Annika und das Übertragen der Gefühle

 

Annika Grunert, die von 2013 bis 2015 ein Schauspielstudium an der First Take Schauspielakademie in Köln absolviert hat, steht am Anfang ihrer Karriere. In ihrem Beruf möchte die junge Frau aus Nordrhein-Westfalen unter anderem „Emotionen zeigen, die sich viele Menschen im Alltag nicht trauen zu zeigen“.

Annika Grunert; Hoa Huynh Fotografie

Annika Grunert; Hoa Huynh Fotografie

Außerdem findet sie es „faszinierend, andere Menschen berühren und zum Nachdenken anregen zu können“. Annika ist sich sicher, dass „Schauspiel viel bewirken kann, wenn man sich drauf einlässt“.

Über all das und viel mehr steht sie Rede und Antwort. Hier und jetzt:

 

„Gefühle sind echt“

 

JJ: Annika, gehen wir gleich mal den Dingen auf den Grund. Du sagst, auf der Schauspielschule hast du gelernt, besser mit den Gefühlen umzugehen und offener zu werden. Erzähle mal bitte darüber, eventuell mit Beispiel.

Annika Grunert: Ja, das stimmt. Auf der Schauspielschule wird man direkt mit seinen Gefühlen auf verschiedenste Art und Weise konfrontiert. Als Beispiel kann ich eine Hausaufgabe nennen, wofür wir ein paar Wochen Zeit hatten, sie zu erarbeiten.

Es ging darum, dass man sechs bis sieben Emotionen darstellen sollte. Jedoch mit Erlebnissen aus seiner Vergangenheit. Diese konnte man in unterschiedlicher Art und Weise zeigen. Zum Beispiel las man es als Geschichte vor, oder man spielte es tatsächlich nach.

Die anderen aus der Klasse mussten die Geschichte selbst nicht unbedingt verstehen, aber es ging darum, was es mit einem machte. Die Emotionen dahinter waren das Spannende. So konnte es passieren, dass man anfing zu lachen oder sogar zu weinen, ohne das die anderen überhaupt verstanden warum. Sich so zu öffnen hat mich zum Positiven verändert.

JJ: Das klingt zunächst wie eine Erfahrung für’s Leben. Warum denkst du, dass der Umgang mit Gefühlen, mit Offenheit, im Schauspielberuf besonders wichtig ist?

Annika Grunert: Ich finde, genau das macht den Beruf doch eigentlich aus. Deshalb werden Filme und Serien überhaupt geschaut. In jedem Genre wird mit Emotionen gespielt. Nur so werden die Zuschauer erst mitgerissen.

Egal ob es Horror ist, wo die Angst und die Spannung ins Spiel kommen, oder bei einer Komödie das Lachen und die damit verbundene Freude, oder natürlich das Thema Liebe, die so gut wie in jedem Film, jeder Serie, Soap et cetera vorkommt. Dafür muss man als Schauspieler offen sein.

Annika Grunert; Niklas Berg Fotografie

Annika Grunert; Niklas Berg Fotografie

Der Schauspieler überträgt in diesen Momenten die Gefühle auf den Zuschauer. Gefühle sind echt, man kann sie meiner Meinung nach nicht einfach spielen und in dem Sinne vortäuschen. Das merkt man direkt. Nicht umsonst bereiten sich viele Hollywood Schauspieler schon Monate vorher auf ihre Rolle vor. Das macht für mich einen richtigen Schauspieler aus: Wenn er fähig ist, den Zuschauer zu berühren.

 

„Genau so lief es bei mir nicht ab“

 

JJ: Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du als Kind schon diverse Bühnen (zuhause, Kindergarten, Krippenspiel, Theater-AG) gefüllt hast, Annika, wann und wie entstand dann der Gedanke: ‚Schauspielerin, nichts anderes!‘?

Annika Grunert: Tatsächlich lief es bei mir nicht so ab – wie bei wahrscheinlich so vielen anderen Schauspielern. Mit Theater hatte ich bis jetzt noch nichts zu tun. Auch meine Schauspielausbildung beruht rein auf Film und Fernsehen.

