Dann kam Barney

 

Afrika ist ein Kontinent scheinbar grenzenloser Weiten und tatsächlich grenzenloser landschaftlicher Schönheit. Viele Wildtierarten beeindrucken uns Menschen durch Größe, Anmut und die für uns Europäer exotische Erscheinung.

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Michelle in Afrika

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Viele Tierarten sind ausgestorben oder vom Aussterben bedroht. Ihr Hauptfeind: Der Mensch! Seine Profitgier und auch seine Lust daran, sich mit possierlichen oder gefährlichen Tieren zu schmücken und aufzuwerten; zuhause, da wo Sessel, Kühlschränke oder Wandbilder ihren Platz haben, nicht aber Wildtiere.

Die gute in der schlechten Nachricht: Menschen wie Michelle sind zur Stelle und helfen. Die junge Frau erzählt uns davon:

 

Abschied und Wiedersehen

 

JJ: Michelle, mein Kater Romeo hat mal auf dem Schrank gesessen, herunter zu mir geblickt und wahrscheinlich tatsächlich erkannt, dass es mir nicht gut ging. Er kletterte herunter und legte sich zu mir. Erzähle mal bitte eine Affen-Geschichte.

Michelle: Nur eine? *lach* Gerne erzähle ich dir meine liebstes Abenteuer. Ich denke, im Leben kommt ein jeder an den Punkt, an dem er denkt, mein Herz sagt links, mein Kopf rechts. Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der alle den rechten, sicheren Weg gehen. Ich bis dato auch.

Mein Geschichte beginnt am Flughafen von Kapstadt. Sechs Wochen nach meiner Ankunft, mit dem Tag meiner Abreise. Seit Tagen hatte ich an nichts anderes denken können als meine Aufgabe, die mich mehr erfüllte als alles, was ich bisher getan hatte: Die Aufzucht eines Affenbabys. Ich muss dazu sagen, dass ich die Art Frau bin, die keine Kinder möchte und nie dachte, dass sie Freude daran haben könnte, nur zu leben, um jemandem ein Leben zu schenken. Ich war mir dem einhundert Prozent sicher.

Dann kam Barney. Ich muss sagen, an Tag eins waren wir nicht die besten Freunde, an Tag zwei war er bereits meine große Liebe. Ich genoss jede Sekunde, in der ich ihn halten durfte, verbrachte meine Freizeit im Käfig, damit er in meinem Armen schlafen konnte und hätte ihn am liebsten nur noch bei mir getragen. Zwei Wochen mehr hat es nicht gebraucht, um mich wie eine Mama zu fühlen. Und dann sollte ich fahren, einfach so mein Baby zurück lassen. Mein Herz war gebrochen.

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Liebe 😉

In meinem Abschlusstrip nach Kapstadt saß ich abends im Bett, weinte, schaute mir Videos von ihm an und hatte den mit Abstand schlimmsten Liebeskummer. Am Tag meiner Abreise, eine Nacht lang nur geweint, stand ich am Check-In Schalter und sah wahrscheinlich aus wie eine verrückte Drogenabhängige, denn ich war mit den Nerven am Ende.

Die Schlange wurde kürzer und schließlich war ich an der Reihe, um mein Gepäck nach Hause zu schicken. Der Mitarbeiter schaute mich an und fragte, ob ich, nach meiner Zwischenlandung in Johannesburg, noch einen Anschlussflug hatte. Hatte ich? Ich nickte, aber fragte, ob ich meinen Anschlussflug bekommen würde, wenn ich mein Gepäck erst einmal nur bis nach Johannesburg schickte. Er schaute skeptisch. „Eher nicht. Vielleicht wenn sie schnell laufen können.“

Hmmm. Da stand ich. Was sollte ich tun? Und dann passierte etwas, eine Szene meines Lebens, die einem schlechten, unrealistischen Hollywoodfilm gleicht. Der Mann fragte, ob meine Tränen für die Liebe flossen. Ich nickte und weitere Tränen liefen entlang meiner Wange. Dann bekam ich meine Antwort. „Folgen sie ihrem Herzen.“ Es war so einfach gewesen. Wovor hatte ich nur Angst? Davor, glücklich zu werden? Davor, auf mein Herz zu hören?

