Die Beherrschung des eigenen Körpers

 

Wenn menschliche Körper durch die Lüfte wirbeln und scheinbar sämtliche physikalische Gesetze außer Kraft setzen, wenn sie in schwindelnden Höhen umher turnen als sei es normal wie Brötchen holen und dabei noch entspannt lächeln, dann schauen wir Artisten bei der Arbeit zu. Oder Artistinnen. Sophia Drgala beispielsweise.

Uns erzählt sie, was hinter dem steckt, was wir sehen.

 

„Die Leichtigkeit der Tricks erreicht man nur, indem man immer wieder übt“

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JJ: Sophia, gehen wir doch gleich mal in medias res. Worin besteht für dich persönlich die Faszination Artistik?

Sophia Drgala

Sophia Drgala

Sophia Drgala: Meine Faszination an der Artistik ist, dass ich mit einer tollen Darbietung das Publikum begeistern kann und dass ich als Artistin die Möglichkeit habe, weltweit arbeiten zu können und dadurch andere Länder sehe, viele tolle Artisten und unterschiedliche Menschen kennen lernen kann und dass ich dabei vielleicht auch, neben Englisch, verschiedene Sprachen erlerne. Außerdem habe ich sehr großen Spaß daran.

JJ: Hast du schon im Kinderwagen Salti geschlagen, im Laufgitter geturnt und mit dem Spielzeug jongliert?

Sophia: Meine große Schwester Josepha, sie ist vier Jahre älter als ich, trainierte drei bis vier Mal wöchentlich Kunstturnen in einem Sportverein, der TSG Steglitz. Da unsere Mutter sie immer zum Training begleitete, war auch ich ab meinem fünften Lebenstag mehrmals in der Woche in der Turnhalle. So wurde dieser Ort mein Spielplatz und ich habe im Alter von zwei Jahren nicht am Mutter-Kind-Turnen teilgenommen, sondern mit meiner Schwester und den anderen Kindern, die alle im Alter von fünf bis 16 Jahren waren, gemeinsam trainiert und versucht, ihnen alles nachzumachen.

Sei es auf dem Schwebebalken, am Reck oder auf dem Boden, ich probierte alles aus, nur der Sprungtisch war für mich zu hoch. Mit vier Jahren habe ich dann mit den anderen sieben,- acht- und neunjährigen Kindern meinen ersten Wettkampf bestritten. Ab meinem fünften Lebensjahr trainierte ich beim SC Berlin und wurde mit meinem achten Lebensjahr in die Sportschule Berlin aufgenommen und bestritt erfolgreich bundesweite Wettkämpfe.

Als einige Jahre später, an der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik Berlin für die Ausbildung zum Artisten eine Versuchsklasse ab der fünften Klasse eingeführt wurde, wechselte ich an diese Schule. Sie war mir bereits bekannt, da sich meine große Schwester zu dieser Zeit dort in der Ballettausbildung befand.

Sophia Drgala

Sophia war beizeiten in ihrem Element

Mit dem Turnen blieb ich aber noch lange Zeit verbunden und trainierte nun wieder neben der Artistenausbildung in der TSG Steglitz und startete in der Regionalliga. Auch heute trainiere ich zusätzlich noch am Abend in der Schöneberger Sporthalle und stelle mich gerne noch auf den Balken oder übe am Reck oder am Stufenbarren.

JJ: Wann war dir klar, dass Artistin ein Beruf ist und du diesen einmal ausüben möchtest – und keinen anderen? (Gab es Plan B?)

Sophia: Dass Artist oder Artistin ein Beruf ist, wusste ich schon als ich vom Leistungssport auf die Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik gewechselt habe, da ich diese Schule und ihre Ausbildungsmöglichkeiten durch meine große Schwester bereits kannte, da sie auf dieser Schule mit der fünften Klasse eine Ballettausbildung begonnen hatte. Zu meiner Aufnahme in die fünfte Klasse war mir allerdings noch nicht klar, dass ich wirklich Artistin werden möchte.

Nach ca. anderthalb Ausbildungsjahren war der Wunsch dann entstanden, als ich gemerkt habe, wie toll es sich anfühlt, auf der Bühne zu stehen und die Zuschauer zu begeistern. Durch unsere Schule bekommen wir viele Auftrittsmöglichkeiten und mein erster Auftritt war gemeinsam mit einem Klassenkameraden, als wir die sechste Klasse besuchten. Wir mussten uns zuvor in der Schule, wie bei einem Wettkampf, mit anderen messen und uns für den Auftritt qualifizieren. Dieser erste Auftritt führte Karl und mich gleich für drei Tage nach Istanbul. Wir eröffneten damals mit unserer Darbietung eine große Veranstaltung der Allianz Versicherung AG.

Diese Reise war eine ganz tolle Erfahrung, die mich sehr beeindruckt hat und mir damals schon zeigte, wie vielfältig die Auftrittsmöglichkeiten eines Artisten sind. Ein Plan B wäre, eine Ausbildung zu absolvieren oder ein Studium anzustreben. Daher finde ich es sehr wichtig, neben der Ausbildung zur Artistin auch zu versuchen, die Schule so gut wie möglich abzuschließen und ein Abitur zu erlangen.

