„Reise in mein Herz“

 

CananUzerli; Foto: (c) Antje Sauer

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Foto: (c) Antje Sauer

Canan Uzerli ist in Kassel geboren und als Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters zweisprachig aufgewachsen. Ihre persönlichen Erfahrungen sowie ihre Ausbildung veranlassten sie, ein Projekt mit selbst komponierten Liedern in türkischer Sprache zu starten. Mit „Die Stimme aus dem Inneren – Içten Gelen Ses“ verbindet die Musikerin ihre beiden Kulturen.

2005 entschloss sich Canan professionelle Sängerin zu werden und begann eine Gesangsausbildung an der Hamburg School of Music. 2013 gründete sie ihre erste eigene Band. Am 26.01. erschien das Album „İçten Gelen Ses – Die Stimme aus dem inneren“ mit allen Liedern Ihres Projektes. Das Release Konzert findet am 16.02. im Tiyatrom in Berlin statt.

Damit genug der trockenen, sachlichen Einstiegsinformation. Die Sängerin erfüllt das Ganze mit den Antworten auf meine Fragen mit Leben. Hier und jetzt:

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„Jeder Text hat einen ganz persönlichen Bezug zu meinem Leben“

 

JJ: Canan, was bedeutet Musik für dich ganz persönlich? Was geht in dir vor, was macht sie mit dir?

Canan Uzerli: Für mich ist Musik eine essentielle Quelle von Lebensenergie und meine Seelennahrung. Sie vermag Räume in meinem Inneren zu öffnen und kann tiefe Heilung bewirken. Sie hat eine große transformative Kraft. Ich kann ein bestimmtes Gefühl durch Musik verstärken oder aber umwandeln lassen.

Ich lasse mich gerne tief von Musik berühren und tauche intensiv ins Hörerlebnis ein. Und ich lasse mich auch von Musik bewegen, innerlich und ganz wörtlich, im körperlichen Ausdruck, wenn ich komplett frei tanze.

JJ: Wenn ich mich in einen Flow schreibe, wozu absolute Ruhe um mich herum nötig ist, dann bin ich irgendwie in einem anderen Zustand, ich denke im Idealfall nicht mehr nach, tippe nur noch drauf los und bin dann selbst überrascht. Wie ist das bei dir – wenn du Songtexte schreibst, wenn du Kompositionen aufschreibst/ausdenkst?

Canan: Mir geht es da ähnlich, ich brauche dazu auch absolute Ruhe und nehme mir viel Zeit für diesen Schaffensprozess. Zumal ich ja auf Türkisch schreibe. Es gibt die Texte/Musikstücke, die wie von Zauberhand entstanden sind und bei denen ich mich nachher frage, wie habe ich das gemacht?

CananUzerli; Foto: (c) Antje Sauer

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Foto: (c) Antje Sauer

Das ist sicherlich eine Art Flow-Erfahrung, angeschlossen an die Quelle der Inspiration. Und genauso gibt es Texte/Musikstücke, die ich mir erarbeiten muss. Wo es nicht so flutscht und sich mühsamer anfühlt, das ist dann eine andere Qualität. In jedem Fall sind die Momente, in denen die Inspiration ungefiltert durch mich hindurchfließt Geschenke, über die ich mich freue, die ich aber nicht erzwingen kann.

JJ: Denkst du Melodien aus, erarbeitest du sie – oder fliegen sie dir zu?

Canan: Die Melodien, die ich schreibe, fliegen mir teilweise zu und teilweise erarbeite ich sie mit meinem Gitarristen Henrik Kolenda. Da kann es sein, dass ich eine Melodie-Idee vorschlage, die durch einen Akkord von ihm eine ganz neue Richtung erfährt.

Für mein neues Album hat auch Ulrich Kodjo Wend zwei Stücke komponiert, die ich vertextet habe. Seinen wunderschönen Song „Günesim“ aus dem Film „Im Juli“ von Fatih Akin interpretiere ich ebenfalls auf meinem Album.

JJ: Und die Texte… sind aus deinem Leben?

Canan: Für mein Album „Icten Gelen Ses- Die Stimme aus dem Inneren“ habe ich eine Reise in mein Herz unternommen und über die letzten zwei Jahre all die Themen vertextet, die ich dort vorgefunden habe. Es geht dabei um universelle Themen wie die Suche nach Identität, Selbstfindung, den Mut den eigenen Weg zu sehen, um Sehnsucht und Liebe. Jeder Text hat einen ganz persönlichen Bezug zu meinem Leben.

