umfeld und so weiter und so fort.
Antonia Jonas; Foto Bernd Brundert

Antonia Jonas;
Foto Bernd Brundert

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Also kann man auch ganz einfach für einen kurzen oder langen Moment eine andere Erfindung sein. Dann fasziniert mich die Verbindung zwischen den Menschen, die in der normalen Welt meist sehr pragmatisch oder an der Oberfläche gehalten wird. Ich glaube, viele wissen gar nicht mehr, wie sie wirklich auf eine Person reagieren würden, wenn sie sich ganz nach ihrem Instinkt richten würden.
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Es gibt so viele Filter und Einstellungen in uns, dass wir eben danach reagieren – wie in einem Computerprogramm. Negative Gefühle gegenüber anderen sind meist störend oder etwas Unschönes und werden überspielt oder mit Nettigkeit ummantelt. Auf der Bühne oder vor der Kamera wird genau auf das ein Auge gelegt, das eigentlich zwischen den Menschen da ist, ganz unverfälscht. Ich genieße es und finde es erleichternd, bei der Arbeit zum Beispiel während einer Szene nicht denken zu müssen: ist das jetzt unhöflich? Oder ist das zu heftig, zu gemein? Ganz im Gegenteil.
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Alles was da so aufkommt zwischen den Spielpartnern ist richtig, wertvoll, interessant und schätzbar. Manchmal muss ich noch den Mut aufweisen, wirklich auf diese Intuition zu vertrauen und das alles zuzulassen. Manchmal hindert mich der Gedanke, ach das ist doch nur mein eigenes Drama und hat da nichts zu suchen (besonders ein Schauspiellehrer hat mich einmal sehr verunsichert, weil er mich abschätzig als Drama Queen bezeichnet hat) aber ich kann genau diesem Drama oder anders gesagt diesen überlaufenden Gefühlen Raum geben, die in mir walten und im normalen Alltag keine Ahnung haben, was sie hier sollen. Es ist die Quelle, die ich benutzen kann, um jegliche Situationen meiner Figur zum Leben zu erwecken.
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JJ: Erstmal: Was geht in dir vor, während du in eine Rolle schlüpfst, wenn also am Kameraset der Regisseur “Bitte” sagt oder auf der Bühne dein Stichwort fällt, genau in den Momenten?
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Antonia Jonas: Es ist ein Stich in der Brust und ich werde wie angeschaltet, wie aktiviert. Es ist wie ein inneres kleines Feuer, stechend und warm zugleich. Dann muss ich mich überwinden, alle Zügel loszulassen, die Energie nicht aus Angst abzuschalten, sondern ihr freien Lauf zu lassen und dann frohen Mutes den Abgrund hinunter zu fallen, also ohne Skrupel, sondern mit Vertrauen einfach loszulegen.

