Anders

 

Sind wir nicht alle ein bisschen… anders? Und damit dann doch ganz normal? Und: Ist das auch verdammt gut s0? Wird es heute philisophisch und es geht um Aristoteles, Platon, Kant oder Nietzsche? Was soll die Einleitung?

 

Viel Schauspielerin, wenig Schminke. Viel Sängerin, wenig glatt. Viel Freak, wenig normal.

 

Ganz einfach. Yvonne Laros ist eine Schauspielerin und Sängerin – vor allem ein Mensch – mit ganz eigenen Facetten, die beim ersten Hinschauen vielleicht tatsächlich „ein bisschen… anders“ erscheinen. Allerdings lohnt sich, wie so oft, der zweite Blick, der unter die Oberfläche. „Ich habe mich mit mir selbst auf das Freaktum geeinigt“, sagt sie, „weil es mir den Freiraum gibt, mich immer wieder aufs Neue zu entfalten – ich hinterfrage nicht nur Dinge, die für die Gesellschaft zur Norm geworden sind, sondern auch Dinge, die für mich zur Norm geworden sind, und das macht es schwer für Außenstehende, mich in ein verständliches Bild zu fassen.“

Yvonne; Foto © by Dirk Mentrop Pixelworx

Yvonne; Foto © by Dirk Mentrop Pixelworx

Wie so oft bei Schauspielern, Musikern, wie bei Sportlern und wohl auch bei Ärzten und Busfahrern, begann das Ganze zunächst ganz normal in jungen Jahren im Spiel. „Mit meiner Schwester habe ich Filme nachgestellt, in denen es um Schwestern ging“, erinnert sich Yvonne, „beispielsweise ‚Eine Klasse für sich‘, einen Baseballfilm; oder die Immenhof-Filme, da war dann die Couch das Pony.“

Dass aus dem kindlichen Spiel, der Lust am Verkleiden und der Freude am Nachahmen irgendwann mal ein Beruf werden kann, ahnte Yvonne erst als sie mit 14/15 Gesangsunterricht nahm und noch etwas später die damalige Freundin ihres Bruders im Musical „Elisabeth“ auf der Bühne erlebte. „Diese Verbindung gefiel mir – Musik, Schauspiel, Bühne…“, blickt die junge Frau aus Trier zurück.

Sie merkte schon während des Abiturs, dass ein Leben abseits der Kunst nicht ihres ist und brach ab. ‚Es gibt Schauspielschulen‘, dachte Yvonne Laros und bewarb sich. An der „Akademie für Darstellende Kunst Rheinland-Pfalz“, einer staatlich anerkannten Berufsfachschule, schloss sie als Diplomschauspielerin mit Bühnenreife ab.

 

… geboren

 

„Ich war genau richtig da“, denkt sie gerne an die Zeit, „da fing mein Leben an. Als meine (zweite) Geburt benenne ich gerne den Moment, in dem ich mit Kommilitonen im Auto zur Schule fuhr.“ Auch wenn Yvonne spürte, dass manche Mitschüler es ihr „nicht leicht machten“, fühlte sie sich gleichwohl da, wo sie hingehört: „Mir ging es nie um sowas wie Image, nie darum, sagen zu können: ‚Ich gehe auf die Schauspielschule‘. Mir ging es um die interessante, spannende Zeit, ums Lernen, ums Schauspiel!“

Große Startschwierigkeiten oder Hemmschwellen, für manche verrückt anmutende Übungen auszuführen, hatte die 1,50 m große Frau mit den dunkelbraunen Augen nie. „Manche Sachen kosteten schon ein bisschen Überwindung“, analysiert sie im Nachhinein, „aber ich war eh schon immer anders und verrückter, deshalb war das absolut okay.“

Yvonne; Foto © by Chris Kiegelmann

Yvonne; Foto © by Chris Kiegelmann

Überraschend war für Yvonne Laros mit „Schauspiel ist Handwerk!“ einer der ersten Sätze, den sie seitens der Dozenten hörte. „Das hatte ich so nicht erwartet, ging es mir doch um Kunst, es machte allerdings auch nichts schlechter für mich, sorgte lediglich für ein AHA Erlebnis und forderte mich heraus“, weiß die Darstellerin inzwischen, wie recht die Lehrer hatten.

