Auf der Bühne im „Leo“

 

Bernhardt Jammernegg lebt in Österreichs Hauptstadt Wien. Er singt eigene Lieder und spielt Theater. Der 1,86m große, schlanke Mann in den besten Jahren ist im Besitz (fast) sämtlicher Führerscheine. Diese Information aber nur nebenbei 😉

Bernhardt Jammernegg, Foto © schiffleitner

Bernhardt Jammernegg, Foto © schiffleitner

Über seine Leidenschaften Musik und Schauspiel informiert er uns hier und jetzt selbst. Und ganz nebenbei erzählt Bernhardt von Freistiltanzeinlagen und benennt an einer Stelle, an der beinah alle anderen die Namen von Meryl Streep oder Leonardo DiCaprio erwähnen, eine junge Kollegin aus dem Alpenland.

„Wenn ich längere Zeit keine Musik mache, fühle ich mich krank“

 

JJ: Bernhardt, gehen wir doch gleich mal in medias res. Was bedeutet dir die Musik, was macht sie mit dir, was willst du mit ihr erreichen oder ausdrücken?

Bernhardt Jammernegg: Ok, es geht also gleich ans Eingemachte. Also gut, Musik bedeutet für mich, eine unglaubliche Möglichkeit zu haben, mich auszudrücken. Sei es beim Singen, beim Schreiben eines Liedes, beim Zuhören, oder aber auch beim Tanzen, das bei mir allerdings meistens in eine recht eigenwillige Art der Freistil-Improvisation ausartet, die mich aber sehr nahe an meine Gefühle bringt. Wenn ich längere Zeit keine Musik mache, fühle ich mich krank.

Was ich mit ihr erreichen will? Menschen. Beim Singen gebe ich meine Lieder quasi frei und jeder kann damit machen, was er will. Bleibt mir eh nichts anderes übrig, denn was ein Lied bei jemandem anderen bewirkt und/oder auslöst, liegt nicht mehr in meinem Bereich. Ja, und ausdrücken will ich das, was mich bewegt. Klingt banal, aber was sonst?

JJ: Machst du gerne Musik im Team (Band), beflügeln dich bestens aufgelegte Kolleginnen/Kollegen?

Bernhardt: Auf jeden Fall ist das Zusammenspiel in einer Band, oder in einem Trio, wie ich es seit vielen Jahren erlebe, inspirierend und beflügelnd für mich, und zwar durch die Verbindung, die entstehen kann, wenn man sich gemeinsam auf eine Sache einlässt, in diesem Fall zum Beispiel der Interpretation eines Songs. Das kann sich anfühlen wie Rückenwind beim Radfahren.

Bernhardt, Foto© Felix Kubitza www.lichtmalerei.photo

Bernhardt, Foto© Felix Kubitza www.lichtmalerei.photo

JJ: Wie sieht das mit dem Schauspiel aus, was fasziniert dich daran?

Bernhardt: Na, da hab ich ja gleich die Kurve gekriegt! Das mit dem gegenseitigen Beflügeln gilt natürlich genauso für´s Schauspielen. Abgesehen davon bin ich auf der Bühne im „Leo“, das heißt – wie beim Spielen in der Kindheit – an einem Ort, an dem mir nichts und niemand etwas anhaben kann.

Ich lebe und erlebe Dinge, die ich mich im Alltag nicht trauen, die ich mir nie und nimmer zutrauen, oder für die ich sofort hinter schwedische Gardinen kommen würde. Und dann natürlich der Kontakt zum Publikum, das mit seiner Präsenz ebenfalls jeder Vorstellung seinen eigenen Stempel aufprägt.

JJ: Gibt es irgendwelche Rollen, die du aus irgendeinem Grund besonders gerne gespielt hast (welche, warum)?

Bernhardt: Ja, die gibt es:
Den Polizisten in LILIOM, eine meiner ersten Rollen. Kaum Text, aber ein vollkommen schräger Typ, irgendwo zwischen unbeholfen und gewaltbereit. Hat Spaß gemacht, den zu spielen und dem Stück ein paar „Farbtupfer“ zu verpassen.

Und dann natürlich den Christoph Columbus in BROADWAY MELODIE 1492. Da bekam ich zum ersten Mal einen Eindruck, was es bedeutet, den großen Bogen zu spannen. Einerseits bei der Entwicklung meiner Rolle – vom visionären Lobbyisten bei Hofe in eigener Sache, bis zum erfolgreich gescheiterten Entdecker mit Weltruhm -, andererseits beim Unterstützen der Dynamik des Stückes, vom ersten Wort bis zum letzten Vorhang.

JJ: Und gibt es Rollen von denen du träumst, Theater an denen du gerne auftreten, Kollegen, mit denen du spielen möchtest?

Bernhardt: Na aber sicher! Den Lear zum Beispiel. Eine unglaublich archaische und zugleich fragile Figur, die schwer zu fassen und doch so berührend ist. Aber manchmal ist es ja auch spannend – oder es kann sogar ziemlich großartig sein -, in Würde zu scheitern. Auch für das Publikum.

Darüber, mit welchen Kolleginnen und Kollegen ich noch zusammen auf der Bühne oder vor der Kamera stehen möchte, habe ich mir bis jetzt noch keine Gedanken gemacht. Also, über konkrete Personen meine ich. Das Feinste vom Feinen bei jeder Art von Zusammenarbeit ist allerdings, zumindest meiner Meinung nach, wenn SchauspielerInnen offen und neugierig an eine Szene herangehen, auf Impulse des Gegenüber reagieren, eigene Impulse setzen und so aus dem Moment heraus etwas Lebendiges, Frisches schaffen.

