Kästchen, öffne dich

 

Anne Alexander Sieder träumt nicht von einer bestimmten Rolle, die sie gerne mal spielen möchte. Und vielleicht ist „Traum“ eh die falsche Kategorie. Was sie reizt, sind Frauenfiguren „mit mehreren Konflikten, traurig und erleichtert zugleich“.

 

…überraschen

 

Anne mag es geheimnisvoll. Sie malt mir verbal das Bild eines „Schlüsselkastens im Herz“ und möchte als Darstellerin aufzeigen, warum die Rolle, die sie verkörpert, da keinen ran lassen will. „Nicht mal sympatisch muss die Frau sein, die ich spiele… Eine Mutter, die neidisch auf ihre Tochter ist beispielsweise, und das mit übertriebenem Schutz bedeckt.“

Anne Alexander Sieder, Foto Dennis Koenig

Anne Alexander Sieder, Foto Dennis Koenig

So nimmt es nicht wunder, dass die jetzt in Berlin und München lebende und aus den USA stammende Weltenbummlerin als Zuschauerin Filme gerne sieht, von denen sie überrascht wird, die sie bewegen, berühren. „Ich möchte was spüren“, erzählt sie, „auch wenn ich mich schlecht dabei fühle.“

Und so ist es gleichsam nicht verwunderlich, wenn Anne sich nicht festlegen will, wenn sie Schauspielkollegen oder Streifen nennen soll, die sie gerne anschaut. „Es sind Momente, die mich faszinieren“, begründet sie, „Blicke, unerwartete Bewegungen…“

Von Cate Blanchett zum Beispiel ist Anne Alexander Sieder der eine oder andere Monolog haften geblieben. Oder auch der deutsche Film „Wild“ von Regisseurin Nicolette Krebitz, in dem es um die Liebe einer Frau (von Lilith Stangenberg gespielt) zu einem Wolf geht, hat sie voll erwischt: „Mutig!“

Wenn die 1,69 Meter große Frau mit ihren grün-türkis farbenen Augen vor der Kamera agiert, dann steht da gleichwohl sie selbst – und sie in der Figur. „Auf eine Art muss ich komplett im Moment sein und alles vergessen und ebenso ist ein Teil von mir immer wach. Ich weiß, wo ich bin und was ich tue“, schildert Anne die entscheidenden Sekunden und Minuten, „ich spiele zu 100% was ich fühle.“

 

… woher – wohin?

 

Die Darstellerin will genau wissen und sich bewusst sein: „Wo komme ich her in der Rolle und wo will ich hin? Komme ich gerade von einem Mord oder vom Fremdgehen? Gehe ich als Mutter zu meiner Tochter oder als Frau zu meinem Mann?“

Anne Alexander Sieder, Foto Dennis Koenig

Anne Alexander Sieder, Foto Dennis Koenig

Das Ganze beginnt mit dem Lesen des Drehbuchs. „Manchmal ist es ganz einfach und manchmal muss ich erst den Weg in die Figur finden“, gibt die Schauspielerin Einblick, „und meistens gibt es dann den Schlüsselsatz! Wenn mir klar wird, warum ich ihn sage und was bedeutet es, dann ist es so als ginge eine Tür auf.“

Und wenn Anne einmal in Fahrt ist, will sie gleich noch die eine zutreffende von den 1000 Facetten, die jeder Mensch mindestens besitzt, herausfinden und aufpolieren. „Wo liegt der für meine Rolle entscheidende Teil?“, fragt sie sich.

Aus den Emotionen heraus, wenn eine Szene abgedreht scheint, geht sie indes erst, das zeigt der Darstellerin die Erfahrung, wenn die wirklich im Kasten ist: „Einmal dachten wir, das war’s. Dann wollte der Kameramann noch eine Runde drehen für eine andere Sichtweise. Da war die Hälfte der Gefühle schon weg…“

Der Beruf der Schauspielerin gibt Anne Alexander Sieder unter anderem die Möglichkeit, „den ganzen Tag zu weinen und wahnsinnig glücklich zu sein“. Sie tauche „in die dunkelsten, tiefsten Ecken“, könne „alle menschlichen Facetten vom Spießer bis zur Schlampe erforschen“ und müsse bei dem ganzen Spaß „keine Scham empfinden“. Sie findet spannend, „1000 Leben leben und auch mal unfreundlich werden zu dürfen“.

