Die relativ plötzliche Idee

 

Ilse Campbell, 1957 in Trier geboren, zog es nach absolviertem Abitur zunächst nach Israel, in ein Kibbuz am See Genezareth. Acht Jahre später kehrte sie mit ihrer Tochter nach Deutschland zurück. Nun, deutlich danach, schrieb sie einen Roman über die bewegte und sehr emotionale Zeit. Ohne potenziellen Leserinnen und Lesern die Spannung zu nehmen, erzählt die Autorin über ihr Buch und das Drumherum.

„Das mit dem Schreiben ist schon merkwürdig“

 

JJ: Ilse, wenn ich das Wort „Kibbuz“ höre oder lese, denke ich sofort an amerikanische Fernsehserien, in denen irgendjemand von seinen Erlebnissen darin erzählt und dabei schelmisch drein schaut. Auch die Drumherum nicken beifällig mit einem geheimnisvollen Grinsen im Gesicht. Was ist ein Kibbuz, was geht da ab?

Ilse Campbell: Also, die fade theoretische Antwort ist,  der Kibbuz ist die hebräische Bezeichnung für eine kollektive Siedlung. Ein Kibbuz ist ein ländliches Gemeinwesen; ein sozialwirtschaftliches System, in dem Menschen Arbeit und Besitz teilen. Das hört sich langweilig an und genau deshalb wollte ich Menschen erklären, wie es sich in einer solchen Gemeinschaft lebt, als junger Mensch, aber auch mit Kindern.

Ich habe das Buch auch mit einer gewissen Wehmut geschrieben, denn die ursprüngliche Form dieses Kibbuz gibt es heute kaum noch. Der Mensch möchte halt auf Dauer nicht gleich sein, er will mehr Eigentum, mehr Privatsphäre, deshalb sind die heutigen Kibbuzime mit der ursprünglichen Idee nicht mehr zu vergleichen. Was da ab ging, besonders wie die jungen Menschen aus aller Welt dort ihren Alltag und ihre Freizeit verbracht haben, das erzähl ich dir hier nicht, denn das ist ja das spannende am Buch.

JJ: Kam der Gedanke, diesen Roman zu schreiben, peu à peu, reifte also langsam? Oder sagte irgendjemand: Schreib es doch mal auf!? Oder wie sonst?

Ilse Campbell: Die Idee, diesen Roman zu schreiben, kam mir eigentlich relativ plötzlich. Es gab zwei Ereignisse, die kurz hintereinander folgten. Mein ehemaliger israelischer Mann starb überraschend an einem Herzinfarkt und kurz darauf hörte ich von der Schließung unseres ehemaligen Kibbuz wegen finanzieller Schwierigkeiten.

Da kam mir der Gedanke, dass es schön wäre, diese heute fast vergessene Welt der Kibbuzime aufzuzeigen und auch meiner Tochter etwas von ihren israelischen Wurzeln zu erhalten. Das Schreiben war somit Mittel zum Zweck. Das Buch sollte weder Sachbuch noch Biografie werden, deshalb musste ich mir eine Geschichte dazu ausdenken und so ist der Roman mehr oder weniger ungeplant entstanden.

Buchcover: Verlag Tredition, Autorin: Ilse Campbell

Buchcover: Verlag Tredition, Autorin: Ilse Campbell

JJ: Ging es dir nach dem Schreiben irgendwie grundsätzlich anders als davor? Und was passierte in dir während des Schreibens, Déjà-vu auf Déjà-vu?

Ilse Campbell: Ja, das mit dem Schreiben ist schon merkwürdig. Zuerst schrieb ich noch sehr viel aus der Erinnerung, aber während des Schreibens entstanden immer mehr Ideen, die Protagonisten entwickeln sich, man erschafft sich eine eigene Welt. Wo sonst habe ich so viel Einfluss auf ein Geschehen?

Das hat mich fasziniert und seitdem schreibe ich regelmäßig und je mehr ich schreibe, desto mehr Ideen entstehen. Ein Leben ohne Schreiben ist für mich undenkbar geworden.