Bernhardt Jammernegg, Foto © Simone King

Bernhardt Jammernegg, Foto © Simone King

Das ist schlicht und einfach bereichernd. Und da fällt mir doch gleich spontan eine junge Kollegin ein, die ich vor kurzem kennenlernen durfte und mit der ich das auch genau so erlebt habe: Elisabeth Kanettis.

JJ: Wenn du auf der Bühne stehst und deine Szene ist aufgerufen, du bist in der Figur, was geht in dir vor, was fühlst, was spürst du, wie viel Bernhardt bist du noch?

Bernhardt: Für diesen magischen Moment, wenn ich hinter der Bühne stehe und das Stück in jedem Augenblick beginnt, habe ich ein symbolisches Bild, das mich, seitdem ich mit der Schauspielerei begonnen habe, begleitet: ein Zug fährt los, er nimmt Fahrt auf und nichts kann ihn stoppen, bis er an seinem Zielort angekommen ist. Vielleicht gibt es unerwartete Ereignisse, oder gar Hindernisse, aber nichts kann ihn stoppen, denn alle in diesem Zug haben die eine gemeinsame Intention, eine abenteuerliche Reise bis zu ihrem Endpunkt, bis zur bitteren, oder süßen, oder erfrischenden Neige zu erleben.

Bei deiner Frage „Wie viel Bernhardt bist du noch?“ muss ich innerlich von einem Ohr bis zum anderen grinsen. Mir kommen da Bilder von „ferngesteuerten“ Zombies, oder Menschen mit multipler Persönlichkeitsspaltung. Aber da müsste deine Frage ja lauten: „Wie viele bist du?“

Aber, um jetzt endlich mit der nötigen Ernsthaftigkeit an dieses Thema heranzugehen, da ich jede Rolle, jede Figur nur mit mir selbst anfüttern kann, bin ich natürlich immer zu einem gewissen Teil Bernhardt. Wieviel ist mir beim Spielen eigentlich ziemlich Powidl, und wahrscheinlich kann ich gerade deshalb diese Frage am allerwenigsten beantworten, da mein bewusster Fokus zu diesem Zeitpunkt ja bei meiner Rolle liegt.

JJ: Wie und ab wann findest du in eine Rolle und wie schnell oder langsam wieder raus?

Bernhardt: Na ja, das kann schon recht unterschiedlich sein. Im Großen und Ganzen finde ich in Rollen, oder in jene Teile von Rollen, die relativ nah an meiner Wesensart dran sind, ziemlich leicht hinein. Das flutscht in der Regel wie geschmiert. Detto, wenn es um eine Figur oder um Eigenschaften geht, die ich selbst in meinem Alltag eher wenig verkörpere, kann das auch ein Prozess des langwierigen Suchens, ein Ausprobieren und Verwerfen, ein immer wieder Sich-selbst-Überwinden sein. Muss es aber nicht.

Bernhardt Jammernegg, Foto © Iveta Kocifajová

Bernhardt Jammernegg, Foto © Iveta Kocifajová

Das Aussteigen stellt normalerweise kein Problem für mich dar. Es passiert mit dem Verlassen der Bühne, begleitend zum Ablegen des Kostüms, beim Abschminken, etc. Der Hormonspiegel kann allerdings trotzdem noch eine ganz schöne Weile nach einer Vorstellung ziemlich erhöht sein…

JJ: Und was geht in dir vor, während du deine eigenen Lieder singst, Bernhardt?

Bernhardt: Das wird von vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, wie zum Beispiel meiner momentanen Befindlichkeit, welches Lied ich gerade spiele, an welchem Ort ich auftrete, welches Publikum anwesend ist, welche sonstigen Umstände auf meine Performance einwirken, wenn ich mit MusikerInnen zusammenspiele, dann natürlich auch deren Gemütszustand und persönliche Art und Weise, sich einzubringen, usw.

JJ: Wie entsteht so ein Song, gerne an einem Beispiel erzählt?

Bernhardt: Alles ist möglich, …
will heißen, ein Song kann als momentane Eingabe auftauchen, die ich relativ zügig und oft in einem Guss niederschreibe, oder aber auch als vage Idee, die dann womöglich in aufwendiger Kleinarbeit meiner Inspiration zizerlweis abgeluchst werden will.

JJ: Spielst uns singst du aus dir raus, für dich, weil es deine Leidenschaft ist – oder fürs Publikum, für andere? Wie wichtig ist dir Aufmerksamkeit, wie wichtig ist das Publikum, was macht es mit dir?

Berhardt, fografiert von © schiffleitner

Berhardt, fografiert von © schiffleitner

Bernhardt: Singen ist definitiv eine meiner großen Leidenschaften. Es bringt mich in einen Zustand, der für mich sonst nur mit Hilfe von verbotenen Substanzen und somit unter Inkaufnahme etlicher unangenehmer Nebenwirkungen zu erreichen wäre, wobei, da bin ich mir während des Formulierens schon wieder unsicher, denn ein herausragendes Merkmal dieses hervorragenden Zustandes ist seine Lebendigkeit. Ich fühle mich beim Singen mir selbst, dem Leben und den anwesenden Menschen näher, als es mir sonst möglich ist. Es könnte also durchaus sein, dass das Singen für mich so etwas wie ein Brennglas für meine Seele ist.

JJ: Danke und viel Spaß weiterhin.

Weitere Informationen: https://soundcloud.com/jammernegg oder: https://www.castforward.de/members/profile/bernhardt-jammernegg

Foto Startseite: © Simone King

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