Brücken aus dem eigenen Leben

 

Marion Alessandra Becker, Foto von (c) Jesper Skoubølling

Foto von (c) Jesper Skoubølling

An dieser Stelle habe ich schon viele Schauspielerinnen und Schauspieler vorgestellt. Bei fast allen hat sich die spätere Berufswahl schon im frühen Kindesalter abgezeichnet. Auch bei Marion Alessandra Becker.

Viele gingen den Weg zur Schauspielschule oder direkt in Fernseh- oder Theaterproduktionen recht zügig und ohne Umschweife, manche nahmen Umwege. Marion Alessandra indes ließ sich etwas mehr Zeit. „Mit 54 Jahren zähle ich zu den Nachwuchstalenten. Erst mit 50 wagte ich den Quereinstieg ins Schauspielfach“, spricht sie gelassen aus, was einiges änderte.

Warum, wieso, weshalb? Hier und jetzt erzählt es uns die leidenschaftliche Hobby-Taucherin:

 

„Als ich 50 wurde, hatte ich plötzlich das Gefühl, niemandem mehr entsprechen zu müssen“

 

JJ: Marion Alessandra, worin besteht deine persönliche Faszination Schauspiel, welche Filme, Serien oder Theaterstücke schaust du gerne, was macht dir am selbst spielen Spaß?

Marion Alessandra Becker: Die Faszination am Schauspiel besteht für mich tatsächlich nicht allein darin, in andere Rollen zu schlüpfen, sondern auch darin, Dinge, Menschen oder Situationen aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu versuchen, mich wirklich hineinzuversetzen. Das sollte man hin und wieder im echten Leben auch versuchen, aber natürlich beschäftigt man sich in Vorbereitung auf eine Rolle viel intensiver mit Charakteren und Themen, mit denen man sonst gar nicht in Berührung kommen würde. Oder auch mit anderen Zeiten zum Beispiel – bei historischen Stoffen.

Ich bin ein Fan von Fernseh-Mehrteilern, zum Beispiel „Weißensee“ oder auch „Ku’damm 56“. Die „Lindenstraße“ gucke ich seit der ersten Folge. Ich finde es toll, in Familiengeschichten einzutauchen und zu erleben, wie sich die Figuren entwickeln. Oft geht es mir so, dass ich am Ende eines Films da sitze und traurig bin, weil ich gerne noch wissen will, wie die Geschichte weitergeht.

Marion Alessandra Becker; Foto von (c) Jesper Skoubølling

Foto von (c) Jesper Skoubølling

Ich hätte zum Beispiel bei „Herr der Ringe“ ewig im Auenland bleiben können. Ich liebe die kleinen, menschelnden Geschichten. Ich habe auf der Berlinale mal eine siebenstündige Dokumentation über ein Dorf in den Bergen in Österreich gesehen. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Großartig finde ich übrigens aber auch „Games of Thrones“, im Grunde ja auch eine Familiengeschichte.

Im Theater gibt es für mich keine spezielle Richtung. Entweder es packt mich oder nicht. Grundsätzlich spiele ich lieber selbst, als Theater zu gucken.

JJ: Du hast im zarten Alter von 50 Jahren den Quereinstieg ins Schauspielfach gewagt. Hat bis dahin die Schauspielerin in dir geschlummert, wollte raus und konnte nicht, wollte sie nicht raus… was auch immer? Gab es einen Anlass?

Marion Alessandra: Zartes Alter ;-), schön gesagt. Ich glaube, ich bin jemand, in dem sehr viele Talente schlummern, aber kein Talent war aus meiner Sicht so außergewöhnlich, dass es nur diesen einen Weg gegeben hätte. Ich habe immer alle beneidet, die schon früh ganz straight ihren Weg gegangen oder ihrer Berufung gefolgt sind.

Rückblickend muss ich sagen, dass das Schauspielherz aber immer in mir schlummerte und eigentlich auch immer raus wollte. Das fing schon an, bevor ich zur Schule kam, dass ich mich verkleidet und etwas aufgeführt habe. Ich wollte auch unbedingt auf die Schauspielschule gehen. Dann habe ich mit 18 Jahren meine Jugendliebe getroffen und alles andere rückte in den Hintergrund.