JJ: Wenn ich Nachrichten sehe, höre oder lese, Ilse, in denen es um Israel und die Region Naher Osten geht, dann keine guten. Raketen fliegen, Bomben fallen, Menschen werden verletzt oder schlimmer. Naiv wie ich bin, denke ich: Hört doch einfach auf damit! Jetzt! Ich möchte dir kein Statement abverlangen, schon gar kein politisches, nur eine Frage: Hast du Hoffnung, dass da irgendwann, vielleicht zu Lebzeiten unserer Enkel, Frieden einkehrt?

Ilse Campbell: Jörg, genau wegen dieser Frage, die mich damals auch wegen des Lebens meiner fünfjährigen Tochter konstant beschäftigt hat, habe ich Israel verlassen. Mit wehem Herzen, denn ich liebe das Land und seine Menschen. Ich bin aber schon damals in den frühen achtziger Jahren zu dem Schluss gekommen, dass ich in meiner Lebenszeit dort keinen Frieden mehr erleben werde.

Leider ist es sogar politisch noch schlimmer geworden. Ich sah damals und sehe heute einfach zu viel Hass auf beiden Seiten. Wenn Hass schon bei den Kindern gesät wird, wie soll die nächste Generation Frieden schließen? Wie in jedem Land, gibt es auch in Israel Menschen, die Gespräch und Diskussion suchen, die nicht mit Waffen sprechen möchten, aber wie fast überall auf der Welt sind sie die Minderheit.

Ich bin ein politisch denkender Mensch, versuche aber beim Schreiben zu zeigen was Politik, Krieg und Hass bei dem Einzelnen und in den Familien bewirken. Ich denke, die Auswirkungen von verfehlter Politik kann man am ehesten erklären, wenn man zeigt, was sie dem normalen Bürger antut.

JJ: Bekommst du Feedback auf den Roman, über welche Kanäle und was bedeutet dir das?

Ilse Campbell: Ich habe einige nette Rezensionen bekommen, aber auch sonst höre ich von Menschen, die mich anschreiben, das sie das Buch nicht aus der Hand legen konnten und dabei auch sehr viel gelernt haben, über eine Welt die sie nicht kannten. Das freut einen riesig, davon lebt ein Autor.

Jeder, der schreibt, behaupte ich jetzt mal, möchte wissen, was sein Buch bei anderen Menschen bewirkt. Ich muss immer schmunzeln, wenn die Leser aufgrund meines Lebenslaufs denken, das Buch wäre eine Autobiographie. Ist es nicht, aber natürlich habe ich in vielen Kapiteln auch meine Erfahrungen eingebracht, aber die Geschichte an sich ist frei erfunden.

JJ: Soweit ich weiß, ist es dein erstes Buch. Hast du vorher schon geschrieben? Auch in irgendeiner Weise veröffentlicht?

Ilse Campbell: Nein, habe ich nicht. Gerne geschrieben habe ich schon immer, also früher Aufsätze, Briefe oder Tagebuch, aber richtig geschrieben, nein.

JJ: Du denkst über ein weiteres Buch nach oder arbeitest schon daran. Über Flüchtlinge? Ein weites Feld …

Ilse Campbell: Ja, ich hatte zwei Ideen. Eine direkt über Flüchtlinge, da ich mich ehrenamtlich engagiere, aber ich denke, es gibt im Moment genug Geschichten in den Medien und von den Flüchtlingen persönlich. Ich habe dann nur eine Kurzgeschichte zu dem Thema im Autoren_Netzwerk veröffentlicht.

Die zweite Idee schreibe ich gerade. Es wird eine Familiengeschichte, die in Deutschland in circa zehn Jahren spielt. Ich verbinde wieder Politik und die Auswirkungen, die solche auf den einzelnen haben. Da ich momentan unsere politische Situation in Deutschland, aber auch in Europa, als sehr bedrohlich empfinde, habe ich mich entschlossen die Gefühle in einen Roman umzuwandeln. Das Schöne ist, dass man als Autor immer ein herrliches Ventil hat.

JJ: Danke.

„Tikwa heißt Hoffnung“ ist bei amazon und dem Treditionsverlag als Taschenbuch und e-book zu erhalten.

http://www.amazon.de/Tikwa-hei%C3%9Ft-Hoffnung-Ilse-Campbell/dp/3732343111

https://tredition.de/autoren/ilse-campbell-15176/tikwa-heisst-hoffnung-hardcover-45181/

Foto Startseite: privat, Ilse Campbell

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*