Der Fluch von karibischem Pustekuchen

 

Was machen fünf deutsche Mädels (oder nennen wir sie politically correct junge Frauen) des Nachts in einer lebendigen, pulsierenden südenglischen Küstenstadt? Natürlich. Sie schlafen.

Nadine Scheidecker; Foto von Oren Goldman

Nadine Scheidecker; Foto von Oren Goldman

Der Tag war zermürbend genug. Voller wissbegierigem Lernens und harter Arbeit. Als Bettlektüre liest die eine aus der Wohngemeinschaft „The Catcher in the Rye“ von Salinger, die andere schwere Kost von Tolstoi und die übrigen drei spielen Karten.

Logisch. Oder?

Pustekuchen. Die fünf Mädels schleichen im nebeligen Halbdunkel vorbei an einem befreundeten Türsteher in einen Strippclub. Natürlich schauen sie nur zu und trinken Mineralwasser. Oder sowas.

 

Wie, warum?

 

Und die damals 18jährige Nadine Scheidecker, sie macht das lediglich zu Studienzwecken. Sie sieht perfekte Körper in perfektem Tanz. Sie registriert – auf der Bühne, an der Stange, wo auch immer – hormonisch rhythmische Bewegungen in einer raffinierten Choreografie.

„Nur die Gesichter…“, erinnert sich die mittlerweile Berlinerin, „die passten nicht dazu, die waren leer.“ Und Nadine, die zu jener Zeit in jener Stadt „Business Management“ studierte, wenngleich sie irgendwo in sich verborgen den Wunsch trug, Schauspielerin zu werden, wollte den Dingen auf den Grund gehen.

Vielleicht gierte sie nicht gleich nach der Erkenntnis, was die Welt im Innersten zusammen hält. Aber wie diese Diskrepanz von perfekten Körpern und leeren Gesichtern zustande kam, das interessierte sie schon…

Als die 1,68 große Frau Wochen oder gar Monate später, und immer noch bar einer Antwort auf die Strippclub-Frage, im Kino saß und mit ihren grünen Augen „Fluch der Karibik 3“ schaute, bemerkte Nadine, dass sie den Streifen anders als gewohnt sah. Irgendwie nicht als Zuschauerin, irgendwie als Schauspielerin. Ein bisschen…

 

Mach es!

 

Diese beiden Ereignisse – die ungeklärte WARUM Frage und der Blick aus anderen Augen auf einen Film – spülten in der cirka 20jährigen den Berufswunsch hoch, den sich das Mädchen aus dem brandenburgischen Dorf, aus der Arbeiterklasse, nicht wirklich traute zu denken, zu fühlen oder gar umzusetzen…

Nadine Scheidecker; Foto ZweiWunder

Nadine Scheidecker; Foto: ZweiWunder

Hätte Nadine Scheidecker in dem Moment daran gedacht, dass ihr Vater mal um ein Haar auch den Schauspielweg eingeschlagen hätte (oder zumindest hätte können), wäre sie wohl an ihn herangetreten mit ihrem aufgewühlten Inneren. Die Tochter indes wandte sich an die Mutter. Und hörte, was fast alle hören in solchen Situationen, von Eltern, die sich sorgen um ihre Kinder, sie beschützen und behüten wollen: „Kind, Schauspiel, das geht gar nicht!“

„Ein Jahr habe ich durchgehalten im Büro“, blickt Nadine zurück, „und das auch ganz erfolgreich.“ Denn was sie macht, das will sie richtig machen. Und mit Herz.

Deshalb absolvierte sie von 2009 bis 2012, mit Unterstützung von Vater und Onkel („Mach es!“), die Filmschauspielschule Berlin. Der Speed-Start mit quietschenden Reifen jedoch blieb anschließend (vorerst) aus: „Es war seltsam. Ich fühlte mich verloren und habe mich, trotz Abschluss, nicht getraut zu sagen: Ich bin Schauspielerin!“

Auch ein erfolgreiches C&A Werbecasting änderte an der Gefühlslage nichts. „Ich habe mich selbst – als Mensch – nicht in der Schauspielwelt gesehen“, analysiert die junge Frau, „diese komische Mischung aus der Leidenschaft und dem Wunsch einerseits und dem realistischen Umfeld der ländlichen Welt, der klassischen Arbeiterfamilie andererseits; das hat es mir anfangs schwer gemacht! Ich musste herausfinden, wer ich bin.“

 

Fokus

 

Vier Jahre zogen ins Land, in denen Nadine Scheidecker ganz klassisch arbeiten ging und nebenher etwas für die Erfüllung des künstlerischen Traums tun wollte. „Da geht der Fokus verloren“, weiß sie inzwischen, „ganz klar, ich war nicht glücklich mit der Situation, das Schauspielding hat mich nicht los gelassen.“

Seit Herbst 2016 ist sie nun (mal abgesehen von zwei klitzekleinen Nebenjobs) Schauspielerin. Und sagt: „Ja, das bin ich!“

Wenn die emsig an ihrer Berufung feilende Berlinerin nicht „zwischendurch dreht“ oder im „Freispiel“ Theater probt, liegt ein Hauptaugenmerk auf Weiterbildung. Im Februar lag ein Workshop bei Tim Garde an („Typisieren“), im Mai „The Lucid Body“ mit Monika Gossmann.

