„Ich liebe diese Vielfältigkeit“

 

Wir können es so sehen, oder so. Wenn die Schauspielerin Stephanie Jost das Aschenbrödel spielt, steigt sie entweder in die sehr, sehr großen Fußstapfen ihrer Vorgängerinnen, wie beispielsweise der tschechoslowakischen Darstellerin Libuše Šafránková im legendären ČSSR/DDR Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, oder aber sie schlüpft in die kleinen Schühchen der Märchenprinzessin, die ihre Karriere als Putzmädchen begann.
Aber wie auch immer. Stephanie tut es mit sehr viel Herz und sehr viel Spaß. Und sie kann auch anders. Ganz anders:

„Es hat seinen Reiz, eine düstere Figur zu verkörpern“

 

JJ: Stephanie, ohne google oder Wikipedia, was sagt dir der Name Libuše Šafránková?

Stephanie Jost: Der Name sagt mir leider nichts, aber da ich die nächste Frage gelesen habe, habe ich eine Vermutung. Handelt es sich etwa um die Hauptdarstellerin von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“? 😉

JJ: Ja, und sie muss im Prinzessinnenoutfit so faszinierend gewesen sein, dass von den Schauspielkollegen über die Techniker bis zu den Cateringleuten allen der Atem gestockt hat, wenn sie aufgelaufen ist. Wird erzählt. Wenn ich den Film nicht gesehen habe, ist Weihnachten irgendwie nicht Weihnachten. Geht es dir ähnlich?
Hattest du dich besonders gefreut, außer dem Aschenbrödel an der „Märchenkompanie“ auch noch die Prinzessin in „Der gestiefelte Kater“ oder das Dornröschen spielen zu dürfen oder am „Metropol Theater Köln“ in „Die kleine Elfe Mirabell“ oder in „Die Heinzelmännchen“ mitwirken zu können?

Stephanie Jost: An Weihnachten fahre ich immer für ein paar Tage in die Heimat zu meiner Familie und besuche meine Omi, Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins. Ich liebe Märchen und natürlich auch zur Weihnachtszeit. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ habe ich als Kind schon gerne gesehen. Aber es gibt ja auch noch viele andere schöne Märchen. Und wenn es an Weihnachten nicht klappen sollte, dann wird das irgendwann im Laufe des Jahres nachgeholt – beispielsweise beim Märchentag auf 3 Sat.

Foto: Damian Szmurlo

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Damian Szmurlo

Ich liebe es, Märchen zu spielen. Das Tolle ist, dass alle Prinzessinen oder Märchenfiguren, die ich bisher spielen durfte, ziemlich tough und abenteuerlustig insziniert waren.

Die Heinzelmännchen aus Köln zu spielen, war auch eine tolle Erfahrung. Neben dem neugierigen Mädchen Paulina durfte ich auch zwei Heinzelmännchen (Handpuppen) spielen und ihnen verschiedene Stimmfarben und Eigenschaften geben. Und ich habe (als gebürtige Hessin und zugezogene Kölnerin) gelernt, alte Kölsche Lieder zu singen, was mir sehr viel Spaß gemacht hat!

Die kleine Elfe Mirabell war auch ein besonderes Projekt. Normalerweise sind die Kinderstücke für Kinder ab fünf bis open end. Dieses Stück jedoch haben meine Regisseurin und ich zusammen für Kinder ab zwei erarbeitet. Und es ist faszinierend zu sehen, wie auch schon die kleinsten Besucher mitmachen und mitfiebern.

JJ: Was, außer Märchen- oder Sagenfiguren, hast du bislang noch so gespielt, egal ob auf der Bühne oder vor der Kamera? Auch mal eine böse Frau oder eine gescheiterte Existenz?

