Das Mädchen aus Ostberlin und der katerlose Rausch

 

„Ja. Ganz klar. Es musste so kommen und wird sich erstmal nicht ändern. Ich… Muss… Mich… Ausdrücken… Sonst platze ich!“ Sagt Karla Nina Diedrich. Schauspielerin.

 

„Ich finde, man muss gut sein. Wie man das erreicht, ist eigentlich unerheblich.“

 

Zum ersten Mal hat sie gedreht, da war sie zwölf. „Ganz ohne Ausbildung, ohne Qualifizierung, mit Gefühl und mit kindlicher Intuition, was einen ja auch schon mal qualifiziert ;-), und das hat gut funktioniert“, erinnert sich die Berlinerin an die Anfänge.  „Aber das Kindliche kann man schnell wieder verlernen, während man erwachsen wird“, schiebt sie nach,  „und man kann sich auch nicht immer darauf verlassen, einen guten Regisseur zu haben, der sich in die Belange der Schauspieler einfühlen kann.“ Spätestens dann sei „eine Technik, ein Handwerk, eine fundierte Ausbildung, wunderbar.“

Fotografiert von Unface Photography

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So mache man sich unabhängiger, schätzt Karla ein, „und wenn man Glück hat, kommt man mit Technik auch an dieses Gefühl von damals wieder ran.“ An die Intuition. Es sei schön, diese beiden Seiten zu verbinden – das Fühlen und das Denken – und dies auf den Punkt zu kanalisieren. „Dafür gibt es verschiedene Techniken und Ausbildungen“, erklärt die Darstellerin, „ich finde, man muss gut sein. Wie man das erreicht, ist eigentlich unerheblich, solange man sich und anderen keinen Schaden zufügt.“ Nicht zuletzt fände sie zudem „schon mal nicht schlecht, dass man etwas fertig gemacht hat – den (Schauspiel) Abschluss“.

 

„Die besten Momente sind, wenn ich nicht darüber nachdenke was ich spüre.“    

                                              

In ihrem Spiel benutzt Karla Nina Diedrich bevorzugt die Meisner Methode. „Um ehrlich im Kontakt mit meinem Schauspielpartner zu sein, mich treffen zu lassen“, begründet sie, „mein Partner wird mir in der sogenannten Repetition 100 Mal um die Ohren hauen, wenn er mir nicht glaubt, dass ich das, was ich da sage, auch wirklich meine. Das höre ich sofort an der Stimme.“

Wenn die Schauspielerin am Kameraset oder auf der Bühne steht, laufen die unterschiedlichsten Szenarien in ihrem Innersten ab, manchmal spüre sie nichts, sagt Karla und beschreibt: „Dann sagen alle ‚wow – das war großartig, ich habe das total gespürt‘, dann spüre ich mal mehr, mal alles, ich spüre manchmal die Kamera, manchmal vergesse ich sie, ich spüre Freude, Anspannung, das Kostüm; aber die besten Momente sind, wenn ich nicht darüber nachdenke was ich spüre. Da verletzt mich was, dann laufen mir die Tränen oder mir wird warm vor lauter Liebe oder Freude; ich habe Stress, wenn meine Figur Stress hat. Ich bin. Einfach so, mit allem, was mich und meine Figur ausmacht. Und das ist schön, das ist wie ein Rausch ohne Kater, das ist Liebe und Fluss und Verbindung. Das ist das Leben. Oder so wie es jedenfalls sein sollte.“

 

„Ich nehme das Publikum immer sehr ernst“

 

Karla Nina Diedrich lebt und spielt und liebt all diese Facetten ihres Berufs auch für sich: „Jede Arbeit, jede Entwicklung ist ja hoffentlich immer auch ein bisschen für mich selbst, das finde ich auch gesund. Aber letztlich spiele ich für meine Figur. Damit sie dahin kommt, wo sie am Ende hin muss. Egal, ob sie das will oder nicht. Wie eine Mama, die zu Ihrem Kind sagt, das ist zwar vielleicht grade nicht so schön, aber das wird schon gut am Ende.“

Fotografiert von Unface Photography

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Einen guten Spiel-Partner sieht Karla dabei „lösungsorientiert, offen, durchlässig, spontan und kreativ. Und was er mit meiner Rolle macht, ist immer sehr unterschiedlich. Ein guter Kollege bringt das Beste aus mir raus.“

Im Theater direkt, vor der Kamera indirekt, möchte die Darstellerin natürlich fürs Publikum spielen. „Ich nehme das Publikum immer sehr ernst“, plaudert Karla aus dem Nähkästchen und will den Zuschauern „nichts vorgaukeln, die sollen ja auch was bekommen für ihr Geld.“

Die Menschen im Theatersaal geben ihr „Adrenalin, Stimmung, Kraft“ und da komme „die innere Rampensau gut zum Zug“, die Leute seien  „unmittelbar dabei, im Kontakt – und das ist wunderschön.“

Einige Jahre hat Karla Nina Diedrich Comedy mit direktem Publikumskontakt gespielt, da hatte sie – wenn es ein guter Tag war – die besten Anspielpartner der Welt. Da merke man auch sehr, „die Stimmungen – wie die gerade drauf sind. Am Set dagegen kann man sich viel mehr konzentrieren, weil man eben nicht sofort die Reaktionen spürt, oder nur die vom Team, das ganz nah dran ist.“ Es habe alles seine Vor-und Nachteile.

