Die für die Wölfe tanzt

 

Svea lebt da, wo andere Urlaub machen – an der Ostseeküste. In Rostock. Und da tanzt sie auch, für das Seawolves Danceteam. Die Basketball-Männer spielen eine furiose Saison in der 2. Bundesliga – ProB und bestreiten gerade die Playoffs. Genauso furios gestaltete sich die Entwicklung des Teams der tanzenden jungen Frauen.

Darüber erzählt uns die Co-Trainerin hier und jetzt:

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„Ich bin sehr froh, dass ich so viele starke, schöne und selbstbewusste Frauen in meinem Alter zu meinem Freundeskreis zählen kann“

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JJ: Svea, bevor wir zum Basketball und zum Tanz kommen, erst mal eine Warnemünde-Frage. Ein Einheimischer hat mir vor Jahrzehnten erzählt, dass der Blick von der Bahnhofsbrücke über den Alten Strom einer der schönsten überhaupt ist. Zu Recht, wie ich finde. Wie oft stehst du dort und schaust und staunst, obwohl es für dich als Rostockerin ein selbstverständlicher Ort ist?

Svea: Jedes Mal, wenn ich über die Brücke gehe, muss ich einen Augenblick stehen bleiben, damit ich realisiere, dass ich wirklich so verdammt dicht am Meer wohne. Sooft, wie ich gerne in Warnemünde wäre, bin ich es leider gar nicht. Das lässt mein Alltag nicht zu.

Svea - vorne, zweite von links, Foto Sylvia Funk

Svea – vorne, zweite von links,
Foto: Sylvia Funk

Mein persönlicher Lieblingsplatz in Warnemünde ist allerdings die Alexandrinenstraße. Sie verläuft parallel zum Alten Strom, ist niemals überladen und durch die kleinen Kapitänshäuser bekommt man einen Eindruck vom ursprünglichen Warnemünde. Das mag ich.

JJ: Worin besteht deine ganz persönliche Faszination Basketball und worin deine Faszination Tanz?

Svea: Basketball ist ein unglaublich schnelles Spiel. Es bietet viele Möglichkeiten, ein Spiel zu gewinnen oder zu verlieren. Das habe ich auch in den Jahren gesehen, in denen ich die Seawolves als Zuschauerin begleitet habe. Ein Abstand von zwanzig Punkten zwischen zwei Mannschaften sind im dritten Viertel weder Garant für einen Sieg noch für eine Niederlage.

In Rostock ist es auch die Stimmung in der Halle, welche übrigens ohne die Fanclubs und ihre Trommeln niemals möglich wäre, die einen komplett für dieses Sport begeistern kann. Viele meiner Freunde kommen mittlerweile regelmäßig zu den Heimspielen. Ich kann gar nicht sagen, was mich am Tanzen so fasziniert hat, dass ich damit angefangen habe zu tanzen. Soweit zurück reichen meine Erinnerungen gar nicht. Allerdings kann ich in drei Punkten sagen, wieso ich damit niemals aufhören werde.

ALLE Menschen dieser Erde tanzen. Und können auch tanzen. Wenn ich nämlich eins in meinen Ausbildungen gelernt habe, dann das: Gehen ist auch tanzen.

Tanzen macht IMMER glücklich. Wer dieser Aussage nicht traut, der stelle sich in einer nächsten schlechten Laune vor den Spiegel, hört sein Lieblingslied und wackelt mit dem Po. Hilft garantiert. 😉

Um zu tanzen muss man sich den Allerwertesten aufreißen. Und zwar richtig. Nicht nur, wenn man Profitänzer ist, sondern auch, wenn man Tanzen als Hobby betreibt. Man muss sich bemühen, wenn man über 20 Jahre alt ist und noch in einer Tanzgruppe tanzen möchte. Die Wenigsten halten solange durch. Ich bin froh, dass ich mit dem Danceteam eine so engagierte Gruppe gefunden zu haben.

JJ: Letztens habe ich gelesen, wie viele Zuschauer zu den Heimspielen der ROSTOCK SEAWOLVES strömen. Ich musste mehrmals nachlesen, weil ich meinen Augen nicht traute – über 3000, ein Mal über 4000 – und das in der 2. Basketball-Bundesliga ProB. Wie ist das für dich als Tänzerin, ein Schuss Kribbeln mehr?

Svea: Auf jeden Fall. Im Danceteam wissen wir, je mehr Leute zugucken, desto besser wird die Stimmung und das Spiel. Für mich als Tänzerin ist es ein unheimlicher Luxus, mit so vielen Zuschauern verwöhnt zu werden. Nur ein kleiner Vergleich mit der Metropolitan Opera in New York: Dort finden im Saal circa 3900 Zuschauer platz. Eine Marke, die bei einem Seawolves-Spiel sogar geknackt werden konnte.