Mein Gepäck schickten wir bis nach Johannesburg, der Mann lächelte und sagte: „Es müsste ein glücklicher Mann sein, wenn er so sehr geliebt wird, dass ich für ihn alles hinter mir lasse.“ Nun, ich drehte meinen Handy um, zeigte ihm ein Bild von Barney, einem Affen, keinem Menschen, und nickte. Der Mitarbeiter hingegen schaute mich entgeistert an. Wohl doch die verrückte Alte, statt der tollen Disneyprinzessin erwischt.

Ab da wurde alles nur noch verrückter. Ich schlief auf dem WC des Flughafens, weil ich kein Hotel bekommen hatte, fuhr nachts mit einem fremden Franzosen in ein Hostel mit 16 Betten und durchsichtigem Duschvorhang und trampte bei Sonnenaufgang viele hundert Kilometer in Richtung Glückseligkeit.

JJ: Gehen wir mal auf Anfang. Warst du als Kind diejenige, die aus dem Nest gefallene kleine Vögel oder am Straßenrand liegende Katzenbabys rettete? Oder kam deine Tierliebe erst später, vielleicht durch einen Auslöser, zum Vorschein?

Michelle: Definitiv! Ich war das Kind, das Mistkäfer sammelte, Kaulquappen aufzog und sich an allem, was nicht menschlich war, zutiefst erfreute, und das, obwohl ich bis heute insgesamt von vier Hunden gebissen wurde.

Dennoch war mir selbst meine große Leidenschaft nie so direkt bewusst. Ich war halt einfach verrückt nach Tieren. Ist das besonders? Ich ging davon aus, dass jeder Tiere so lieben würde wie ich. affis.adventures

Ich schaute Steve Irwin, König der Löwen, und träumte davon, eines Tages mal durch Afrika zu reisen und Menschen all die wundervollen Tiere in meiner eigenen Dokumentation, à la „Crocodile Hunter“, vorzustellen. Irgendwann in der Pubertät rückte all das in den Hintergrund, doch als ich mich nach dem Abi fragte: Abenteuer oder Auto, buchte ich vom Ersparten meinen Trip.

JJ: Wie bist du auf die Idee gekommen nach Afrika zu reisen, ging es da gleich um Tiere? Warum bist du geblieben? Bist du öfter da? Was unternimmst du konkret für Tiere dort?

Michelle: Afrika stand für mich an erster Stelle, weil ich besonders fasziniert von der Vielfalt der Großkatzen, afrikanischen Elefanten, Zebras und Giraffen war. Ich hatte so viele Dokumentationen über die Flora und Fauna dieses Kontinents gesehen, dass ich endlich alles live sehen wollte.

Jedoch bin ich von allen Kontinenten fasziniert und möchte, sobald wie möglich, auch die Vielfalt von Australien, Asien und Amerika kennen lernen. Geblieben bin ich, wie oben geschildert, weil ich mein Herz verloren hatte. Alles, was ich erlebt habe, kam meinem Kindheitstraum so nah wie nie etwas anderes und ich wollte diesen Traum solange wie nur möglich leben.

Ich war nun drei Mal dort. Ein viertes, fünftes und zehntes Mal wird folgen. Versprochen. Dort zu sein gibt mir Kraft, inneren Frieden und Glückseligkeit. Trotz harter Arbeit, vieler trauriger Momente und einem Lebensstandard, den man hier als unwürdig beschreiben würde, ist dieser Ort mein Kraftpunkt.

