Der wunderbare Beruf

 

Jörgs Prolog:

Für mich als hauptsächlich einfach nur genießenden und manchmal auch kritischen Fernsehzuschauer ist wichtig, dass ich die Schauspieler nicht als solche wahrnehme. Wenn sie verloren im Raum stehen und Texte aufsagen, bin ich raus. Mich fasziniert und fesselt, hält gleichwohl wach, wenn die Darsteller nicht spielen, sondern sind.

Glücklicherweise gibt es sie, diese Vertreter ihres Faches. Heute möchte ich Astrid Leberti vorstellen, aber mal nicht im gewohnten Frage-Antwort Modus. Vielmehr streue ich in Astrids Erzählungen, Gedanken und Rückblicke Sätze ein, die große Geister wie Christian Morgenstern oder Herr und Frau Unbekannt sprachen.

Astrids Rück- und Rundumblick:

„Ein Anfang ist kein Meisterstück, doch guter Anfang halbes Glück.“ (Anastasius Grün, 1808 – 1876)

Bereits mit sieben, also mit Beginn der Schule, stand ich bei jeder Schulaufführung auf der Bühne, und das in der ersten Reihe, denn ich wollte immer die Hauptrolle spielen, worüber die anderen Kinder wohl sehr froh waren. Neulich traf ich meine ehemalige Direktorin, die sich anscheinend noch sehr genau an „Das Mädchen mit dem Schwefelhölzchen“ erinnern kann, bei der einige Eltern Tränen in den Augen hatten und sie im Anschluss sagte „Dieses Kind wird Schauspielerin“.

Foto Credit: Bernd Brundert

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Bernd Brundert

Leider kann ich mich selber daran nicht mehr erinnern, mir wurde nur alles erzählt. Ich weiß nur, dass ich keine Angst, sondern Freude hatte, vor die Klasse zu treten, um zum Beispiel Lieder zu singen. Freiwillig, auch wenn es nicht verlangt war, in Englisch, obwohl ich diese Sprache nicht konnte.

In der Jugend spielte ich dann in einer Jugendtheatergruppe und ich glaube, das erste Programm waren Szenen von Loriot. Nach dem Abitur ging‘s zur Schauspielschule nach Berlin. In dieser Zeit habe ich bereits begonnen, vor der Kamera zu stehen. Direkt im Anschluss folgte mein erstes Theaterengagement in Dresden. Kurz vor Abschluss meiner Ausbildung hatte ich dort schon vor dem Festengagement einen Stückvertrag. „Eins auf die Fresse“ hieß das Werk, und noch heute weiß ich, wie es sich anfühlte, endlich professionell zu arbeiten. Ich hab sogar die Farben und den Geruch meines Gefühls in der Nase, frisch wie Frühling; klar … und ein Kribbeln wie verliebt sein. Ein Gefühl wie angekommen. Und ich liebte die Stadt Dresden sehr, fühlte mich frei, irgendwas zwischen dem kleinen Ort meiner Herkunft und der Hektik und Anonymität Berlins.

„Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Macht euch nur von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“ (Christian Morgenstern, 1871 – 1914)

Zunächst zog mich alles auf die Bühne. Ich sah mich schon die großen weltbewegenden Klassiker spielen oder verrückte Stücke der Moderne. Aber letztendlich spielte man das, was am `Schwarzen Brett` im Theater hing. Jedoch habe ich, abgesehen von einem Stück, wirklich alles sehr gern gespielt. Entschieden habe ich mich allerdings später für eine Karriere vor der Kamera.

Die Studienzeit von 1999 bis 2002 am „Europäischen Theaterinstitut Schauspielschule Berlin“ war schön, wild und anstrengend in einem. Meistens war ich bis tief in der Nacht in der Schule. Nach dem regulären Unterricht besuchte ich noch Kurse meines damaligen russischen Lieblingslehrers Valeri. Ich wollte alles wissen, lernen, erfahren, aufsaugen. Manchmal schlief ich sogar heimlich in der Schule. Ich hatte einen Schlüssel, weil ich auch noch die Bar geleitet habe.

Am Wochenende habe ich gejobbt, für eine kurze Zeit hatte ich sogar fünf!!! Nebenjobs, um mir die Ausbildung zu finanzieren. Es war ja eine Privatschule, heute sehr renommiert. Nach dem ersten Jahr Ausbildung wurde ich in der staatlichen Schule in Leipzig angenommen, aber ich traf eine Bauchentscheidung und beendete meine Ausbildung an der Privatschule, obwohl alle meinten, dass ich es dann später schwerer haben werde. Das wurde es aber nicht. Ab einer gewissen Berufszeit fragt kein Mensch mehr, wo du studiert hast.

„Mein Spielen ist Lernen, mein Lernen ist Spielen.“ (Hieronymus van Alphen, 1746 – 1803)

Auch heute lerne ich immer wieder gern dazu, in Workshops und Trainings. Erstens bin ich immer noch neugierig wie ein kleines Kind, und zweitens wusste ich immer, dass Schauspiel kein Beruf ist, den man nach einer bestimmten Lehrzeit einfach kann. Jeder Sportler trainiert täglich, um seine Fähigkeiten zu verfeinern, selbst Schachspieler hören nicht auf, ihr Gehirn zu trainieren. Ich freue mich über jeden Input, jedes Weiterentwickeln. Und wenn wir mal ganz ehrlich sind, haben wir Schauspieler auch jede Menge Zeit zwischen den Engagements. Mein nächster Workshop ist bereits für Anfang April geplant.