Stephanie Jost: Im Theater habe ich unter anderem schon Sibyl Vane in „Das Bildniss des Dorian Grey“, Susann in „Schlafzimmergäste“ von Alan Ayckbourne und Irene in Bruckners „Krankheit der Jugend“ gespielt oder als Märchenfigur schon die böse Herzkönigin in „Alice im Wunderland“. Es hat seinen Reiz, mal eine düstere Figur zu verkörpern – gerade wenn man so lieblich aussieht wie ich 😉

Vor der Kamera durfte ich auch schon in viele verschiedene Persönlichkeiten schlüpfen. Ob ein durchgedrehtes Mädchen in „Tchina Wurm“, eine mordende junge Dame, ein lesbisches Mädchen, welches ihrer Familie endlich sagen will, dass sie auf Frauen steht, eine Braut, die ihrem Bräutiam weggelaufen ist und dann mit einem gerade kennengelernten jungen Mann die Polizei vor Rätsel stellt, eine Zwangsprostituierte, die im Krieg vor dem Feind flieht, eine junge Frau, die immer einen nicht vorhandenen Inder sieht… Ich liebe diese Vielfältigkeit und die Herausforderungen.

JJ: Stehst du lieber auf der Bühne oder vor der Kamera? Oder ist das einfach nur anders? Warum?

Stephanie Jost: Ich liebe es, sowohl vor der Kamera zu stehen, als auch auf der Bühne. Es hat beides seine Vorteile (und keins davon Nachteile 😉 ).

Beim Theater ist es einfach toll, die Reaktionen des Publikums mitzubekommen. Gut, man ist eigentlich in seine Rolle vertieft, aber manchmal dringt trotzdem etwas zu einem durch. Ich erinnere mich da an eine Situation, als ich „Die kleine Meerjungfrau“ gespielt habe. Ich stand auf der Bühne als Meerjungfrau, hatte schon meine Stimme gegen Beine mit der bösen Meereshexe eingetauscht und mich in den Prinzen verliebt. Da beobachtete ich gerade, wie der (von der Hexe verzauberte) Prinz ihr einen Heiratsantrag machte und die beiden freudig, Hand in Hand, von der Bühne liefen. Traurig kam ich aus meinem Versteck. Da rief ein kleiner Knirps aus dem Publikum ziemlich laut: „Tja, Jungs sind Jungs!“ 😀 Diesen Moment werde ich nie vergessen.

Es kann auch schonmal vorkommen, dass man auf der Bühne improvisieren muss, denn live ist live. So sind schon viele schöne und manchmal auch lustige, neue Szenen entstanden. Es kam schon vor, dass dann etwas davon ins Stück aufgenommen wurde. In der Theaterprobenzeit kann man viel ausprobieren und ich finde, dass sich manchmal etwas in der Rolle auch während den Aufführungen noch weiter entwickelt. Jede Aufführung ist anders. Das ist ziemlich spannend!

Am Film liebe ich, dass durch beispielsweise Nahaufnahmen auch jede kleinste emotionalste Entwicklung zu sehen ist. Bei einem Theaterstück hingegen ist das Spiel ganz anders, da auch der Zuschauer in der letzten Reihe alles mitbekommen soll. Da würden glasige Augen zum Beispiel nicht ausreichen, um zu zeigen, dass der Charakter traurig oder verletzt ist.

Beim Film ist durch eine Nahaufnahme die emotionale Entwicklung auch im kleinsten Detail sichtbar. Ich finde es super spannend, wenn beispielsweise jemand in einer Situation mit den Tränen kämpft. Dies könnte man im Theater durch den Abstand zur Bühne als Zuschauer so gut wie gar nicht wahrnehmen.

Foto: Damian Szmurlo

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Damian Szmurlo

Bei Drehs mag ich es außerdem auch, an andere Orte zu kommen und neue Leute kennen zu lernen, von denen ich wieder was lernen kann. Sowohl von Schauspielkollegen, als auch von Ton, Licht, Kamera, Maske etc.

JJ: Versuchst du, alle Rollen zu deinen Rollen zu machen, oder gibt es schon solche, die du lieber spielst, die dich mehr reizen?

Stephanie Jost: Natürlich gibt es Rollen, die mich mehr reizen als andere. Trotzdem versuche ich alle Rollen zu meinen Rollen zu machen. Und den Reiz zu finden, falls er auf den ersten Blick nicht zu finden ist. Ich habe mich nämlich auch schon getäuscht.