Dazu kommt, dass ich früher auch sehr schüchtern war und mich sowas niemals getraut hätte. Eine normale Präsentation vor der Klasse hat mich schon total aus dem Konzept gebracht.

Jedoch habe ich Filme schon immer geliebt und mit den Jahren hat sich diese Vorstellung, einmal selbst in so einem Film zu sehen zu sein, immer mehr gefestigt. Es gab ein Jahr, da bin ich so gut wie jedes Wochenende mit einer Freundin im Kino gewesen.

Manchmal sind wir sogar aus einem Film raus und direkt in den nächsten rein. Insgeheim war es die ganze Zeit ein Traum.

Annika Grunert. Niklas Berg Fotografie

Annika Grunert. Niklas Berg Fotografie

Es hat jedoch lange gedauert, bis ich mich gewagt habe, diesen Schritt, Schauspielerin zu werden, zu gehen. Vor meiner Schauspielausbildung habe ich eine Ausbildung zur Informatikkauffrau gemacht. Also das ganz normale Büroleben halt, welches mir jedoch so gar nicht zugesagt hat. Als ich dann im letzten Ausbildungsjahr war, habe ich mich getraut, mich an zwei Schauspielschulen zu bewerben, wo ich dann auch bei den Aufnahmecastings war.

Von einer bekam ich dann die Nachricht, dass ich angenommen wurde. Da war klar, ich beende zwar meine jetzige Ausbildung, werde aber direkt danach eine Ausbildung zur Schauspielerin beginnen. Ich war 23 Jahre alt, als ich diesen großen Schritt gewagt habe, und es war die beste Entscheidung, die ich für mich treffen konnte.

JJ: Von einer Schauspielerin weiß ich, dass sie sich mit dem Diplom in der Tasche noch lange nicht als Schauspielerin gefühlt hatte; von einer anderen, dass sie unbedingt einen Abschluss wollte, um sich so zu fühlen. In welcher Phase bist du – am Anfang einer möglichen Karriere – wie und als was fühlst du dich?

Annika Grunert: Da ich noch ganz am Anfang stehe, würde ich sagen, dass ich mich auch noch nicht als vollständige Schauspielerin sehe. Ich denke, das bringt erst die Zeit mit sich.

Ein Abschluss sagt da meiner Meinung nach nicht viel drüber aus, ob man nun Schauspieler ist oder nicht. Ich glaube, das zeigt sich mit der Berufserfahrung, denn nur dadurch wird man in allem sicherer und kann sich irgendwann selbst sagen: Ja, ich fühle mich jetzt als Schauspieler.

JJ: Annika, ich finde die Schauspielkünste von Jack Nicholson genial; als ich mal einen Film mit Michelle Pfeiffer sah, der eher langweilig war, saß ich dennoch wie gebannt davor, weil mich diese Schauspielerin umhaute. Ich könnte noch viele Beispiele aufzählen, auch deutsche Namen wie den von Axel Milberg nennen oder solche, die du als junger Mensch vielleicht nicht kennst, wie Hans Moser. Weißt du, was ich meine, sitzt auch du manchmal da vorm Bildschirm oder vor der Kinoleinwand und kannst dich nicht rühren – oder kämpfst mit Lachkrämpfen oder Tränen?

Annika Grunert: Natürlich. Genau deshalb liebe ich es ja Filme zu schauen. Ich bekomme einen Einblick in eine andere Welt und fiebere oder leide einfach nur mit der Figur mit. Wenn ich alleine einen Film oder eine Serie schaue, kann es auch passieren, dass Tränen vergossen werden.

 

„Das gehört dazu, wenn man wirklich etwas will“

 

JJ: Wenn ich Texte schreibe und dann lese, habe ich immer das Gefühl, das kann ich besser. Also ich, nicht andere (die vielleicht auch, aber das ist ja egal). Manche Passagen finde ich genial und bei manchen habe ich selbst keine Ahnung, was das soll. Wie ist das bei dir, wenn du eine Szene gespielt hast?