Nach Abschluss wähnte sich die Diplombesitzerin irgendwie schwebend in der Fragestellung: Kann ich mich jetzt wirklich Schauspielerin nennen? So richtig angekommen fühlte sie sich erst nach der Nachricht des ehemaligen Kommilitonen mit dem Wortlaut: „Hi Schauspielerin“, ihre Entwicklung aber betrachtete sie noch lange nicht als abgeschlossen. „Wer das jemals von sich glaubt, beschneidet sich selbst“, befindet sie, „dazu bin ich zu sehr Künstlerin.“

 

… Wimpernschlag

 

Wenngleich sie ihre ersten Erfahrungen auf der Bühne gesammelt hat, zieht es die Darstellerin inzwischen magisch ans Filmset. „Ich liebe diese minimalen Nuancen, wenn die Kamera läuft und Großes im Kleinen zeigt. Wenn sich einfach nur die Wimpern bewegen…“, lässt sie ihrer Lust auf Film und Fernsehen freien Lauf und fügt an: „Man muss tief in sich reingehen, um etwas für die Kamera sichtbar und menschlich auf den Punkt zu bringen. Das bedarf Präzision, Perfektion.“

Yvonne; Foto © by Bernhard Sproß

Yvonne; Foto © by Bernhard Sproß

Und genau diese Tugenden möchte die leidenschaftliche Künstlerin bieten: „Ich mache es mir nicht bequem auf der Arbeit, die andere für etwas leisten – ich stelle täglich sicher, die volle Verantwortung für das Rohmaterial ‚Yvonne Laros‘ übernehmen zu können und bin jederzeit bereit, mich so richtig dreckig für die Authentizität einer Rolle zu machen.“

So nimmt es überhaupt nicht mehr wunder, dass Yvonne „charakteristische Typen“ im Film mag. „Ich liebe Mimik“, erzählt sie, „und die muss nicht schön sein.“ Sie beobachtet auch im richtigen Leben gerne Menschen und fragt sich: „Was tragen sie von innen nach außen?“

 

… was kommt?

 

Ideal ist für sie als Zuschauerin, wenn sie zu Beginn eines Streifens nicht weiß, was sie erwartet. Als Garanten für Überraschungsmomente nennt sie Cate Blanchett und Sean Penn: „Sie spielen jede Rolle anders, von ganz klein bis ganz groß, mit erstaunlicher Dynamik!“

Und wenngleich Yvonne Laros auf Grund der englischen Sprache mit ihrem innewohnenden Flow eher affin für Streifen aus den USA ist, erkennt sie an, wenn auch deutsche Filme ihr gefallen und sie erreichen, wie erst kürzlich, als sie sich „Das Boot“ ansah.

„Mimik, Stimme, Körpersprache müssen einfach stimmen“, fasst die Schauspielerin zusammen. „Wenn dann noch die richtige Musik untergelegt ist…“

Yvonne; © by Chris Kiegelmann

Yvonne; © by Chris Kiegelmann

Apropos Musik. Yvonne singt. Sie singt, dass es unter die Haut geht. Sie selbst nennt ihre Art dabei „wenig glatt“ und ergänzt: „Mein Anspruch war nie, meine Gesangsstimme auf Reinheit und Schönheit zu trainieren, sondern auf Wahrheit – ich riskiere lieber etwas, als in voller Sicherheit zu bleiben, denn nur so kann ich wachsen.“

 

… Risiko

 

Wachsen mit ihrer Stimme, mit der ganzen Persönlichkeit… und… als Darstellerin. „Mein Schauspiel ist sehr beeinflusst von dem, was ich über die Jahre alles beim Singen empfunden habe – und so gehört es absolut zu dem Gesamtpaket „Yvonne Laros“ dazu“, erkennt sie Zusammenhänge.

Wenn die sportliche, topfitte Frau in ihre Rolle schlüpft, egal ob auf der Bühne oder am Set, schlüpft sie gleichwohl in ein anderes Bewusstsein. „Zur Hälfte bleibe ich Yvonne, bin hoch konzentriert, schaue auf meine Körperspannung, weiß was als Nächstes kommt und übernehme also die Führung. Für die andere Hälfte, die zu verkörpernde Figur, existiert die Kamera nicht, sie lebt in ihrer Welt“, gibt sie Einblicke in die entscheidenden Momente.