Foto Credit: Bernd Brundert

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Bernd Brundert

„Glück ist die Vielfalt der Bewusstseinsinhalte (Samuel Johnson, 1709 – 1784)

Was Film/Fernsehen, Theater und Werbung vereint, ist die Ehrlichkeit im Spiel. Nur muss es im Theater auch in die letzte Reihe gelangen oder in der Werbung schnell auf den Punkt kommen. Wenn du Lust auf bestimmte Kunstformen im Spiel hast, wirst du die eher selten im TV finden. Ich arbeite in allen drei Bereichen gern, aber das Gefühl, vor der Kamera zu stehen, ist für mich das prickelndste.

Ich habe noch nie erlebt, dass jemand die Nase rümpft, weil ich auch Werbung drehe. Alle spüren schmerzhaft, wie im TV-Bereich      in den letzten Jahren die Gagen geschrumpft sind…

Und ausserdem arbeite ich in da auch mit Leuten, die ich aus Film und Fernsehen kenne – Regisseure, Schauspieler, Caster. Ich finde es immer wieder erstaunlich, vorausgesetzt der Spot ist gut geschrieben, wie man an einem Tag eine Mini-Story in 30 Sekunden packen kann. Bei so kurzer Sendezeit wird von mir verlangt, sekundengenau auf dem Punkt zu sein, und diese Konzentration bereitet mir Freude.

„Emotionen übertragen sich erst, wenn man 100% Einsatz zeigt.“ (Unbekannt)

Auf meine Dreh’s bereite ich mich schon frühzeitig vor, so dass in den Tagen davor nur die Vorfreude übrig bleibt und das Kribbeln, als ob ein aufregendes Date bevorsteht. Kurz vor der ersten Kameraprobe geht der Puls aber schon mal hoch, man ist ja neu im Team, kennt vielleicht nur wenige und denkt: ‚Shit, hätte ich vielleicht doch noch mehr tun können?‘, aber wenn die Kamera rollt, dann rollt es. Was ich während des Spiels fühle, hängt ja von der jeweiligen Rolle ab.

Nach dem Dreh fühle ich mich frei, ganz weich wie Butter. Dennoch fallen mir jedes Mal, auf der Heimfahrt, Bilder ein, die ich für die Rolle oder eine Szene noch hätte benutzen können. Im Theater dagegen kann man täglich neue Erkenntnisse gewinnen und in der nächsten Vorstellung umsetzen.

Wie ich mich in eine Rolle reinfühle, ist schwer in wenigen Sätzen zu beantworten, denn nicht umsonst gibt es hunderte Bücher über dieses Thema. Meine Arbeit beinhaltet, aus Papier Fleisch zu machen. Seinen eigenen Körper dafür zu benutzen, auch eigene Erfahrungen, eigene Gefühle, jedoch ohne sich selbst zu spielen. Viel interessanter ist doch die Frage, was man macht, wenn das Papier schlecht ist…

„Theater wird erst wirklich, wenn das Publikum innerlich mitspielt.“ (Hermann Bahr, 1863 – 1934)

Auch wenn ich konzentriert in den Vorgängen auf der Bühne stecke, spüre ich jederzeit das Publikum. Durch dessen Stimmung – selbst wenn sie mucksmäuschenstill sind – überträgt sich eine Energie, und Energie wirkt. Im besten Fall wie ein Tanz zwischen Zuschauern und Schauspielern. Manchmal Blues, manchmal Death Metal…

„Zufriedenheit ist eine Tugend, Selbstzufriedenheit ein Fehler.“ (Unbekannt)

Hinterher finde ich meistens etwas, was ich lieber anders gemacht hätte. Da ist dieser natürliche Drang, immer besser zu werden, näher an die Wahrheit zu kommen.

Nur einmal war ich sehr beschämt, ich habe schlecht gespielt. Das war vor vielen Jahren. Mein zweiter Dreh, noch während meiner Schauspielausbildung, kaum Erfahrung, eine Episodenhauptrolle einer Serie. Am Tag vor dem ersten Drehtag ist ein Freund mit dem Auto tödlich verunglückt, als er auf dem Weg zu mir war. Das wünsche ich keinem. Heute weiß ich, wie ich private Emotionen, selbst die furchtbarsten, für mein Spiel nutzen kann.

„Es ist eine alte Verkehrtheit, die Motive unserer Handlungen im Kopfe, statt im Herzen zu suchen.“ (August Wilhelm Grube, 1816 – 1884)

Ich spiele in erster Linie, weil meine Figur etwas will, mit dem Partner, der es mir geben kann. Aber auch der Spielort macht was mit einem, zwangsläufig. An Fernsehzuschauer konkret denke ich nicht. Das Theaterpublikum ist ja da, wie könnte ich es ignorieren?

Ich bin nicht die Frau mit dem großen Zeigefinger, die den Menschen sagen will, wie sie sein müssen. Menschen zu berühren wäre schön, oder inspirieren, oder Mut machen. Ja, diese Drehbücher hätte ich gerne.

Bekannt sein? Wenn es damit einhergeht, dass man Rollen angeboten bekommt, die – wie oben erwähnt – berühren, inspirieren, Mut machen, dann unbedingt ja. Andererseits … ich benehme ich mich auch gerne mal unerkannt daneben und möchte weiterhin ungeschminkt und im Schlabberlook aus dem Haus gehen dürfen.

„Nie wieder Ökohaus, sagte der Alternative, als er beim Rasenmähen vom Dach fiel.“ (Unbekannt)

Alternativen zum Schauspielberuf? Nie! Ich bin zwar auf vielen Ebenen kreativ, aber es gibt nichts, was ich lieber 14 Stunden am Tag täte.

Foto Startseite Credit: Bernd Brundert

Ein Kommentar:

  1. Alexander Ludwig

    Sehr schön geschrieben Astrid
    Gruß alex
    (Alexander Ludwig)

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