Ich habe mich für einen kaufmännischen Beruf entschieden. Und bei dem bin ich hängengeblieben. Der Drang auf die Bühne zu gehen war aber schließlich doch zu stark. Ich fing erst an als Frontsängerin mit verschiedenen Bands neben dem Job durch die Berliner Clubszene zu tingeln. Mit 40 dachte ich, es wäre zu spät noch ins Schauspielfach zu wechseln. Erst mit 50 gelang es mir, diesen Glaubenssatz abzulegen.

Es gab nicht einen konkreten Anlass, es war vielmehr die Summe aller Dinge und sicher auch das Ergebnis meiner persönlichen Entwicklung. Als ich 50 wurde, hatte ich plötzlich das Gefühl, niemandem mehr entsprechen zu müssen. Aus diesem Befreiungsgefühl heraus habe ich meinen Job gekündigt. Das hat sich großartig angefühlt.

JJ: Was haben dir deine Ausbildungs-Workshops oder Coachings gegeben? Hattest du gleich das Gefühl, dass du da richtig bist?

Marion Alessandra: Mit 50 Jahren ist es natürlich sehr schwierig, noch den klassischen Weg über eine Schauspielschule zu gehen, viele Schulen haben auch ein Maximalalter. Insofern waren die Workshops und Coachings für mich meine individuelle Schauspielschule.

Marion Alessandra Becker; Foto: (c) Stephan Steinhauser

Marion Alessandra Becker; Foto: (c) Stephan Steinhauser

Mir hat es einerseits einen Zugang zu den verschiedenen Schauspielmethoden gebracht, aber ich konnte auch viele wertvolle Kontakte knüpfen. Jeder Schritt, den ich gegangen bin, hat für mich irgend etwas Neues ergeben. Über meinen ersten Workshop habe ich zum Beispiel bei insgesamt drei Theaterproduktionen mitgewirkt. Durch einen anderen Coach habe ich eine Agentur gefunden.

Und vor allem wurde ich durch das positive Feedback von Coaches und Teilnehmern immer bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich habe sowieso manchmal den Eindruck, dass ich noch nie so viel Zuspruch erhalten habe. Von meinem alten Job kannte ich das jedenfalls nicht.

JJ: Fühlst du dich als 100 Prozent Schauspielerin (seit wann)?

Marion Alessandra: Das ist eine gute Frage. Ich tat mich anfänglich sehr schwer damit, mich Schauspielerin zu nennen. Ich musste üben, es auszusprechen. Als ich nach dem Camera Actors Studio 2016 eine Agentur gefunden hatte, ging es mir schon etwas leichter über die Lippen.

Heute bin ich damit ganz rund, weil ich mich inzwischen seit mehr als drei Jahren tagtäglich mit diesem Beruf beschäftige. Zum Beispiel auch dann, wenn ich so wie jetzt deine Fragen beantworte.

JJ: Erzähle mal bitte, was für dich ganz persönlich den Unterschied Bühne/Kamera ausmacht?

Marion Alessandra: Das ist ganz einfach. Die Bühne ist live, du spielst vor Publikum und bekommst direktes Feedback. Bei lustigen Stücken können Lacher aus dem Publikum dich zum Beispiel noch mehr anspornen. Außerdem musst du laut und deutlich sprechen und große Bewegungen machen.

Vor der Kamera ist alles reduziert. Je näher die Kameraeinstellung an dir dran ist, desto weniger bewegst du dich, sonst gäbe es nur unscharfe Bilder. Vor der Kamera zu spielen ist insgesamt viel technischer, viel präziser. Und die Sprache sollte man auch schleifen lassen. Es ist zum Beispiel ein NO GO das „t“ bei dem Wort „nicht“ auszusprechen. Das wirkt schnell unnatürlich.