Die Schauspielerin liebt es, dabei mit Kolleginnen und Kollegen zu spielen: „Ich öffne mich für sie, wir inspirieren uns gegenseitig, tauschen Energie aus und hauchen uns Leben ein.“ Von ihrer eigenen Tagesform, sowohl an guten wie an schlechten Tagen, lässt Yvonne Laros sich in ihrer Arbeit nicht beeinflussen.

 

… nachhaltig

 

„Privater Schei… hat hier nichts verloren“, habe eine Dozentin an der Schauspielschule mal gesagt und mit den markigen Worten für Nachhaltigkeit im Handeln ihrer Schülerin gesorgt. „Manchmal muss man sich zügeln oder aufrappeln – je nach Tagesform. Da muss man durch, muss professionell sein.“

Yvonne, Foto © by Chris Kiegelmann

Yvonne, Foto © by Chris Kiegelmann

Das in die Figur hinein- und nach dem Dreh wieder herausfinden hängt auch bei der Rheinland-Pfälzerin von der Emotionalität der Rolle ab. „Meistens stelle ich mich in der Garderobe beim Schminken und Umziehen mit der äußerlichen Veränderung schon ein“, macht die Darstellerin eine ungefähre Zeitangabe, „manchmal fixiere ich mich aber auch schon am frühen Morgen auf die Herausforderung.“

Das Herausgleiten hänge hauptsächlich davon ab, wie nahe die Schauspielerin privat an der Rolle sei. „Hatte ich ein sterbendes Kind in der Hand?“, nennt Yvonne ein Beispiel, das viel Abkühl-Energie erfordert. „Im Großen und Ganzen bin ich aber schnell wieder raus“, beruhigt sie.

 

… faszinierend

 

Klar, dass die junge Frau, die sehr gut Englisch spricht und während der Ausbildung Tanz- und Artistik sowie Fechtunterricht genossen hat, fasziniert ist vom Schauspielberuf. „In meinem einen Leben habe ich die Chance, 1000 andere Leben zu leben. Ich kann viel von dem lernen, was meine Rollen in ihrem Dasein können müssen. Und ich liebe es, dabei zu improvisieren und intuitiv handeln zu können“, nennt Yvonne einige der Aspekte, die sie reizen.

Was sie sich von der legendären Wunschfee, die in einigen verwinkelten Ecken Deutschlands wohl tatsächlich noch anzutreffen ist, wünschen würde, ist „mit Quentin Tarantino zusammen arbeiten zu können“. Am US-amerikanischen Filmregisseur schätzt sie, „dass er sich um die Schauspieler schert, sie nicht ständig unterbricht, sie auch mal machen und sich von ihnen inspirieren lässt. Sicher hat er seine konkreten Vorstellungen, gleichzeitig sieht er aber auch in den Darstellern das Potenzial, von dem die manchmal selbst nicht wissen“.

 

… nochmal auf Anfang

 

Begonnen hat das kleine Porträt mit der Hypothese, dass da eine junge Frau aus dem schönen Trier etwas anders ist, wenig glatt und leicht freakig. Als ich mit Yvonne sprach, Videos von ihr anschaute und anhörte; als ich über sie las, lernte ich wohl eine junge Frau aus Trier kennen, allerdings primär mit klarem Blick, konstruktiver Nachdenklichkeit und pointiertem Humor sowie ganz viel Leidenschaft, Temperament, Talent und Offenheit.

Yvonne; Foto © by Forlorn Treasures

Yvonne; Foto © by Forlorn Treasures

Aber wer bin ich schon… Was weiß ich schon… Deshalb schicke ich mal eben meine Freunde Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe vor, die 1796 sogenannte Xenien verfassten. Eine davon speziell für Yvonne Laros: „Keiner sei gleich dem andern, doch gleich sei jeder dem Höchsten. Wie das zu machen? Es sei jeder vollendet in sich.“ Das lassen wir so stehen.

JJ.

Weitere Informationen: Yvonnes Webseite Mail: sisterjackb@gmx.de

Foto Startseite: © by Chris Kiegelmann

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