JJ: Als ich vor Jahren mal an der Staatlichen Ballettschule in Berlin als Gast war, sah ich alle Schülerinnen und Schüler „en-dehors“, also nach außen, laufen. Gibt es bei euch Artistenschülern auch so eine Gemeinsamkeit, ein Erkennungsmerkmal? 😉

Sophia: Bei uns Artisten gibt es kein wirkliches Erkennungsmerkmal wie bei der Ballettis, die
„auswärts“ laufen.

JJ: Erzähle mal ein bisschen vom Schulalltag beziehungsweise der Stimmung an der Artistenschule, eine Mischung aus Konzentration und Leichtigkeit?

Sophia: Mein Schultag ist so aufgebaut, dass der Theorieunterricht und der Praxisunterricht am Tag im Wechsel stattfinden. Der Schultag endet dann gegen 18 Uhr und später. Damit der Schulstoff ausreichend vermittelt werden kann, haben wir alle, das Ballett und die Artistik, auch am Samstag bis 14:30 Uhr Unterricht.

Im Theorieunterricht gilt hohe Konzentration, damit man ein ordentliches Schulergebnis erreicht. Anschließend, beim Praxisunterricht, kommt es auch auf Konzentration an, es ist eine andere Konzentration, eher die Konzentration der Beherrschung des eigenen Körpers. Diese Körperbeherrschung ist besonders wichtig, egal wie oft man ein und denselben Trick übt, damit man sich im Training nicht verletzt und im schlimmsten Fall eine längere Pause einlegen muss und dadurch viel Trainingszeit verliert.

Sophia Drgala

Sophia Drgala

Die Leichtigkeit der Tricks erreicht man nur, indem man sie immer wieder übt. Auch wenn sie schon perfekt sind, muss man diese ständigen Wiederholungen und Übungen beibehalten, damit die Darbietung auch genau diese Wirkung von Kraft und Leichtigkeit beibehält.

JJ: Worauf hast du dich spezialisiert, Sophia – Akrobatik, Jonglage, Trapez, Drahtseil, Äquilibristik? Wann hat sich das für dich abgezeichnet, welches Talent dafür bringst du dazu  mit, was fasziniert dich im Besonderen?

Sophia: In der neunten Klasse begann die Spezialisierung. Das heißt, alle Schüler probieren sich ein halbes Jahr lang an einem Requisit aus, damit sie sich dann für ihr Hauptrequisit entscheiden können. Ich wählte im ersten halben Jahr die Strapaten und im zweiten Halbjahr trainierte ich am Chinesischen Mast und merkte, was für eine Leidenschaft ich für dieses Requisit entwickelte. Ich beschloss, den Chinesischen Mast zu meinem Hauptrequisit zu machen, um dann damit zu absolvieren.

Doch die Chinesischen Masten, die wir in der Schule haben, sind mit Abspannungen. Also vier Drahtseile reichen von der Spitze des Mastes, der sich in ca. fünf bis sechs Meter Höhe befindet, bis auf den Boden, wo sie verankert werden. Da mich die Abspannungen oft störten und die abgespannten Masten nicht so flexibel einsetzbar sind, habe ich durch vieles Überlegen und Beratungen mit meinen Eltern selber einen freistehenden chinesischen Mast entworfen, den wir dann bei einem Spezialisten in Auftrag gegeben haben.

Für den Chinesischen Mast braucht man Kraft, Dehnung und Körperspannung – und man muss einige Schmerzen aushalten können. Außerdem braucht man Mut, denn mein Mast hat eine Höhe von über vier Metern und biegt sich nach rechts und links, da er eben nicht abgespannt ist. An diese zusätzliche Bewegung des Mastes musste ich mich erst gewöhnen, denn es ist eine beträchtliche Höhe, in denen ich meine Tricks zeige, bis hin zum Handstand auf der Spitze des Mastes, den ich auch einarmig trainiere.

Zusätzlich möchte ich noch mit einem zweiten Requisit absolvieren. Dafür habe mir die Handstandäquilibristik ausgesucht und benötige hierfür auch ein eigenes Requisit und habe schon einige Ideen dafür.

JJ: Macht dir ein Auftritt vor Publikum anders oder mehr Spaß als das Zelebrieren der gleichen Übung im Training?

Sophia: Auftritte vor einem Publikum sind immer etwas Tolles und machen mir großen Spaß und es ist sehr aufregend. Es ist ganz anders als das stundenlange Üben einzelner Tricks im Training. Doch den Spaß, den ich bei einem Auftritt verspüre, kann ich nur durch das pausenlose Üben einzelner Tricks erreichen.