Das Kribbeln habe ich jedoch bei jedem Auftritt. Nicht nur bei den großen Spielen. Tanzen ist für mich so sehr von Freude, Lebenslust und Mut geprägt, dass ich mich auch freue tanzen zu dürfen, wenn nur ganz wenige Menschen zuschauen. Auch der direkte Kontakt mit Fans und Kindern bei Events ist schön und gehört zu den Momenten, an die ich mich noch lange gut erinnern kann.

JJ: Wenn wir einmal dabei sind, Svea, du sagst, dein Lieblingsmoment ist, „wenn das Spiel so gut ist, dass alle Leute aufstehen, gemeinsam klatschen und wir ein Timeout tanzen dürfen, was die euphorische Stimmung richtig aufgreifen kann“. Bist du dann tatsächlich noch motivierter und es entsteht eine Wechselwirkung mit dem Publikum?

Svea: Auf jeden Fall. Als Tänzerin bekommt man auf der Tanzfläche auch die Reaktionen des Publikums mit. Wenn wir beispielsweise eine Gardereihe mit hohen Beinschwüngen (Grand battement jeté) tanzen, dann hört man wie ein Raunen durch das Publikum geht. Das motiviert mich immer dazu, mehr solcher effektvollen Elemente in meine Choreografien einzubauen und vor allem noch mehr zu trainieren.

JJ: Außerdem sagst du, dein Lieblingstanz sei immer „der Neuste, weil der meist am schwierigsten ist“. Du magst die Herausforderung?

Svea: Ja, ich liebe die Abwechslung. Wir lernen in kurzer Zeit extrem viele neue Tänze. Vorher habe ich eine Choreografie, welche an sich schon länger war, über einen lang gestreckten Zeitraum hinweg getanzt. Das ist beim Cheerleading anders. Beides hat jedoch seine Vorteile. Je länger man schließlich ein und dieselbe Sache macht, desto besser wird man auch darin.

Damals bei ARThus, meiner alten Tanzgruppe, galt die Faustregel: „Wenn man den Tanz an die jüngere Tanzgruppe abgeben muss, dann sieht er am besten aus.“ Ich denke dieses Prinzip lässt sich auch auf unsere Tänze bei den Seawolves übertragen. Tänze aus dem letzten Jahr sitzen perfekt und die neuen sind eine Herausforderung. Mittlerweile erweitern wir die Genre und die Tanzstile, die wir bei einem Spieltag präsentieren. Meiner Meinung nach ist das für alle ein Ansporn, uns immer weiter zu entwickeln.

JJ: Oft sehe ich Menschen, die technisch perfekt tanzen – und manchmal sehe ich Menschen, die beim Tanz ihre Gefühle rauslassen. Das kommt dann bei mir an und nimmt mich mit. Was meinst du, wäre ich in Rostock gut aufgehoben, wenn ich angesteckt werden möchte?

Svea: Das kommt ganz darauf an, womit man angesteckt werden möchte. Unser Danceteam hat sich von unserer ersten Saison 2016/2017 zur Saison 2017/2018 zahlenmäßig verdoppelt. Ich denke, dieser Fakt alleine spricht dafür, dass wir unsere Leidenschaft richtig weitergeben können. Wir hängen alle emotional an den Seawolves als Verein. Jeder Sieg ist auch für uns wichtig und entscheidend. Wer uns an der Seitenlinie beobachtet, der merkt schnell, dass wir mit Herzblut unser Team anfeuern.

Für mich persönlich ist es sehr wichtig, dass ich mir meine Technik beim Tanzen beibehalte. Nur wer auf eine saubere Ausführung einfacher und komplizierter Schritte achtet, kann auf längere Sicht schmerz- und unfallfrei bleiben. Mit meinem Sportstudium und meiner Arbeit im Hinterkopf ist das ein besonderer Fokus, den ich in meiner eigenen sportlichen Tätigkeit wähle. Hinzu kommt, dass ich erst mich selbst auf der Tanzfläche präsentieren kann, wenn ich einen Tanz verinnerlicht habe.

Das kennt glaube ich jeder, der schon mal selbst auf der Bühne stand. Unsicherheit sorgt dafür, dass ich mich zu sehr auf den Tanz an sich konzentrieren muss. Meine ganze Mimik und Gestik öffnet sich, wenn ich mich richtig wohl und sicher fühle.

JJ: Svea, plaudere bitte mal ein bisschen übers Danceteam: Was für eine Truppe hat sich da zusammengefunden, tänzerisch und menschlich?

Svea: Sowohl tänzerisch als auch menschlich hat sich alles bei uns zusammengefunden. Das Training bringt uns alle auf einen gemeinsamen Nenner. Mein persönliches Ziel beim Training, welches ich in meiner Rolle als Co-Trainerin verfolge, ist es, den Mädchen einen Werkzeugkasten in Form von Trainingsroutinen und Übungen in die Hand geben zu können. So kann jeder von uns gezielt an seiner eigenen Form arbeiten. Zurzeit arbeiten wir alle an unserer Dehnfähigkeit und am Muskelaufbau.