Wir nehmen in der Station, in der ich immer wieder arbeite, notleidende Affen auf. Das können ehemalige Haustiere, Unfalltiere, zurückgebliebene Babys oder Zoo- und Zirkustiere sein – und wildern sie aus.

JJ: Wenn du mir Affen als liebenswerte Wesen nahebringen willst, Michelle, rennst du offene Türen ein. Ich liebe sie. Alle. Mache es bitte trotzdem mal -und bitte aus deiner ganz konkreten Erfahrung heraus.

Michelle: Zu Beginn muss ich sagen, dass Affen freche, eigensinnige und bockige Wesen sind und trotzdem liebe ich sie. Ich habe mittlerweile viele Tiere gesehen, mit vielen wunderbaren Arten gearbeitet, aber nichts ist so menschlich, emotional und gefühlvoll wie ein Affe. Ein wahnsinniges Beispiel war mein Abschied und Wiedersehen mit Barney.

Als ich ihn damals ein letztes Mal in sein Babykäfig brachte, weinte ich, auch wenn ich stark bleiben wollte. Als ich die Tür öffnete, um ihn ins Gehege zu bringen, klammerte er sich fester als je zuvor, schrie, pinkelte, jammerte. Er wusste, dass was nicht stimmt. Und er hörte nicht auf. Andere Affen kuschelten ihn, doch er schrie weiter, ohne sich zu beruhigen. Noch im Auto hatte ich diesen herzzerreißenden Ton im Ohr. affis.adventures

Am Tag meiner Ankunft stand ich vor seinem Gehege, suchte ihn und da war er, ganz am Ende, lag auf einem Brett und schaute mich ungläubig an. Was auch immer ich in seinen Augen sah, diese Begegnung war menschlich. Der Ausdruck seines Gesichts, seine Reaktion und die Freude, die ich spürte. Er schaute und dann nickte ich. Lächelnd öffnete ich die Tür und er lief mir in die Arme, klammerte sich fest und schlief ein. Wann immer ich auch nur die kleinste Bewegung machte, wurde er wach und kontrollierte, ob ich ihn noch hielt. Es war magisch.

Alle anderen Wildtiere sind süß, doch Affen sind menschlich. Übrigens entwickelte Barney eine Sympathie oder Prägung für dunkelhaarige Frauen, weil seine Mama, ich, so aussah. Das ist einfach überwältigend. Zu wissen, dass man diesem Tier ein Stück von sich mitgegeben hat, bis er es eines Tages fast vergessen haben wird, weil sie ziemlich früh den Kontakt zu Menschen abgewöhnt bekommen, damit sie in der Wildnis überleben. Immerhin soll er eines Tages frei sein und seine größte Bedrohung, den Menschen, meiden.

JJ: Was siehst du in den Augen eines Affen, siehst du einen Verwandten, siehst du Gefühle, Seele?

Michelle: Ich sehe in den Augen eines Affen einen Freund. Mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen, denn es ist ganz einfach: Tiere sind die besseren Menschen. Ich fühle mich in ihrer Gegenwart wohl, geborgen, angenommen und sicher.

JJ: Spürst du an ihrem Verhalten große Intelligenz (mal davon abgesehen, dass alle Lebewesen, auf ihre Lebensweise zugeschnitten, hochintelligent sind)?

Michelle: Absolut. Glaubt mir. Wenn Ihr einen Haargummi in der Hosentasche habt, einen Knopf an der Hose oder was auch immer, gehört er bald dem Affen. Selbst wenn man ihn woanders versteckt, suchen sie dich ab. Sie verstehen alles, sind extrem aufmerksam, neugierig und was sie einmal entdeckt und raus gefunden haben, vergessen sie nie wieder.

Das ist nicht immer zu meinem Vorteil gewesen, denn sämtliche Handys haben bei ihnen einen Abgang gemacht, nach drei Tagen hatte ich keine Haarspangen mehr und auch Türen mussten immer doppelt und dreifach verriegelt werden, denn sonst steht auf einmal die Truppe hinter dir, um dir deinen Haargummi zu stehlen.