Im Booklet meiner CD habe ich auch die deutschen Übersetzungen hinzugefügt. Und auf meinen Konzerten führe ich mit kleinen Geschichten und Übersetzungen durch das Programm, so dass auch Menschen, die kein Türkisch verstehen, wissen worum es geht.

JJ: Wenn ich in einem anderen Land bin, Canan, vor vielen Jahren in Bulgarien beispielsweise oder sehr oft in der Tschechischen Republik, graben sich Lieder und Melodien inklusive der Sprachmelodien in mein Gefühl. Bulgarien ist dann für mich dieser Song, Tschechien jener. Wenn ich deine Songs höre, was meinst du, fühle ich dann die Türkei? Oder mehr dich?

Canan: Wie schön! Nun hast du meine Musik ja nicht in der Türkei gehört sondern hier in Deutschland… sollte dich meine Musik aber neugierig auf die Türkei machen, dann würde mich das sehr freuen! Vorher kannst du dir ja mein neues Video „Istanbul’da“ auf Youtube anschauen, welches ich mit Lüey Nohut in Istanbul gedreht habe.

Mir haben jedenfalls schon viele türkische Besucher/innen meiner Konzerte rückgemeldet, dass sie sich durch meine Musik nach Istanbul oder generell in die Türkei zurückversetzt gefühlt haben. Das hat mich gefreut.

JJ: Du sagst, dass du  mit dem Projekt „Die Stimme aus dem Inneren – Içten Gelen Ses“ die deutsche und türkische  Kultur verbindest. Erzähle mal bitte.

Canan: Ich hatte schon immer den Wunsch, mich mit meiner türkischen Seite zu beschäftigen. Daher bin ich nach dem Abitur für sechs Monate zum Praktikum nach Istanbul, um noch tiefer in die türkische Kultur und Lebensart einzutauchen. Zurück in Hamburg wollte ich mich weiter mit meiner türkischen Seite beschäftigen und habe angefangen Türkeiwissenschaften zu studieren.

CananUzerli; Foto: (c) Antje Sauer

CananUzerli;
Foto: (c) Antje Sauer

Parallel habe ich einen Saz-Kurs angefangen (türkische Laute) und türkische Lieder dazu gesungen. Ich wurde dann für ein türkisches musikalisches Projekt des türkischen Regisseurs Telat Yurtsever angefragt und habe dafür angefangen, türkische Kunstlieder zu lernen – mit dem türkischen Musiker Turhan Vurgun.

Und da wurde mir klar, dass ich mich mit meiner türkischen Seite am liebsten auf musikalische Weise beschäftigen möchte. Daher habe ich mich entschlossen, nach meiner Gesangsausbildung in Hamburg nach Berlin an das Konservatorium für türkische Musik zu gehen, um dort bei Nuri Karademirli Gesangsunterricht zu nehmen. Ich habe dann angefangen eigene Lieder zu schreiben und mit meinem aktuellen Projekt/Album verbinde ich meine beiden Kulturen, in dem ich hier in Deutschland mich mit meinen türkischen Liedern zum Ausdruck bringe.

JJ: Ich selbst empfinde unsere… meine… deutsche Sprache eher langweilig, temperamentlos, sachlich. Eine tschechische Dolmetscherin belehrte mich mal eines Besseren. Sie empfindet Deutsch als melodiös… schön… Wie empfindest du deine beiden Sprachen?

Canan: Ich empfinde Deutsch auch eher sachlicher, etwas kopflastiger. Türkisch ist für mich die Sprache, in denen sich mein Herz und meine Seele auf besondere Weise ausdrücken können. Ich empfinde sie als weicher, melodiöser und blumiger.

JJ: Vor Jahren habe ich mal über Atiye Deniz berichtet, sie ist in Bremen aufgewachsen und hatte in der Türkei große musikalische Erfolge. Atiye macht nach meiner Wahrnehmung Gute Laune Musik, auch zum Tanzen und Feiern. Die Songs von dir, die ich bislang hörte, verleiten mich eher zum Träumen, ich lege mich hinein und fühle… Wie charakteresierst du deine Musik?

