Selbstverständlich

 

Als ich in Vorbereitung meines Gespräches mit Amelie Plaas-Link einige Trailer von ihr anschaue, erlebe ich eine Schauspielerin, die in jedem Moment so locker, echt und natürlich wirkt und so selbstverständlich, dass es überhaupt nicht ein bisschen nach Arbeit aussieht, ja, nicht mal gespielt. Leben pur. Und mit Spaß.

 

Amelie Plaas-Link; Foto© Hannes-Caspar

Amelie Plaas-Link; Foto© Hannes-Caspar

Ist die Frau so cool, oder tut sie nur so?

„Natürlich bin ich nicht so cool“, relativiert sie meinen Eindruck, „in mir ist Leidenschaft, sind Ängste. Als Schauspielerin muss ich das nutzen, ohne es sichtbar werden zu lassen.“

 

Das ist also das Geheimnis, denke ich, das ist die Faszination.

„Es ist schön, einzutauchen in Facetten, Eigenschaften, Lebenssituationen, die mich nicht ausmachen“, ergänzt Amelie, „die normalerweise nicht ausgeprägt sind in mir.“

 

Und wenn du eine Figur spielen musst, die nah an dir dran ist, was dann? Dann macht es weniger Spaß?

„Das ist sogar spannend“, holt die Berlinerin meinen Einwand vom Kopf die Füße, „ich stelle mir die Frage, wie ich reagieren würde. Kein Mensch ist wie der andere, keine Situation wie die andere, keine Rolle exakt so wie ich. Es ist schön zu sehen, wie jemand in meiner Situation, dessen Charakter nahe bei mir ist, reagiert.“

 

Jetzt die Frage der Fragen: Was geht in dir vor in den entscheidenden Momenten, da das Mikrofon vor deiner Nase baumelt, die Kamera dir fast im Gesicht hängt und der Regisseur etwas sehen will, was später dann Millionen sehen?

„Ich atme tief ein“, setzt Amelie zur Erklärung an und fährt fort: „Ich versetze mich gedanklich in die Figur, in die Szene, mache mir bewusst, was gefordert ist und rufe in mir den Moment davor hervor.“ Was beziehungsweise wer ihr dabei mehr als hilft, sind die Spielpartner. „Absolut!“, bestätigt die 1,68 Frau mit den blauen Augen, „es findet ein Austausch statt.“ Und eine Art Trick: „Um gemeinsam in den Moment zu kommen, suche ich den Augenkontakt.“

 

Amelie Plaas-Link; Foto© Hannes-Caspar

Amelie Plaas-Link; Foto© Hannes-Caspar

Dann entsteht sie, die Leichtigkeit, Lockerheit, Selbstverständlichkeit… Wann aber entstand der Gedanke in dir, liebe Amelie: ‚Ich bin JETZT Schauspielerin!“

Wieder trifft meine Frage vielleicht den Pudel, nicht aber dessen Kern. Die fließend Portugiesisch und Englisch sprechende junge Frau rückt das zurecht. Zum Glück für mich in ihrer und meiner Muttersprache: „Diesen konkreten Gedanken ‚ab JETZT bin ich es‘ hatte ich nie. Ich habe das nie in Frage gestellt. Nie habe ich das Schauspielerin sein hinterfragt. Deshalb gab es den Erleuchtungsmoment nicht. Schon als Kind habe ich auf dem Teppich vorm Fernseher Filmszenen nachgestellt. Mit der Zeit bin ich rein gewachsen.“

 

‚Auf dem Teppich ist sie immer noch‘, denke ich. „Und wen oder was möchtest du gerne mal spielen?“, frage ich.

„Keine konkrete Figur. Keinen konkreten Menschen. Eher eine Frau, die eine Vision hat, ein Ziel, und dafür kämpft. Mit Humor, Leidenschaft, Liebe. Mit Power dahinter.“

 

Ich erzähle Amelie von meinem „Einer flog über das Kuckucksnest“ Erlebnis Anfang der 80er Jahre in einem Erfurter Kino. Lach- und Weinkrämpfe, anschließend erst mal draußen sitzen und zur Besinnung kommen…

Sie kennt das. Also weniger die 80er 😉 Aber die Emotionen, die Film auslösen kann. „Bei ‚Blue Valentine‘, dem US-amerikanisches Liebesdrama mit Ryan Gosling und Michelle Williams ging es mir ähnlich“, erinnert sie sich, „ich saß im Zug, als ich den Streifen sah; musste weinen, lachen, war berührt. Es sind die einzelnen Momente, die einen Film oft ausmachen, es muss nicht durchgehend powern und laut sein. Mir ging ‚Blue Valentine‘, und das mitten unter Leuten in der Bahn, ins Herz, in den Bauch… es flossen Tränen.“

Amelie Plaas-Link; Foto© Hannes-Caspar

Amelie Plaas-Link; Foto© Hannes-Caspar

Kollegen, die das schaffen, Emotionen wecken unter den Zuschauern, egal ob traurig, lustig, besinnlich, könnte Amelie viele nennen. „Viele deutsche auch“, unterstreicht sie, geht dann indes über den Teich („ich müsste zu viele deutsche Kolleginnen und Kollegen weglassen bei einer Aufzählung“) und benennt Emily Blunt, Amy Lou Adams oder Meryl Streep als Beispiele.