Bei einem Casting durfte ich für zwei Rollen vorsprechen. Es ging um zwei Freundinnen. Ich hoffte insgeheim, dass ich die eine Rolle bekam, wurde dann aber für die andere besetzt. Und letztenendes war ich so verliebt in diese Rolle. Gut, ich kann nicht wirklich sagen, ob ich mich getäuscht habe. Vielleicht hätte ich mich auch in die andere Rolle verliebt, dass kann ich so nicht sagen. Aber trotzdem war es schön zu sehen, dass mir dieses Mädchen so sehr ans Herz gewachsen war.

JJ: Gibt es eine Traumrolle?

Stephanie Jost: Ich würde gerne mal in einer Fernseh-Märchenverfilmung mitspielen. Ich liebe Märchen und die Drehorte; Kostüme und Ausstattungen sind großartig. Außerdem würde ich gerne mal die Rolle einer jungen Kommissarin übernehmen. Eine Täterin zu spielen, fände ich allerdings auch sehr reizvoll.

JJ: Welche Schauspielerinnen oder Schauspieler siehst du gerne?

Stephanie Jost: Das ist für mich eine schwierige Frage. Es gibt viele, die ich gerne sehe. Und ich will auch jetzt keinen hier vergessen 😉 Ich suche mir die Filme, die ich mir anschaue, meistens nach der Handlung aus. Die Geschichte, die erzählt wird, muss mich packen.

Klar, wenn dann noch bestimmte Schauspieler mitspielen, wo man weiß, die sind wirklich großartig – um so besser. Aber ich lasse mich auch gerne von neuen Gesichtern überraschen und entführen.

JJ: Wie empfindest, wie fühlst du kurz vor einem Auftritt oder einem Dreh, direkt währenddessen und unmittelbar danach?

Stephanie Jost: Kurz vor einem Auftritt bin ich schon ein wenig aufgeregt. Und bei einer Premiere so richtig. Aber ich finde, das gehört auch irgendwie dazu – dieses Lampenfieber. Auch sonst bin ich ja, wenn ich mich auf irgendetwas freue, ein wenig aufgeregt. Beim Dreh geht es mir da ähnlich.

Während des Auftritts oder Drehs bin ich konzentriert, damit ich im Gefühl und in der Situation bleibe und ich versuche, mich durch nichts ablenken zu lassen. Danach bin ich einfach nur glücklich. Manchmal ein bisschen müde, ausgepowert oder noch ein bisschen in der Emotion gefangen, aber glücklich.

JJ: Wie gehst du damit um, wenn dir das richtige Leben einen Streich gespielt hat, oder eine Riesen-Freude gemacht, und du musst, innerlich aufgewühlt, spielen? Vielleicht gar genau das Gegenteil von dem, was die Stephanie in dir gerade fühlt…

Stephanie Jost: So eine Situation hatte ich wirklich schon. Mein damaliger Freund hatte sich gerade von mir getrennt und ich hatte mein erstes Casting nach der Schauspielschule für ein Kinderstück am Theater. Kurz vor dem Casting rief er mich an, was mich sehr aufwühlte. Das war schon schwer für mich. Aber irgendwie hat es mit dem Casting geklappt.

Ein paar Tage später bekam ich einen Anruf und hatte die Rolle. Ich versuche in solchen Situationen einfach abzuschalten, mich zu konzentrieren und mich in die Situation hineinzufühlen. Manchmal denke ich auch an Erlebtes zurück, und nutze dies, passend zur Situation, die ich spielen muss, um mich in die vorgegebene Stimmung zu bringen.

JJ: Stephanie, spielst du gerne mit richtig guten Kolleginnen oder Kollegen zusammen? Warum?

Stephanie Jost: Ja, sehr gerne. Es ist toll, wenn ich einen guten Spielpartner habe. Das macht das Spiel viel einfacher und flüssiger, weil wir viel schneller und besser in die Situation rutschen.

Bei einem Dreh habe ich folgendes erlebt: Mein Spielpartner musste früher vom Set. So haben wir zuerst seine Einstellungen abgedreht. Bei der Einstellung auf mich hat dann ein Crew-Mitglied den Text des Kollegen eingesprochen. Leider ohne Emotion und Betonung. Da muss man sich dann arg konzentrieren, um nicht aus der Rolle zu fallen und das passende Gefühl zu finden. In so einem Moment wird einem dann richtig bewusst, wie wichtig es ist, mit einem guten Kollegen zu arbeiten.