Annika Grunert: Ich bin die erste, die mich selbst kritisiert. Ich denke mir sehr oft, das kann ich besser. Aber ich denke, das gehört dazu, wenn man etwas wirklich will.

Annika Grunert, Niklas Berg Fotografie

Annika Grunert, Niklas Berg Fotografie

Natürlich will ich es richtig machen. Aber das ist auch das Schöne am Schauspiel, es ist einfach Geschmackssache. Es wird immer jemanden geben, dem ich es nicht recht machen kann. Das muss ich für mich noch lernen.

Hier gibt es kein Richtig oder Falsch, wie man seine Rolle erarbeitet. Am Ende ist es wichtig, wie das Ergebnis aussieht.

JJ: Was fühlst du, wenn du vor der Kamera stehst und der Regisseur „Bitte“ sagt?

Annika Grunert: In dem Moment fällt die Nervosität weg. Ich fange einfach an und konzentriere mich auf meinen Spielpartner. Wenn ich in der Rolle richtig drin bin, nehme ich die Außenwelt auch gar nicht mehr wahr.

JJ: Ab wann stimmst du dich ein und ab wann bist du raus aus einer Szene?

Annika Grunert: Das hängt immer von der Rolle ab. Wenn es ein extremer Charakter ist, beispielsweise wenn die Rolle irgendeinen bestimmten Tick (z.B. Ordnungszwang) hat, muss das so früh wie möglich erarbeitet werden.

Richtige Rollenerarbeitung braucht Zeit. Die eigentliche Arbeit ist somit bevor der Dreh beginnt und nicht während des Drehs. Am Set selbst rufe ich nur noch das Erarbeitete wieder ab.

Wenn ich dann beim Dreh bin, werde ich kurz vorher etwas ruhiger und konzentriere mich auf die Rolle. Wenn alles vorbei ist, braucht es ein paar Minuten, bis ich aus der Szene wieder raus bin. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich in der Nacht danach davon geträumt habe. Je nachdem, wie intensiv die Rolle war und wie viel Arbeit da drin steckte, dauert es auch, es zu verarbeiten. Hierfür haben wir aber Techniken in der Schauspielschule gelernt.

JJ: Hattest du schon mal das Gefühl, eine Schauspielpartnerin/ein Schauspielpartner reißt dich mit, egal ob hoch oder runter?

Annika Grunert: Dieses Gefühl hatte ich auf der Schauspielschule immer wieder mal. Es kann sehr helfen, wenn der Schauspielpartner in der richtigen Emotion ist und einen mitzieht. Erst wenn beide an einem Strang ziehen, kann das Endergebnis gut werden.

JJ: Denkst du auch über Moderation nach?

Annika Grunert: Ich hatte tatsächlich Moderation als Fach in meiner Schauspielschule. Grundsätzlich konzentriere ich mich eher auf das Schauspiel.

Annika Grunert, Niklas Berg Fotografie

Annika Grunert, Niklas Berg Fotografie

Jedoch denke ich, wenn es beim Thema Moderation etwas wäre, was mich auch anspricht, dann würde ich das gerne machen. Wie beispielsweise eine Show moderieren, die etwas mit Tieren zu tun hat. Dabei denke ich direkt an „Tiere suchen ein Zuhause“.

Diese Sendung habe ich mir schon als Kind immer gerne angeschaut. Ich liebe Tiere, deshalb würde mir sowas besonders viel Spaß machen.

JJ: Hast du einen Schauspielerinnentraum, Annika?

Annika Grunert: Wie viele andere Schauspieler träume ich von der großen Leinwand. Allein schon, weil ich selbst Kino so liebe, möchte ich da auch eines Tages zu sehen sein. Außerdem träume ich davon, mal in einem großen Werbespot mitwirken zu dürfen.

JJ: Danke Annika und viel Spaß.

Weitere Informationen: Annikas facebook Seite

Foto Startseite: Hoa Huynh Fotografie

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