Sophia Drgala

Handstandäquilibristik

Durch das Applaudieren des Publikums merke ich, dass ihnen gefallen hat, was ich mir in den vielen Trainingsstunden erarbeitet habe. Dann hat sich die ganze Arbeit gelohnt. Es ist ja nicht nur das Training und das Üben der Tricks, sondern es ist auch das Suchen nach einer Musik, neuen Tricks und einem passenden Kostüm.

Dann das Ausprobieren und Üben der Tricks, die dann mit meinem Trainer zu einer Darbietung zusammengestellt werden. Wenn ich schließlich mein Endresultat auf der Bühne zeige und bekomme vom Publikum zu spüren, dass es ihm gefällt, weiß ich, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat.

JJ: Sophia, irgendwann – in 20 Jahren vielleicht – wird dein Körper sagen „Schluss jetzt damit!“. Bist du, beispielsweise durch die Ausbildung an der Artistenschule, darauf vorbereitet, lernt Ihr einen anderen Beruf?

Sophia: Bühnentänzer oder Artist ist der Beruf, den wir in unserer Schule erlernen. Zusätzlich haben wir die Möglichkeit, bis hin zum Abitur einen Schulabschluss zu erlangen. Wenn dann die Zeit gekommen ist, wo jeder von uns seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, und darüber ist sich jeder bewusst, muss man etwas anderes machen.

Eine Vorbereitung durch die Schule auf diese spätere Zeit, in etwa zehn bis 20 Jahren ist natürlich nicht möglich. Wir verlassen alle unsere Schule mit einem Berufs- und mittleren Schulabschluss, eventuell einem Abitur und Bachelor in der Tasche, wogegen alle anderen ihre Schule lediglich mit einem Mittleren Schulabschluss oder Abitur verlassen und danach erst eine Ausbildung, ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein Studium oder einen Job beginnen.

JJ: Und wie denkst oder fühlst du diesbezüglich – heute ist heute und nicht morgen – oder eher varausschauend?

Sophia: Ich glaube, jeder hat Ziele, Vorstellungen und Erwartungen von seinem Leben. Es ist bei mir bestimmt nicht anders als bei anderen jungen Menschen mit anderen Berufen. Aber auch bei aller Vorausschau weiß keiner, was ihn wirklich erwartet. Ich kann heute noch nicht sagen, wo ich nach meiner Ausbildung eine Arbeit finden werde. Ich habe diesbezüglich zwar genaue Vorstellungen und Wünsche, aber eine Sicherheit habe ich nicht.

Auch ich muss mich erst auf dem Arbeitsmarkt bewerben. Hier unterscheiden sich die Berufe des Tänzers und des Artisten in keiner Weise von anderen Berufen. Es geht hier ebenso um Leistung, wie überall.

JJ: Während der gesamten Ausbildungszeit habt Ihr Gelegenheit zu öffentlichen Auftritten und sammelt so Bühnenerfahrungen. Wo und wie hast du mitgemischt, Sophia, wie war es für dich?

Sophia: Wie ich schon erzählte, führte mich mein erster Auftritt 2011 für drei Tage nach Istanbul. Neben unseren Schulaufführungen, dem „Tag der offenen Tür“ oder zur Projektwoche, konnte ich mich bei folgenden Anlässen präsentieren:

2013 Teilnahme „Shooting Stars – Promis an ihren Grenzen“
2015 Auftritt bei der Schornsteinfegerinnung
2016 Auftritt im Tipi
2016 Auftritt Max-Schmeling-Halle
2016 im Chamäleon „We“ Show
2016 Frankreich (Le Mans) – 2016 (Fête de la Musique) mit der Klasse „WE“ Show
2016 Frankreich (Auch) – 2016 Contemporary Festival gemeinsame Show mit französischen Artisten
2017 Sisyphos Auftritt mit „Kabaret Kalashnikov“
2017 „Campus Festival“ Potsdam

JJ: Ich habe gelesen, dass du eher zum Varieté als zum Zirkus tendierst, was reizt dich an Varieté, wo machst du für dich den Unterschied fest?

Sophia: Ich glaube, dass ich das doch noch nicht so ganz sicher sagen kann. Ich muss erst in verschiedenen Bereichen arbeiten, mich ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Erst dann kann ich sagen, wohin ich eher tendiere und wo ich gerne arbeiten möchte, denn außer Varieté und Zirkus bestehen für einen Artisten noch viele andere Möglichkeiten.

Sophia Drgala

Sophia in Aktion

JJ: Und: Was für Möglichkeiten, Perspektiven, Träume, eventuell konkrete Pläne, hast du für die Zukunft?

Sophia: Artistik, Personaltrainerin (Pole Dance), Physiotherapeutin.

JJ: Gibt es Artistinnen oder Artisten, die du gerne in Aktion siehst, schätzt, verehrst?

Sophia: Es gibt auf jeden Fall viele Artisten, die mich immer wieder inspirieren und faszinieren und denen ich zum Beispiel im Internet folge.

JJ: Danke, viel Spaß, viel Erfolg und Hals- und Beinbruch 😉

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Fotos von Sophia zur Verfügung gestellt

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