Wir treffen uns auch außerhalb unserer Trainingszeiten, um zusammen ins Fitnessstudio zu gehen. Und nicht nur dafür. Wir feiern Geburtstage zusammen, gehen viel gemeinsam essen und auch mal tanzen. Wir haben uns alle im Danceteam gefunden, dies ist unsere erste Gemeinsamkeit. Damit hört es jedoch nicht auf.

Svea ist die blonde Tänzerin vorne-Mitte-links; Foto von Sylvia Funk

Svea ist die blonde Tänzerin vorne-Mitte-links; Foto von Sylvia Funk

Gefühlt 80% von uns studiert in irgendeiner Form Lehramt, einige gehen noch in die Schule oder haben eine medizinische Ausbildungslaufbahn gewählt, andere von uns sind wahre Fashionistas oder Grammatikprofis. Was bedeutet, dass wir füreinander da sind, sobald jemand ein Wehwehchen von uns hat, das perfekte Outfit her muss, oder Hausarbeiten Korrektur gelesen werden müssen. Ich bin sehr froh, dass ich so viele starke, schöne und selbstbewusste Frauen in meinem Alter zu meinem Freundeskreis zählen kann.

JJ: Und: Sind die SEAWOLVES ein professionell aufgestellter und gleichwohl familiärer Verein und du fühlst dich als Familienmitglied?

Svea: Definitiv. Der Verein ist in den letzten drei bis vier Jahren unheimlich gewachsen. Da war eine Professionalisierung ein nicht zu umgehender Schritt. Dass sich der Verein so ein großes Danceteam wie uns leisten kann zeigt auch: „Wir sind nicht hier, um Spielchen zu spielen, wir sind hier, um zu bleiben.“

Wir als Danceteam sind nach zwei Jahren schon an einem Punkt, den ich mir noch nicht ausmalen konnte, als alles begann. Wir tragen eigens für uns geschneiderte Kostüme aus den USA, haben an die 100 Choreografien in den Jahren auf die Beine gestellt, wir haben einen eigenen Sponsor und wir wachsen ständig weiter. Es ist wirklich schön, dass der Verein so an uns glaubt. Es kommt tatsächlich einer Familie gleich.

Egal welche Position man innerhalb des Vereins einnimmt, alle packen mit an. Niemand ist sich für die kleinen Jobs zu schade. Die eigene Basketballjugend, in der mein Bruder spielt, wird vom Verein in einer positiven Art und Weise unterstützt, die ihresgleichen sucht. Wir alle kämpfen für den Erfolg der Seawolves, das muss uns wohl vereinen. So werden auch wir Tänzerinnen sofort vom Physio-Team der Jungs versorgt, wenn uns etwas passiert ist, oder jemand vor dem Spiel ein Tape oder Verband benötigt. Es ist ein schönes Gefühl für uns alle, wenn man als genauso wertvoll erachtet wird wie ein Spieler.

JJ: Auch wenn du während der Spiele auf dich und das Danceteam fokussiert sein musst: Was meinst du, zeichnet die Jungs in dieser Saison aus, warum spielen sie so verdammt gut?

Svea: Das ist wohl die einzige Frage, die ich nicht so richtig beantworten kann. Ich denke einfach, dass die Zeit reif ist. Das Ziel Aufstieg schwirrt jedem von uns im Kopf herum und alle arbeiten unheimlich hart dafür. Die Zeit ist einfach reif.

JJ: Bist du mit einem Danceteam-Tänzerinnentraum unterwegs, Svea, wenn ja, mit welchem?

Svea: Vielleicht ist das träumerische Element die 60 Sekunden auf dem Spielfeld, oder das eine perfekte Foto von uns, nachdem bestimmt 200 gelöscht worden sind. Um ehrlich zu sein, gibt es keinen Traum, vielleicht eine Illusion, aber die Entscheidung von mir, mich vor zwei Jahren beim Casting anzumelden, war knallharte Realität. Es hat geklappt.

Ich kann sagen, dass mein Leben danach noch schöner geworden ist. Ich habe unheimlich tolle Menschen kennen und lieben gelernt. Ich habe das Glück, alle Mädchen mindestens zweimal in der Woche beim Training zu sehen. Beim Basketballspiel bin ich im wahrsten Sinne des Wortes mittendrin statt nur dabei. Mein Selbstbewusstsein und meine Ausstrahlung haben sich geändert und sind in meinen Augen noch stärker geworden.

Außerdem habe ich nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch in meiner Rolle als Co-Trainerin die Chance bekommen, mich ganz und gar ausleben zu können. Das genieße ich in vollen Zügen und es bringt mir die größte Freude. Und nein, das ist kein Traum. Es ist wirklich so und das ist doch eigentlich das Schönste am Danceteam-Tänzerin-Dasein.

JJ: Vielen Dank und viel Spaß weiterhin.

Foto Startseite: Sylvia Funk

Weitere Informationen: Das Danceteam auf der Webseite der Seawolves

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