„Menschen sind faszinierend“, stellt Anne fest, „von den über sieben Milliarden auf der Erde ist jeder anders“. Und sie als Darstellerin muss die „richtige Maske für die eine Rolle heraussuchen. Je spezifischer die Figur, um so universeller mein Spiel!“

Gar nicht mag Anne, wenn Kolleginnen oder Kollegen „alles gleich sprechen, egal ob die Mutter gestorben oder irgendwas alltägliches, profanes geschehen ist. Das ist an manchen Orten geradezu eine Mode unter geübten Schauspielern. Mit diesen Verallgemeinerungen schmeißen sie sich weg! Man muss unterscheiden können.“

 

… intensiv, authentisch

 

Fest macht sie das nicht an einer Nation, denn „das Talent ist länderübergreifend gleichmäßig verteilt“. Das Dilemma stellt sie in Deutschland ebenso fest wie in den USA oder England (nur dass auf die beiden letztgenannten Filmgiganten die ganze Welt schaut und auf uns weniger). Fest macht Anne die unsägliche Angewohnheit eher an der Konkurrenzsituation. „Je intensiver der Wettkampf, um so authentischer das Spiel!“ Diese Formel glaubt sie erkannt zu haben.

Anne Alexander Sieder, Foto Dennis Koenig

Anne Alexander Sieder, Foto Dennis Koenig

Der Weg von Anne Alexander Sieder in ihren Beruf begann mit ersten Erfahrungen in einem Sommercamp in den USA. „Alle Kinder mussten bei einem Casting einen Text lesen, singen und tanzen und ich habe die Hauptrolle bekommen, ohne zu wissen, dass ich was Tolles geschafft hatte. Erst zur Premiere war es mir klar.“

Den eigentlichen Ursprung der Schauspiellust sieht sie eher in ihrem Drang nach Ausdruck. „Meine Mutter tanzte Ballett“, erkennt Anne familiäre Traditionen. Als sie zudem mit tauben Kindern aus der Region in die normale Schule ging, wurde Zeichensprache als Wahlfach angeboten und sie nahm es an: „Ich dachte, es wäre eher ein ganz einfaches Fach, aber es hat mich total erwischt und fasziniert, was mit Körpersprache alles möglich ist, zudem der psychologische Aspekt.“

So richtig klar wurde Anne als 17/18jährige, dass da ein Beruf auf sie wartet. Sie studierte Schauspiel in Chicago und auch in London. Nach Abschluss sah und bis heute nicht sieht sie sich an irgendeinem Ziel. „Mit Lernen ist man niemals fertig“, konstatiert die inzwischen gestandene Darstellerin, die eine 16jährige Schauspielpause (Sohn) einlegte, „ich bin immer neugierig auf Techniken und Methoden, wie ich mehr von mir zeigen kann.“ Deshalb ist der eine oder andere Workshop ihr Begleiter.

 

…Heimat

 

Bei aller persönlich, familiär und beruflich bedingten Weltenbummlerei gibt es für Anne einen Ort, den sie mit dem Begriff „Heimat“ verbindet: „Zunächst mal ist Heimat, wo ich her komme. Ich habe 18 Mal die Schule gewechselt und oft woanders gelebt. Aber… in Downtown Detroit gibt es eine Siedlung und die heißt „Lafayette Park“. Der Architekt Ludwig Mies van der Rohe hat diesen Park zum Zusammenleben geschaffen. Eine Sesamstraße in Glas und Stahl. Die Menschen verhielten sich liberal, schwarze und weiße Frauen arbeiteten in geachteten Berufen; eine moderne, kleine Gegend, in der jeder jeden kannte; den Postmann, der ein Kaugummi für die Kinder dabei hatte, den Officer, der sie auf dem Motorrad mitnahm, den Apotheker…“, hört die Amerikanerin gar nicht auf, über Zeit und Ort zu schwärmen.

Anne Alexander Sieder, Foto Dennis Koenig

Anne Alexander Sieder, Foto Dennis Koenig

„Es war ein anderes Jahrzehnt. Wir Kinder waren draußen von dem Moment, in dem es hell wurde bis zu dem Moment, in dem es dunkel wurde. Und unsere Eltern fühlten, dass wir sicher waren. Heute ist das undenkbar. Auch mein Sohn konnte diese Freiheit nicht mehr erleben. Leider.“

In Träumereien, egal ob über Kindheits- und Heimaterinnerungen oder mögliche Schauspielrollen, hält sich Anne indes nicht lange auf. Lieber nutzt sie ihre Mixtur aus Erlerntem, Talent, Erfahrungen und Neugier auf die Milliarden von menschlichen Facetten, um diese in ihrem Beruf auszudrücken. Damit fing alles an – mit dem zunächst unbewussten Interesse an Ausdrucksformen. Und dem Sommercamp.

JJ

Weitere Informationen: facebook Seite von Anne

Foto Startseite: Dennis Koenig

Ein Kommentar:

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