Antonia Jonas; fotografiert von Bernd Brundert

Antonia Jonas; fotografiert von Bernd Brundert

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JJ: Und: In “Der Teufel mit den drei goldenen Haaren” am Musiktheater Pampelmuse musst während einer Aufführung gleich in mehrere Rollen schlüpfen (Teufels Großmutter, Prinzessin, Müllerin, Brunnenweib, Fährmann). Plaudere mal bitte, weil die Charaktere doch sehr verschieden sind, aus dem Nähkästchen, wie du vorgehst. (hilft dir beispielsweise der Kostümwechsel, oder, oder, oder…?)
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Antonia Jonas: Ich versuche erstmal mit Spaß und Intuition die Erschaffung der Charaktere zu starten. Das Brunnenweib hat mich an meine Oma aus Bayern erinnert. Ich nahm ein bisschen bayrischen Akzent, ihre Gutmütigkeit, ihr Bedürfnis nach einem höflichen, positiven Austausch mit anderen – und heraus kommt eine ganz eigene Figur.
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Für die Großmutter des Teufels habe ich ehrlich gesagt erstmal einfach ordentlich „abgespackt“ und es dann versucht, in eine wiederholbare Form zu bringen. Die Figur der Mutter war etwas schwieriger zu greifen für mich, ich war immer ein wenig zu streng zu meinem Spielpartner, der Regisseur wollte aber eine ganz liebevolle und entspannte Mutter. Letztlich habe ich die Figur gefunden, indem ich meinen Spielpartner als etwas Kleines, Zartes betrachtet habe, auf das ich gut aufpassen muss.
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Also erst kommt eine Idee, dann meist automatisch richten sich Körper und Stimme nach dieser Idee und dann auch die Gedanken, also das Innere. Und klar, Kostüme helfen der Fantasie für die erste Idee.
JJ: Erzähle mal bitte, welche Herausforderungen du für dich ganz persönlich in Musikvideos siehst. (zum Beispiel Beatrice Egli “Herz an”)
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Antonia Jonas: Herausforderung ist die Ausdruckskraft in Bildsprache anstatt in gesprochenes Wort zu transportieren. Das heißt, ich versuche ein Stück expressiver mit Gestik und Mimik umzugehen als wenn ich zum Beispiel eine Szene für einen Film spiele.
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In dem Musikvideo „Herz an“ sollte ich eine sehr gestresste Businessfrau verkörpern. Ich habe erstmal ganz fein mit dem Spiel angefangen, wie ich es in einem Film machen würde, also einen inneren Stress-Monolog geführt. Der Regisseur wollte mehr und hat mich angeheizt. Dann bin ich über das Feine hinaus und habe mich körperlich mehr in den Stress hinein begeben und versucht, die Energie zu erreichen, die ich kurz vorm Ausrasten habe. Damit es nicht theatralisch oder gestellt aussieht, habe ich mir eine Situation vorgestellt, in der ich mich einfach nur so aufregen könnte – aber eben nicht kann – und mir gesagt: so, jetzt darfst du.
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JJ: Antonia, welche Schauspielerinnen oder Schauspieler, egal ob hierzulande oder in Übersee, egal ob aktuell oder in vergangener Zeit, siehst du gerne bei der Arbeit? Und: Was muss ein Film haben, dass er dich aus dem Sessel reißt oder in ihm fesselt?
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Antonia Jonas: Besonderes internationale Schauspieler schaffen es, mich aus den Socken zu hauen. Sie scheinen ihr Handwerk wirklich sehr gut zu meistern. Aber nicht nur. Jeder Schauspieler (ob bekannt oder nicht), der es schafft, jegliche Art von existierenden Emotionen in jedem beliebigen fiktiven Moment zu spielen – in einer derartigen Tiefe, der vor lauter Spaß beim Spielen nicht mehr zu bremsen ist und diese Wachheit, diesen Glanz in den Augen hat, der sich gehen und weit in den Charakter fallen lässt, vor dem sage ich Hut ab und dem schaue ich gerne zu.
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Story mäßig ist es mir wichtig, dass es harte Turning Points gibt, Wendungen, die man einfach niemals erwarten würde und die so gut vorbereitet sind, dass ich nur denke: wtf (JJ: What the fuck?). Wenn die Geschichte gut verwoben und verzwickt ist, wenn ich denke, was zur Hölle geht da ab, wenn ich wirklich genau aufpassen muss, um folgen zu können und gefordert werde, dann hat der Film es geschafft und ich beiße an.
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Ich hänge dem Film dann quasi an den Lippen und er schafft es, so viele unterschiedliche Arten von Gefühlen in mir auszulösen. Filme haben wirklich eine große Macht. Sie können inspirieren, zum Lernen antreiben und Mut machen. Und eine gute Comedy wie „Arrested Development“ zum Beispiel kann tatsächlich heitere Laune und Gelassenheit erzeugen. „Rush“ war der letzte Film, von dem ich begeistert war, schauspielerisch und auch von der ganzen Umsetzung.

Antonia Jonas, Foto Bernd Brundert

Antonia Jonas,
Foto Bernd Brundert

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Ich finde Daniel Brühl als Niki Lauda einfach genial. Er hat seine Mimik, Körperlichkeit, Stimmlage und Akzent in zwei Sprachen auf einmal so verändert, dass er einem ganz anderen Menschen so ähnlich sein kann und das auch noch so gut geübt, dass er nebenbei noch die Situationen der Szenen herausragend spielt.
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JJ: Lass’ uns mal eben träumen, welche Bühnen- oder Fernsehrollen möchtest du gerne mal spielen – oder wo, oder mit wem…?
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Antonia Jonas: Ich will einfach alles mal spielen!
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JJ: Danke und viel Spaß.
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Foto Startseite: Bernd Brundert
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