Keinen Tag bereut

 

Liechtenstein, das sind Berge und Täler, Wälder und Skigebiete. Wie gemalt. „Wir sind Arbeitstiere“, plaudert Leander Marxer aus dem Nähkästchen, „ein großes Dorf, in dem 45 Stunden pro Woche gearbeitet, früh geheiratet und auf dem geerbten Grundstück, wenn vohanden, ein Haus gebaut wird.“ So nahm es nicht wunder, dass der 39jährige zunächst ohne Flausen aufwuchs, nicht im Traum an eine Schauspielkarriere dachte.

Wie Vater, Großvater und Bruder wurde Leander Handwerker, arbeitete auf dem Bau. „Ich liebe diese Tätigkeit“, schwärmt er, „mache auch Kunst aus Eisen.“ Dabei lernte er, einfach weil es ökonomisch und praktisch ist sowie unnötige Wege erspart, nie umsonst zu laufen: „Bauarbeiter nehmen immer etwas mit, gehen ungern mit leeren Händen.“

„Es kam an“

Und wie es in der Dorfgemeinschaft so ist, schloß Leander Marxer sich der Freiwilligen Feuerwehr an – mit der Besonderheit, dass in seinem Ort die Kameraden einmal pro Jahr ein Theaterstück aufführten. Der spätere Schauspieler drängte sich zu jener Zeit noch nicht danach, machte eher widerwillig irgendwann mit. „Es kam gut an bei den Leuten“, resümiert er aus der Distanz den Moment, der das Leben veränderte.

Foto: Sandra Maier

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Sandra Maier

Der Liechtensteiner schloss sich in Folge der „Up with People“ Bewegung an, zog mit jungen Menschen aus aller Herren Länder von Denver aus durch die USA. „Wir fuhren mit Bussen durchs Land, wohnten bei Gastfamilien und gaben alle zwei, drei Tage eine Vorstellung. Zusätzlich leisteten wir soziale Arbeit, besonders für Kinder. Es war sehr spannend, wie die vielseitigen Energien sich begegneten, ein kultureller Austausch stattfand. Für mich fing es schon damit an, dass ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Liechtenstein nie einen dunkelhäutigen Menschen gesehen hatte.“

„Wenn du nicht so eine Ausstrahlung hättest“

Die Kontakte hätten sich über die vielen Jahre gehalten, freut sich Leander. „Jetzt zum Beispiel, nach den Ereignissen in Brüssel, haben Handy und Laptop nicht still gestanden. Ständig gingen Anrufe oder Nachrichten ein von damaligen Mitstreitern.“

Nach der bewegten „Up with People“ Zeit führte den jungen Mann das Leben wieder auf den Bau, zu Hause im beschaulichen Alpenland. Zwar bereitete ihm das nach wie vor großen Spaß, gleichwohl indes ließen Leander die Gedanken an eine schauspielerische Entfaltung nicht mehr los. Er bewarb sich am „Münchner Schauspielstudio“. Das Hauptproblem sollte zunächst das nicht vorhandene Hochdeutsch des Liechtensteiners werden. „Wenn du nicht so eine Ausstrahlung hättest…“, begründete ein Schauspiellehrer, warum Leander Marxer letztlich angenommen wurde, „auch wenn kein Wort zu verstehen war.“ Obwohl der mittlerweile gestandene Darsteller versteht, warum auf die einheitliche und möglichst perfekte Sprache großen Wert gelegt wird, so befindet er gleichzeitig: „Der Charakter eines Menschen ist auch sein Dialekt!“

„Gut im Licht stehen“

Wenngleich Leander Bühne und Kamera gleich lieb sind, so resümiert er doch die erheblichen Unterschiede, sowohl was die Herangehensweise für einen Schauspieler als auch die Faszination beider Genres betrifft. „Die Atmosphäre beim Dreh…“, gerät er ins Schwärmen, „… wenn 30 Mal der gleiche Satz gesagt wird, bis er auf den Punkt ist (so weit es die Zeit zulässt natürlich), das ist für mich nicht langweilig oder nervig, sondern interessant.“