Canan: Meine Musik ist eine Mischung meiner Erfahrung zwischen zwei Kulturen, zwei Welten und eben auch zwei vollkommen unterschiedlichen musikalischen Welten.
Meine Musik bewegt sich zwischen Orient und Okzident, zwischen Chanson und Pop und zwischen sinnlicher Melancholie und kraftvoller Rhythmik.

Mein Gesang wird akustisch begleitet aus einer Mischung westlicher und orientalischer Instrumente. Wir haben Gitarre, Diatonisches Akkordeon, Türkische Saz, Kontarbass und Perkussion. Meine Musiker sind alle Meister ihres Faches und ich bin sehr stolz, dass sie in meiner Band spielen.

Meine Melodien sind nicht so reich verziert wie in der klassischen türkischen Sanat/Kunstmusik oder orientalischen Musik, sondern eher europäisch, dennoch verziere ich immer wieder gerne meine Melodien auf orientalische Weise.

JJ: Bist du mit einem Anspruch unterwegs, Canan, hast du eine Mission ;-), willst du etwas erreichen – oder machst du da einfach nur, was dir Spaß macht – und was dann mit deinen Songs passiert, liegt außerhalb deines Einflusses?

Canan: Ich mache Musik, um mit ihr die Menschen im Herzen zu erreichen. Meine Lieder erzählen davon, der Stimme des Herzens zu folgen, den eigenen authentischen Weg zu gehen, auf sein Herz zu hören und mutig sein Leben in die Hand zu nehmen. Wenn ich meine Zuhörer dazu inspirieren kann, würde mich das freuen.

Alles andere, was mit meinen Liedern passiert, darüber mache ich mir keine Gedanken. Mögen sie die Hörer finden, denen die Musik gut tut und die sie berührt. Neulich hat mir eine türkische Frau geschrieben, das wäre die Musik, auf die sie schon lange gewartet hat. Das hat mich sehr berührt.

JJ: Eine türkische Frau namens Shebnem hat mir mal erzählt, ihr Name bedeutet Morgentau. Bedeutet dein Name auch etwas und trifft diese Bedeutung den Nagel auf den Kopf? 😉

Canan: Mein Name bedeutet Geliebte. Ich bin sehr dankbar für diesen schönen türkischen Namen und ich fühle mich geliebt. Also von dem her passt er.

JJ: Welche Musik hörst du gerne? Während der Autofahrt… im Konzert?

Canan: Ich habe einen sehr breitgefächerten Musikgeschmack. Von Kindheit an aufgewachsen mit klassischer Musik, Jazz, Pop wie auch türkischer Kunst- und Volksmusik habe ich einen weiten Horizont. Besonders inspiriert haben mich Platten von Carol Kidd, Cat Stevens, Zeki Müren, Sezen Aksu, Candan Ercetin, Sertab Erener , Loreena Mc Kennith, Noa und Azam Ali. Ich liebe Schubert Lieder genauso wie portugiesischen Fado von Amalia und französischen Chanson.

CananUzerli; Foto: (c) Antje Sauer

Canans Album;
Foto: (c) Antje Sauer

Gerade höre ich während der U-Bahnfahrten aber besonders gerne Bob Marley, weil das einfach nach Sommer klingt und Leichtigkeit versprüht.
Meine letzten beiden Konzerte vor Kurzem waren von Anna Depenbusch und Glashaus, das war wunderschön!

JJ: Was liegt aktuell bei dir an (Album), was demnächst? Hast du einen Musikerinnentraum im Gepäck?

Canan: Genau, mein neues Album ist gerade veröffentlicht worden und war direkt auf Platz #1 der TOP 200 Itunes World Charts eingestiegen. Das hat mich sehr gefreut! Man kann es jetzt in in allen digitalen Shops erhalten.

Und wer eine schöne, wertige CD mit einem Booklet mit allen Texten und Übersetzungen möchte, kann sie über  meinen Online-Shop bestellen. Ich signiere sie dann auch sehr gerne!

Ich freue mich auf unser Release Konzert am 16.02.2018 im Tiyatrom in Berlin und auf die weiteren Konzerte (Termine siehe Webseite von Canan). Mein Traum ist es, mit meiner wundervollen Band in Istanbul ein Konzert zu geben!

JJ: Danke, viel Spaß, viel Erfolg.

Foto Startseite: (c) Antje Sauer

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