Außerdem spielst du die Szenen in den seltensten Fällen chronologisch. Du musst also in der Lage sein, dich zu jedem Zeitpunkt schnell in die jeweilige Gefühlslage hineinzuversetzen. Ich finde, das ist eigentlich die größten Herausforderung.

JJ: Wenn du vor der Kamera oder auf der Bühne stehst und der Regisseur sagt „Bitte“ oder dein Stichwort fällt, du schlüpfst also in eine Rolle, was passiert in dir, was denkst oder fühlst du, wie viel Marion Alessandra bist oder bleibst du?

Marion Alessandra: Also, das ist durchaus unterschiedlich. Im besten Fall bin ich ganz in der Rolle, denn ich konzentriere mich ja schon vorher auf die Szene. Manchmal baue ich mir aber auch Brücken aus dem eigenen Leben. Es ist zum Beispiel wichtig, dass du dich an etwas konkretes erinnerst, wenn der Charakter, den du spielst, sich an etwas erinnert. Da greifst du dann auf Erinnerungen aus dem eigenen Leben zurück.

Ich habe zum Beispiel in einer Szene mal gesagt: „Ich erinnere mich an den Blumengarten“. Dann habe ich mir ganz konkret den Garten meiner Großeltern vorgestellt. Das hat super funktioniert. Die Kamera sieht, dass du dich an etwas erinnerst.

JJ: Und was machen die Kollegen mit dir, wie wichtig sind sie, wie beeinflussen sie dich?

Marion Alessandra: Auch da gibt es große Unterschiede. Es ist immer ein Geschenk, auf jemanden mit einer tollen Spielenergie zu treffen. Wenn dies nicht der Fall ist, dann muss ich alles aus mir selbst heraus schöpfen und den anderen vielleicht sogar noch mitziehen. Mit einem tollen Spielpartner an der Seite wird das Spiel viel lebendiger und macht viel mehr Spaß.

JJ: Erzähle mal bitte vom Film „Königin von Niendorf“.

Marion Alessandra: Ich bin ja erst gegen Ende der Dreharbeiten zur Königin gestoßen. Die Kinder haben also nicht die Aufregung gehabt, die man vielleicht am Anfang eines Drehs hat, sondern waren sehr routiniert. Das hatte ich so gar nicht erwartet. Für mich war es die erste Rolle nach meinem Camera Actors Studio. Ich hatte auf Facebook einen Aufruf gesehen, dass noch eine Sekretärin für eine Szene gesucht wird. Ich fand den Teaser zum dahin schmelzen und habe mich riesig gefreut, als es hieß, dass ich dabei sein kann.

Marion Alessandra Becker; Foto: (c) Stephan Steinhauser

Marion Alessandra Becker; Foto: (c) Stephan Steinhauser

Für mich war also die Aufregung viel größer. Außerdem ist es immer schwierig, am Ende von Dreharbeiten an ein Set zu kommen, da man auf ein eingeschworenes Team trifft. Ich wurde aber sehr nett aufgenommen und die Regisseurin Joya Thome hat mit ihrer herzlichen und ruhigen Art eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre geschaffen.

Als ich den Film dann das erste Mal gesehen habe, war ich sehr überrascht, wie komisch die Szene ist. Mein Auftritt in der Königin hat mir später auch noch andere Türen geöffnet. Auch das hatte ich nicht erwartet, dass man mit einem relativ kleinen Auftritt so viel Aufmerksamkeit erzeugen kann.

Aber ganz klar: Die Kinder sind die Stars in dem Film, allen voran die wunderbare Lisa Moell, die die Königin spielt. Niemand kann sich ihr entziehen.

Dass der Film so durch die Decke geht, konnte aber niemand ahnen. Am 15.02. ist bundesweiter Kinostart und außerdem ist er in der Vorauswahl zur Nominierung für den Deutschen Filmpreis.

JJ: Was bedeuten dir Musik, Tanz, Sport? Hat das etwas mit Schauspiel zu zu tun?

Marion Alessandra: Natürlich sind Stimme und Körper für das Schauspiel enorm wichtig. Musik gehörte schon immer zu meinem Leben und ich singe für mein Leben gern. Auch das Tanzen hat mich eigentlich immer begleitet.