Zudem versteht er sich, selbst leidenschaftlicher Handwerker, immer gut mit den Technikern am Set. Und dann kommt es wieder durch – das Gen des Mannes vom Bau, und er kann es nicht lassen mit anzupacken. „Das wird nicht von allen gern gesehen“, weiß der Schauspieler, wenn er Lampen, Kabel oder sonstwas durch die Gegend trägt, „aber ich kann mich gut reinfühlen in die Kollegen und bin es nun mal gewöhnt, nicht leer zu laufen.“ Und er fügt hinzu: „Wir wollen ja alle in gutem Licht stehen!“

An der Tätigkeit am Theater begeistern Leander Marxer „die Entwicklung des Stückes während der Probezeit, dass ich eine Rolle auf der Bühne von Anfang bis Ende der Vorstellung durchziehen kann und letztlich natürlich der Applaus. Davon leben wir.“

„Gute und schlechte Zeiten“

Als der Liechtensteiner vor 15 Jahren begann mit dem Schauspiel, habe er gewusst, „dass es hart wird, gute und schlechte Zeiten“ auf ihn warten. Jetzt aber sei es „sehr hart, oft ein Überlebenskampf“. Dabei denkt er nicht nur an sich: „Es gibt tolle Schauspieler in Deutschland! Viele sind so gut und sitzen doch auf der Straße. Statt ihnen werden oft Darsteller ohne jede Ausbildung engagiert, oder es tauchen immer wieder die gleichen auf, wechseln von einer Serie in die nächste.“ Und dann wünscht sich Leander „eine Chance für neue Gesichter!“

Steht er auf der Bühne oder vor der Kamera, fühlt der Schauspieler „Glückseligkeit wie bei keiner anderen Tätigkeit, die Gedanken über alles rundum sind nicht da, ich bin raus aus dem oft müsigen Alltag und lebe nur im Moment, bin dann schwerelos.“ Für dieses Glücksgefühl übt sich der Liechtensteiner in gewohnter Unrast.

„Positiver Stress“

Kurz vor den Osterfeiertagen eilte er an einem Tag gleich zu mehreren Terminen, spielte als einziger Profi mit 30 Kindern vor 400 Zuschauern den Mattis in „Ronja“, stand in Zürich für einen Werbespot vor der Kamera und hatte noch reichlich im Büro zu tun. „Mammuttag“ nennt Leander das, „es ist toll, wenn ich ausgebucht bin, das ist angenehmer Stress, je mehr – je besser.“ Ob er an jenem Tag immer was in den Händen hatte, ist nicht überliefert 😉

Leander Marxer, Foto Sandra Maier

Leander Marxer, Foto Sandra Maier

Zudem tourt der Schauspieler mit seinem Kollegen Andy Konrad als Kabarett-Duo „Die Enzianpflügger“ durchs eigene Land und die direkt angrenzenden Gebiete Österreichs und der Schweiz. „Wir nehmen die Liechtensteiner und die Scharmützel zwischen Ober- und Unterland auf die Schippe, natürlich in unserer Sprache, deshalb müssen die Zuschauer, um es zu verstehen, einheimisch sein“, erzählt Leander Marxer.

„Gerne auch den Bösewicht“

Alles, was er handwerkelt, alles was er schauspielt, macht er gerne. Ob Kabarett, Fernsehen oder Theater, egal. „Da kann mir durchaus die geile Nebenrolle lieber sein als die Hauptrolle“, gibt der Darsteller Einblick in seine Gedanken, „am liebsten gebe ich Rollen, die so weit wie möglich weg von mir sind – gerne auch den durchgeknallten Psycho oder das Arschloch, das ist die größere Herausforderung.“

Da ist schon fast klar, dass es Lieblingsschauspieler oder Vorbilder für Leander Marxer nicht gibt. „Jeder Schauspieler, jede Schauspielerin ist in ihrer Art faszinierend, wenn sie gut spielen“, erläutert er seine Sicht, „deshalb halte ich nichts von Vergötterung der Stars. Wir machen alle einfach nur den Job, den wir lieben.“

Der bodenständige Mann aus dem schönen Alpenland hat dabei eben außer Leidenschaft im Herzen immer noch gerne einen Gegenstand in der Hand, um nicht leer zu laufen und sagt, eine Zwischenbilanz ziehend: „Ich habe keinen Tag bereut.“

JJ

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