 

Ich erinnere mich bei der Gelegenheit, dass Amelie 2016 in der RTL Serie „Nicht tot zu kriegen“ mit Jochen Busse agierte.

„Ohhh jaa“, freut sie sich, „ein wunderbarer Gentlemen, ein genauso wunderbarer Beobachter, der sehr präzise spielt, auch gerne lobt. Ich konnte viel mitnehmen. Er ist ein leidenschaftlicher Schauspieler. Mit Jochen kann man lange da sitzen, reden… er erzählt viele witzige Anekdoten.“

 

Ob sie erschrocken war, die junge Frau, dass da heutzutage noch Gentlemen unterwegs sind…? 

„Erschrocken nicht“, stellt Amelie klar, „sie werden zwar weniger, die Gentlemen, aber es gibt sie noch, auch in der jungen Generation.“ Über das Schauspielen vor Kamera und Mikrofon oder auf der Bühne hinaus arbeitet Amelie Plaas-Link als Synchronsprecherin. „Das ist spannend“, berichtet sie, „ein Ausdrucksmittel wird genommen und ich muss es über die Sprache wieder zurück geben.“

Und sie fügt hinzu: „Ich versuche immer, so nahe wie möglich an der ursprünglichen Figur zu sein, das was die Schauspielerin zeigt, zu lesen. Gelingt mir das, gehe ich erfüllt raus aus dem Synchronstudio und hatte eine gute Unterhaltung.“

 

Über Brasilien will ich etwas wissen von der in Dortmund geborenen jetzt Berlinerin. Sie war vor Jahren da. Ich weiß nur vom Fernsehschauen, dass dieses Land schwankt zwischen Paradies und Chaos…  

„Na ja, es ist elf Jahre her und ich war 16“, informiert Amelie vorab, „über Brasilien heute bin ich nicht mehr ganz up to date.“ An das für sie „wichtige Jahr“ denkt sie genauso gerne wie bewegt zurück: „Ich war ohne meine Eltern. In einem fremden Land – und habe Liebe, Offenheit, Kontaktfreude gespürt. Paradiesische Landschaften habe ich gesehen, tolle Freundschaften geknüpft – und genauso Armut erkannt.“

Amelie erinnert sich an eine Hausangestellte: „Sie musste jeden Tag eine dreiviertel Stunde zur Arbeit laufen, weil sie sich ein Busticket nicht leisten konnte. Sie arbeitete in schönen Häusern mit Pool und lief danach wieder nach Hause, um sich um ihre Familie zu kümmern.“

Bei einem  Amazonas Ausflug lernte sie „keinen finanziellen Reichtum“ kennen. Wohl aber „Gastgeber, die ihr Essen und Trinken gerne anboten und teilten“.

„Ausgeraubt am Strand wurde ich auch mal“, plaudert die Deutsche weiter über die Brasilien Zeit, inzwischen sicherlich entspannter als damals mit dem Schrecken im Nacken: „Nun weiß ich: Meine Welt ist nicht alles!“

Wenngleich Amelie „lange brauchte, das zu verarbeiten“, ist sie gespannt auf Land und Leute inzwischen: „Ja, ich will nochmal hin, vielleicht aber nicht wieder gleich für ein ganzes Jahr. Da hänge ich zu sehr an meiner Arbeit hier, meiner Heimat, Familie…“

 

Amelie Plaas-Link; Foto© Hannes-Caspar

Amelie Plaas-Link; Foto© Hannes-Caspar

Als ich so nachdenke über mein Gespräch mit Amelie Plaas-Link, kommt mir die Quintessenz eines Telefonats in den Sinn, das ich vor Jahren mit Isabel Edvardsson führen durfte. Von der Profitänzerin mit Meisterehren sehen wir neben Glamour, wundervollen Kleidern und „die Haare schön“ im Endresultat – ebenso wie bei einer Schauspielerin – dann Leichtigkeit, elegantes Dahingleiten, als wäre es normal, selbstverständlich und einfach wie mal eben Brötchen holen. Doch dahinter stecken, wie mir Isabel erzählte, drei Dinge: Arbeit, Arbeit und Arbeit.

Oder wie es Amelie sagt: „Die Ängste in mir, die Energie und Leidenschaft, muss ich als Schauspielerin nutzen, ohne es sichtbar werden zu lassen.“

JJ

Weitere Informationen: Webseite von Amelie oder facebook Seite von Amelie

Foto Startseite: ©Hannes-Caspar

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