Inzwischen habe ich eine recht kräftige Statur, da fallen bestimmte Sportarten nicht mehr so leicht. Aber ich sehe es für mich immer als Herausforderung. Im letzten Jahr habe ich bei dem Körpertheater „Playground Medicus“ mitgemacht. Da muss man auch mal über seine Grenzen hinausgehen. Mein persönliches Element für Sport war schon immer das Wasser. Ich tauche für mein Leben gern.

JJ: Gibt es Schauspielerinnen oder Schauspieler, egal ob national oder international, egal ob aktuell oder in der Vergangenheit, die du immer wieder gerne siehst (warum)?

Marion Alessandra: Ach, da gibt es viele. Ich kann mich zum Beispiel einer Julia Roberts oder einer Meryl Streep nicht entziehen. Bei den deutschen Schauspielerinnen liebe ich Maria Simon und Stefanie Stappenbeck sehr. Ich liebe auch diesen trockenen Humor von Gisela Schneeberger und Jennifer Lawrence find ich auch toll.

Ach ja… und Kim Riedle in BACK FOR GOODS fand ich großartig. Kim habe ich kürzlich auf dem Max-Ophüls-Preis persönlich kennengelernt. Eine ganz tolle Frau.

Bei den Männer ist es aktuell Franz Rogowski, der mich mit seinem Spiel immer wieder berührt. Aber eine, die mich immer wieder fasziniert, ist Audrey Hepburn.

JJ: So, jetzt träumen wir mal; ich davon, dass ich wieder jung bin und alles anders mache und du… Von welcher Rolle in welchem Genre, der Zusammenarbeit mit welchen Kollegen (Schauspieler, Regisseur) oder was auch immer, träumst du, Marion Alessandra?

Marion Alessandra: Puh, ich lebe ja jetzt meinen Traum und hoffe, mir noch viele Rollen erfüllen zu können. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mir meinen Traum überhaupt noch ermöglichen kann. Und an der Stelle muss ich auch ausdrücklich meinem lieben Mann danken, der mich sehr unterstützt. Denn es ist sehr schwer, als Schauspieler/in von seinem Beruf leben zu können. Ohne seine Unterstützung ginge das nicht.

Marion Alessandra Becker; Foto: (c) Stephan Steinhauser

Foto: (c) Stephan Steinhauser

Ich hätte sehr gern bei „Games of Thrones“ mitgespielt. Und mit dem französischen Schauspieler Vincent Cassel würde ich gerne spielen. Das ist zum Beispiel auch ein Schauspieler mit einer ungeheuren Spielenergie. Ich würde gern mit Andreas Dresen und Fatih Akin zusammenarbeiten.

Mein persönliches Kinohighlight im letzten Jahr war der ungarische Film Körper und Seele. Mit der Regisseurin Ildikó Enyedi würde ich daher auch sehr gerne arbeiten. Sie hat die Geschichte so wunderbar feinfühlig inszeniert. Zu Recht für den besten fremdsprachigen Film bei den Oscars nominiert.

Mein Fokus liegt jetzt aber erstmal darauf, bei den aktuell geplanten Fernseh-Mehrteilern unterzukommen. Annette Hess, die Weißensee Autorin, schreibt zum Beispiel gerade an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Da würde ich sehr gerne dabei sein.

JJ: Danke

Weitere Informationen:Webseite von Marion Alessandra oder Marion Alessandra auf der Agenturseite

Foto Startseite: (c) Stephan Steinhauser

Ein Kommentar:

  1. Toll Marion,
    ich habe mich sehr gefreut dich mal wieder zu sehen. Zufrieden wirkst du.
    Du bist für immer mit meiner Jugend und Heiligensee verbunden. Ich freue mich, dass du deinen Weg gefunden hast und ich hoffe dich in Filmen sehen zu können, das hoffe ich wirklich. Du kommst toll rüber. Ein super präsens. WEITER SO! Zeigs der Welt!

    Liebe Grüsse Heike Hilliges

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