 

„So wenig Technik und so viel Spiel bei Kindern.“

 

Sieht die Darstellerin Kolleginnen oder Kollegen zu, dann „unheimlich gerne Kindern“, beispielsweise Chloë Grace Moretz im Film „Let me In“ oder Lina Leandersson in dem schwedischen Vorbild „So finster die Nacht“. „Man sieht da so wenig Technik und so viel Spiel bei Kindern, das finde ich schön“, analysiert Karla beeindruckt.

Zudem sehe sie „generell natürlich gerne Frauen“, weil es „immer noch zu wenig spannende Rollen gibt“, und wenn dann mal was komme, sauge sie es auf wie ein Schwamm. „Lilith Stangenberg in ‚Wild‘ habe ich sehr gerne gesehen, Toni Colette in ‚United States of Tara‘, Felicity Huffman in ‚Transamerica‘  oder Eva Green in ‚Penny Dreadful‘ haben mich sehr beeindruckt“, zählt Karla Nina Diedrich einige Rollen auf und  ergänzt: „Interessante männliche Schauspieler sind in letzter Zeit Rami Malek und Martin Wallström in ‚Mr. Robot‘ und ansonsten Lars Mikkelsen und Jesper Christensen.“

Fotografiert von Unface Photography

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Nicht wundernimmt, dass sie außer den üblichen Verdächtigen aus Übersee auch skandinavische Darsteller/innen nennt. Die in Berlin geborene Karla ging in Schweden zur Schule und zog später nach Dänemark.

 

„Das Mädchen aus Ostberlin“

 

Und – so viel Zeit muss sein – sie legt einen gewissen Wert auf die genaue Ortsangabe. „Ich bin Ostberlinerin. Meine Familie war damals wirklich geteilt, ich bin praktisch neben dem Grenzübergang Bornholmer Straße aufgewachsen. Ost und West war bei uns immer Thema und auf meiner Geburtsurkunde steht die Deutsche Demokratische Republik, ein Land, das es nicht mehr gibt. Das ist Teil meiner Identität. Und außerdem hat das immer so einen süßen Exotenfaktor im Ausland, da werden die Augen groß – das Mädchen aus Ostberlin ;-).“

Auch andere klischeehafte Verallgemeinerungen präzisiert Karla. Von „den Dänen“ will sie nichts hören. „Was ich an DEN Dänen mag, das ist schwer zu sagen“, räumt sie auf, „aber an den Dänen, die ich kenne, mag ich ihr Gefühl für die Gemeinschaft, für Lösungen, die alle mit einbeziehen sollen. Es gibt immer jemanden, der fragt, was mit den anderen ist, die nicht gehört werden, die nicht vor Ort sind, die die nicht gleichgestellt oder gleichberechtigt sind. An den Dänen, die ich kenne, mag ich eine bestimmte Ruhe, man muss nicht so viel sagen, um sich zu verstehen. Stumm aufs Meer gucken, und wissen, ob das ein guter Tag wird oder nicht, muss man in Dänemark nicht episch diskutieren. Das finde ich schön. Und an den Dänen, die ich kenne, mag ich sehr, dass sie sich nicht oft zufrieden geben, dass sie sich auf sehr hohem Niveau beklagen können und daher immer wieder in Frage stellen, ob das was sie machen, gut genug ist, ob das reicht – und dass sie genau dadurch viele gute Sachen erreichen.“

 

Themen, die wenig glamourös wirken

 

Erreichen will auch  Karla Nina Diedrich noch einiges: „Meinen Lebensunterhalt von Schauspiel bestreiten können, ist ein ganz elementares Ziel.“ Alles andere wäre Plan B – und den gab es nie wirklich. „Aber ich habe mich trotzdem jahrelang fast täglich mit ihm beschäftigten müssen“, passiert sie Revue, „es gibt nun mal so Themen wie Miete und Rente, auch wenn das immer sehr wenig glamourös wirkt.“

Fotografiert von Unface Photography

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Und genau so wird es kommen. Weil es muss. Karla wird nicht platzen, sie wird sich ausdrücken. Als Schauspielerin. Und das macht sie gerade. In “Der Kriminalist“ oder „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte“; in „Ballerina“, ihrer zweiten dänischen Produktion, die 2017 erscheint und in der sie die Hauptrolle spielt oder für das Theaterstück „Makembo!“ sowie in „Nachtschicht“ auf den nächtlichen Straßen von Berlin. Unter anderem.

JJ

Foto Startseite: Unface Photography

Weitere Informationen:Webseite von Karla

 

 

 

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