Keine Lust auf Warten

 

Warten ist wohl eine der am wenigsten gemochten Freizeitbeschäftigungen. Zur möglichen Langeweile gesellt sich dann gerne mal die Ungewissheit.

Julia Becker hat ihren eigenen Weg gefunden, gar nicht erst in die ungeliebte Position zu geraten. „Als Schauspielerin hat es mir nicht gereicht, auf den erlösenden Anruf, das nächste Engagement zu lauern“, erzählt sie, „ich wollte immer mehr, also auch am Prozess des Filmemachens beteiligt sein, und da ich sowieso schon immer gerne schreibe, und gerade eine Idee für einen Spielfilm hatte, habe ich mich hingesetzt und MAYBE, BABY! kam heraus, mein Langspielfilmdebüt.“

Szene aus MAYBE_BABY

Szene aus MAYBE, BABY!

 

MAYBE, BABY!

 

Für den Streifen, der am 1. September zum Festival des deutschen Films in Ludwigshafen an den Start geht, hat Julia das Drehbuch verfasst, Regie geführt und spielt eine der Hauptrollen. „Letztes Jahr haben wir den Film unabhängig mit Crowdfunding finanziert und in Tirol und Berlin gedreht“, blickt sie gerne zurück, „mit Frauke Kolbmüller als Produzentin und einem tollen Team und wunderbaren Schauspielern (u.a. Marc Ben Puch, Christian Natter, Charlotte Crome).“

Dass die Berlinerin als Regisseurin während des Drehs auch vor die Kamera wechselt, um in eine Rolle zu schlüpfen, und dann wieder auf dem Regiestuhl zurück im Herzen immer noch weiter Schauspielerin bleibt, schätzt sie als hilfreich ein. „Weil ich weiß, dass jeder Schauspieler individuell ist und anders arbeitet, und man in der Regie auf diese Bedürfnisse eingehen muss, um die besten Momente herauszukitzeln“, gibt sie die Erklärung. Und: „Wenn meine Kollegen spielen, gehe ich da immer voll mit. In der Funktion der Regisseurin bin ich voller Vorfreude darauf, wie das Ganze dann beim Schneiden funktionieren wird. Ich möchte aus jedem das Beste heraus holen.“

 

Wooow-Momente

 

In den Momenten, in denen Julia selbst in eine Figur hinein schlüpft, mag sie grundsätzlich erstmal „die Authentizität, die entstehen kann, wenn die Kamera ganz nah dran ist und jede Kleinigkeit einfängt“. Sie nimmt jene Kamera und das ganze drumherum nicht wahr. „Je weniger man macht, umso authentischer wirkt es“, stellt sie fest, „die besten Ergebnisse entstehen, wenn ich nicht hineingehe und etwas erzwingen will, sondern wenn in der Spielsituation eine neue Ebene aufgegangen ist und ich hinterher feststelle: wooow! Dann war ich ganz im Moment!“

Julia Becker, Foto (c) Marcus Gaertner

Julia Becker, Foto (c) Marcus Gaertner

Als Julia Becker während der Grundschulzeit in der Theater-AG mitmischte, ahnte sie naturgemäß noch nicht, was der Schauspielberuf bedeutet. „Noch nicht mal auf der Schauspielschule“, blickt sie zurück, „erst nach und nach verstand ich, dass es sehr viel auch um Disziplin, durchhalten und an sich arbeiten geht.“

 

Die Instrumente warm halten

 

Diese Kultur oder Philosophie, dass die stetige Arbeit am eigenen Können notwendig und für amerikanische Kolleginnen und Kollegen selbstverständlich ist, war die Hauptlehre aus ihrer Zeit am Lee Strasberg Institute in New York. „Gelernt hatte ich an der Schauspielschule in Berlin mehr“, räumt die 1,64 Meter Frau mit den braunen Augen ein, „so groß und toll wie gedacht war es an dem Institut nicht. Die Filmindustrie in den Staaten ist gewaltiger, sie machen krasse Filme, deshalb zieht es viele wohl dahin, fantastische Schauspieler haben wir aber hier auch.“

Als Julia im Jahr 2014 in der zweiten Staffel vom ARD-Hauptstadtrevier in einer durchgehenden Rolle als uniformierte Polizistin mitwirkte, fühlte sie sich, wenngleich neu in eine funktionierende Crew dazu gekommen, „gleich vom ersten Tag an sehr gut aufgenommen“. Und sie schwärmt weiter: „Oliver Bender – mein unmittelbarer Kollege – und ich waren ein gutes Team, wir bauten die Rollen aus, spielten wunderbar miteinander und hatten immer Spaß. Die kokett Flirtige hatte ich bis dahin auch noch nicht gegeben, das hat mich total gereizt.“

 

ZeBra im Dezember

 

Obwohl die Film- und Fernsehfrau beizeiten merkte, dass sie „Theater nicht wirklich interessiert“, macht sie für Kinder seit zehn Jahren gerne eine Ausnahme. „Für das ZeBra-Theater schreibe ich die Stücke, führe Regie und spiele selbst – an der Seite von zwei Kollegen, mit denen ich schon auf der Schauspielschule war“, freut sie sich jedes Jahr auf den Dezember. „Wenn es für Kinder ist, ist es ein ganz anderes Genre, es sind eher Märchen, die wir zeigen, ich bin dann die Fee, Hexe oder auch mal ein verrückter Weihnachtsbaum, das ist eine extreme Verwandlung, die Spaß macht.“ Dazu kommt, so stellte Julia fest: „ Kinder sind ein ehrliches und hartes Publikum, sie mögen es – oder eben nicht! Sie zeigen das sofort. Wenn wir sie glücklich machen, macht es uns Spaß…“

aus Zebra rettet die Prinzessin, Foto (c) Marcus Gaertner

aus „Zebra rettet die Prinzessin“, Foto (c) Marcus Gaertner

Aktuell ist die Schauspielerin gespannt auf den Kinostart von „Die Hannas“ am 10. August. Die Liebeskomödie räumte auf dem „Achtung Berlin“ Filmfestival vier Hauptpreise ab. Julia Becker verkörpert die Kim, die mit dem Baseballschläger dicke Männer durch den Wald jagt.

Irgendwie läuft es derzeit. Kurz darauf, im September, geht es mit dem Debüt von „ MAYBE, BABY!“ zum Festival des deutschen Films munter weiter. Und auch die nächste Festivalzusage gibt es schon. Wenn Julia von Termin zu Termin mit dem Auto unterwegs ist, singt sie fröhlich vor sich hin. Gelegentlich rappt die unermüdliche Frau. „Hobbymäßig“ sagt sie, „erstmal.“ Mit Warten möchte sie keine Zeit verbringen. Lieber macht sie was Neues. Von sich aus.

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JJ

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Weitere Informationen: Julias Webseite

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Foto Startseite: (c) Marcus Gaertner

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