JJ: Michelle, ich habe Fotos von dir gesehen mit Großkatzen (Kindern), die nun mal Wildtiere sind, und auch Affen, die ein Vielfaches an Kraft gegenüber uns Menschen besitzen. Muss ich mir Sorgen um deine Gesundheit machen oder weißt du genau, was du da tust?

Michelle: Wenn du solche Bilder siehst, solltest du dir mehr Sorge um die Tiere machen als um mich. 99% der Tiere, die du auf solchen Bildern siehst, sind aus der Natur geraubt und enden eines Tages in der Trophäen-Jagd, weil sie irgendwann zu groß für das Touristenselfie werden.

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Michelle ist nicht alleine

Oftmals weise ich gerade mit solchen Bildern auf die schrecklichen Geschichten dahinter hin, weil viele Touristen so naiv sind, wie ich einst war.

Ich weiß, dass diese Tiere mir weh tun können und was immer mir geschieht, ist meine Schuld, denn ich weiß, auf was ich mich einlasse. Natürlich ist es nicht ungefährlich, doch in wahrer Gefahr sind die Wildtiere, deren Todesurteil unterschrieben wird, sobald sie größer werden.

JJ: Zu Afrika. Schwärme einfach mal bitte drauf los, ohne dass ich speziell nachfrage.

Michelle: Ja, gerne. Afrika ist wundervoll. Neben den Tieren sind die Landschaft, die Berge, das Grün einfach genial. Ich habe in Südafrika Orte gesehen, von denen ich ein Leben lang träumen werde. Dieses Land vereint einfach alles. Städte, Strände, Natur, Kultur, Leben, Gelassenheit und Tiere. Die andere Mentalität kann zwar auch für einen pflichtbewussten, überpünktlichen Deutschen, der immer alles schnell, schnell gemacht haben muss, anstrengend sein, aber im Grunde sind die Menschen gelassener, was ich nur jedem raten kann. Nehmt das Leben nur halb so ernst.

JJ: Du gibst in deinem Blog Tipps oder Anregungen, wie praktisch jeder helfen kann, die Tierwelt in Afrika zu erhalten. Gib uns mal bitte einen oder zwei. Und: Wie ist das Feedback auf deine Blogbeiträge?

Michelle: Zwei ganz einfache Tipps: Besucht als Touristen keine privaten Reservate, die ihr nicht gründlich recherchiert habt und haltet euch von Attraktionen wie Deflinshows, Spaziergang mit Löwen, Elefantenreiten und Fotos mit Wildtieren fern. Die Tiere sind wild! Stellt Euer Ego nicht über das der Tiere!

Und für alle, die das beherzigen: Erzählt davon. Warnt Freunde, erklärt den Menschen, warum sie so was nicht tun sollten und geht als gutes Beispiel voran. Ein Löwe in Freiheit ist sowieso viel eindrucksvoller als ein unter Drogen gesetztes Riesenkuscheltier. Bitte bleibt realistisch und lasst euch die Welt nicht von falschen Träumen verdrehen.

JJ: Gibt es Erfolge deiner Arbeit?

Michelle: Jedes Baby, das überlebt, ist ein großer Erfolg, denn das ist nicht selbstverständlich, wie mir in meinem letzten Aufenthalt schmerzlich bewusst wurde. Innerhalb von wenigen Tagen sind uns knapp zehn Babys gestorben, weil sie zu schwach waren. Man kann nicht alle retten, doch jedes Baby, das durch kommt, ist ein Erfolg. Man schenkt einem Wesen immerhin das Wertvollste, was es gibt: Ein Leben in Freiheit!

JJ: Danke.

Weitere Informationen: Michelles Webseite/Blog oder Michelles facebook Seite

Alle Fotos privat

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