Nadine Scheidecker, Foto ZweiWunder

Nadine Scheidecker, Foto ZweiWunder

Dazwischen im März erwies sich dann ein Ausflug nach Übersee als mehr als nur dazwischen. Robin Czerny, ein Kollege, nahm Nadine, halb abgesprochen mit dem renommierten Coach, halb auf Verdacht, mit nach Los Angeles – zu Bernard Hiller. „Es war nicht abzusehen, ob es gut geht und ob ich am Workshop teilnehmen darf“, schildert die Weltreisende bewegte Tage, die auch zum touristischen Ausflug hätten werden können.

„Ich musste erstmal bei Bernard vorsprechen und konnte dann tatsächlich teilnehmen. Da ich praktisch zu der geplanten Veranstaltung dazu kam, hatte ich keinen Spielpartner, suchte und fand einen, dann kam Robins Anspielpartnerin abhanden und ich übernahm… Turbulent.“

Da mit April Webster noch eine Casterin (Emmy Award-Gewinnerin) dazu kam, wurde der Workshop zusätzlich spannend. „Ich durfte mit ihr arbeiten und sie gab sehr viel Input“, freut sich Nadine über die außerordentliche Erfahrung ebenso wie über einen Satz von Bernard Hiller: „You better thank that guy for bringing you here. You got a lot of fucking talent.“

Solche Kurse, da ist die Schauspielerin sicher, bringen außer der Möglichkeit „viel auszuprobieren“, auch die mit, „dass sich andere, weitere Sachen ergeben“. Und so quietschen die Reifen nun doch.

 

Kribbeln

 

Steht Nadine im Licht der Scheinwerfer am Set, die Kameras auf sie gerichtet, das Mikrofon vor der Nase, und der Regisseur wirft ihr das „Bitte“ zu, dann „kribbelt es am ganzen Körper“, sagt sie, „es ist wie ein Startschuss, alles andere hat keinen Platz mehr; jetzt endlich darf ich das verkörpern, was ich erarbeitet habe, rundum ist es still, ich bin geerdet und es geht nur doch um eins, die Rolle“. Dabei kann es für die Darstellerin zu einem „zweischneidigen Ding“ kommen:

„Ich bin die Figur und beobachte sie im gleichen Moment“, gibt Nadine Einblicke in ihr Inneres, „im Idealfall jedoch bin ich voll drin.“ Dabei hilft der Spielpartner: „Aus ihm kann ich extrem viel schöpfen, die Energie, die er anbietet, springt rüber. Da bringt es gar nichts mehr, den eigenen Stiefel durchzuziehen, ich achte auf ihn und spiele mit.“

Nadine Scheidecker, Foto Oren Goldman

Nadine Scheidecker, Foto Oren Goldman

Besonders spannend am Dialog, ganz anders als beim Monolog, findet Nadine Scheidecker, dass sie „nicht weiß, was da kommt, das macht das Ganze ein wenig wie hilflos und damit menschlich. Ich liebe es!“ Der Schauspielpartner ist für sie in den Momenten nicht der Kollege, sondern die Rolle.

Raus aus der Nummer kommt die Darstellerin „relativ schnell“. Aber nicht immer. „Bei extremen Sachen kann es länger dauern“, plaudert sie aus dem Nähkästchen ihrer Emotionen, „ich habe mal eine krebskranke Frau gespielt, da brauchte ich länger, und irgendwie war das auch eine Schlüsselsituation, um zu verstehen, was Schauspiel kann.“

Was Nadine gerne anschaut, sind Werke wie das britische Filmdrama „Abbitte“ (Originaltitel Atonement) aus dem Jahr 2007. „Dieses bitter-süße nimmt mich sooo mit“, kommentiert sie den Streifen von der Insel, „deshalb kann ich ihn nicht allzu oft anschauen“. Nicht weniger tief ging ihr die Leistung von Hauptdarstellerin Julia Jentsch im deutschen Spielfilm „24 Wochen“ von 2016 unter die Haut: „Wahnsinn, was Julia da gemacht hat!“

Ihre eigenen beiden Rollenträume entspringen zum einen aus der Kindheit. „Ich wollte Archäologin werden und nichts anderes“, ist Nadine immer noch fasziniert von dem Gedanken, wie Indiana Jones Abenteuer mit Wissenschaft zu verbinden und sich durch Dschungelgestrüpp zu schlagen. Und zum anderen reizt sie der Gedanke einer Figur, die ganz anders ist als sie selbst: „Ein Thriller, Krimi… als Killerin… total auf die schiefe Bahn geraten… Und das dann so spielen, dass verständlich wird, warum sie das gemacht hat.“

Ob Nadine Scheidecker inzwischen weiß, warum die Stripperinnen seinerzeit in der pulsierenden englischen Küstenstadt in der nebeligen Nacht das gemacht haben? Warum sie zu perfekten Körpern und perfektem Tanz leere Gesichter trugen? Ups, danach habe ich nicht gefragt.

JJ

Weitere Informationen: Webseite von Nadine

Foto Startseite: Claudia Heinstein

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