JJ: Erzähle bitte mal ein wenig über deine Ausbildung. Wie war das an der Schauspielschule, eine verrückte Zeit?

Stephanie Jost: Meine Ausbildung ging vier Jahre. Ich hatte von Montag bis Freitag Unterricht. Meistens von 10:00 bis 15:15 Uhr (danach eventuell noch Proben für ein neues Theaterstück). Die Unterrichtstunden waren: Etüden (Pantomime, Improvisation, etc.), Gesang, Sprechen, Musik (teils Klavierunterricht, teils Chor), Balett, Szenenarbeit und Krafttraining. Das Schöne war, dass wir am Wochenende auch schon Theater gespielt haben. Teilweise haben unsere Lehrer insziniert, es kamen aber auch Gastregisseure. Natürlich hat nicht jeder Schüler in jedem Stück mitgespielt, trotzdem standen wir oft auf der Bühne.

Foto: Damian Szmurlo

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Es war ein bisschen wie füher in der Schule. Nur die Klassen waren kleiner und es gab keine Naturwissenschaften 😉 Mir war an der Schauspielschule bewusst, warum ich diese oder jene Unterrichtsstunde mache und da fiel mir das Lernen oft leichter als in der Schule. Und in der Schauspielschule ist alles ein bisschen verrückter. Beim Improvisieren rief ein Mitschüler mal in den Raum, dass wir jetzt alle Schnittlauchröllchen im Quark spielen 😀 Das wurde dann natürlich auch gemacht. Am Anfang der Ausbildung sind einem manche Sachen vielleicht noch ein wenig peinlich, aber irgendwann ist es nur noch lustig, verrückt und macht Spaß!

JJ: Erzähle bitte mal ein bisschen über den Schauspielerberuf, was ist die Faszination, was ist vielleicht nicht so witzig?

Stephanie Jost: An der Schauspielerei fasziniert mich die Vielfältigkeit. In meinem Job wird es nie langweilig, da ich immer wieder neue und verschiedene Charaktere spielen darf. Jedes Mal eine neue Aufgabe, eine neue Herausforderung. Es ist einfach ein tolles Gefühl, Menschen zu unterhalten. Beim Kindertheater reden wir oft mit den Kindern nach den Vorstellungen, machen Fotos und geben Autogramme. Natürlich dann als kleine Meerjungfrau, Elfe Mirabell… und nicht als Schauspielerin Stephanie Jost, um den Zauber zu erhalten. Es ist so schön, in die strahlenden Kinderaugen zu schauen.

Das einzige „Negative“ in unserem Beruf ist die Ungewissheit. Du weißt nie, wann der nächste Job kommt. Das kann morgen sein, oder auch erst in ein paar Wochen. Man hat daher auch keine wirkliche finanzielle Sicherheit wie in manch anderen Berufen. Auch die Ungewissheit, beziehungsweise das Warten, nach einem Casting, ob man die Rolle bekommt oder nicht, kann manchmal nervenaufreibend sein.

Es kann schonmal vorkommen, dass man längere Zeit auf eine Zusage oder Absage wartet. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich auch daran.

JJ: Was liegt demnächst bei dir an?

Stephanie Jost: Jetzt am Wochenende stehe ich für „Montrak – Meister der Vampiere“ vor der Kamera, einem Fantasy-/Horrorfilm, in dem ich die Schwester von Vampierjäger Harry (Dustin Semmelrogge) spiele. Ich freue mich, bei diesem Film mitzuwirken, unter der Regie von Stefan Schwenk und neben solch großartigen Schauspielern wie Antoine Monot Jr., Cosma Shiva Hagen, Sönke Möhring, meinem Kollegen Nikolai Will und vielen mehr.
Des Weiteren werde ich bald wieder mit der Märchenkompanie für unser neues Märchen „Von einem der auszog das Fürchten zu lernen“ proben.

JJ: Hast du einen Plan B, eine Alternative zum Schauspielberuf?

Stephanie Jost: Nein, ich kann mir wirklich keinen anderen Beruf vorstellen 🙂

JJ: Vielen Dank, Stephanie.

Weitere Informationen: http://www.stephanie-jost.de/

Foto Startseite: Damian Szmurlo

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