Beruf Squash

 

Als ich mit Raphael Kandra einen Termin absprechen möchte, spielt er ein Turnier in Ägypten. Wenige Tage danach telefonieren wir. Er fährt gerade in die Niederlande zu einem Liga-Match. Ob er die zweieinhalb Tage dazwischen genutzt habe, zu verschnaufen, die Koffer umzupacken und die Beine hochzulegen, frage ich. „Ich habe trainiert“, entgegnet er, „eine Krafteinheit und eine auf dem Rad absolviert!“

 

So läuft das beim Squash

 

Squash wird in einem speziellen Court von zwei Kontrahenten gespielt und ist eine Rückschlag-Sportart. In der – vor allem aus Mediensicht – Fußball,- Skisprung- und Biathlonnation Deutschland, wo sogar Zuschauermagneten wie Basket- oder Volleyball zu Randsportarten degradiert werden, finden wir jenes Squash dann nochmal am Rande des Randes.

Raphael Kandra; Foto Victor

Raphael Kandra; Foto Victor

Die Gegner benutzen das Spielfeld gemeinsam und beziehen die Seitenwände in das Spiel ein. Die Sportart entstand um 1850 in England und fand zunächst hauptsächlich in den Commonwealth-Staaten statt. In unserem Land ging es in den 1930er Jahren in Berlin los.

So nimmt es nicht wunder, dass der deutsche Vizemeister und Nationalspieler Raphael Kandra zu dieser Sportart kam, weil sein Vater im fränkischen Forchheim ein Squashcenter betrieb und nicht, weil er seine Karriere – wie gewöhnlich – im Fußballverein um die Ecke begann.

„Fußball spielte ich auch“, präzisiert Raphael, „aber eine Einzeldisziplin liegt mir einfach mehr, ich brauche die direkte Konkurrenz, kann sehr verbissen am Erfolg arbeiten und möchte mich lieber auf mich selbst verlassen. Dann war ein Fehler wenigstens mein Fehler.“

Der ehrgeizige, mittlerweile in Paderborn trainierende und lebende Profi zog schon beizeiten von Court zu Court. Zunächst fuhr er mit den Eltern mit, um sich später, in der Altersklasse „unter 11“, Duelle mit Florian Silbernagl zu liefern. „Als zwölf- und 13jähriger war ich in Europa Top drei“, erinnert sich Raphael Kandra, „den Spaß habe ich nie verloren.“

 

Apropos Spaß

 

„Den Gegner täuschen, um dann den Ball in die richtige Ecke zu spielen“ sei ein Aspekt, der ihn an seiner Sportart fasziniere, schwärmt der 26jährige 1,83 Mann, „außerdem die Dynamik, die Schnelligkeit, die Vielfalt der Erfordernisse auf kleinem Raum. Es entstehen Situationen, die nie im Training einstudiert werden können…“ Und auch da, im Training, „ist es immer anders“, verrät Raphael, „die Intensität, auch der Grad der Abwechslung, ist enorm hoch.“

Seit fünf Jahren agiert der ursprüngliche Mittelfranke für den „Paderborner Squash Club e.V.“, die Hochburg dieses Sportes in Deutschland. Seit 2009 spielt er als Profi und ungefähr ebenso lange im Nationalteam.

Zwölf Titel auf der PSA World Tour sprangen bislang heraus. Raphael wurde Deutscher Vizemeister 2013, 2014, 2016 und 2017 und erspielte den dritten Platz bei den Einzeleuropameisterschaften 2015 in Bratislava.

Besonders emotional, was das Umfeld, die Atmosphäre anbelangt, wird es für den Vielgereisten, wenn es beispielsweise nach New York geht. „Da wird im Grand Central Terminal ein Glas-Court aufgebaut“, skizziert er die Situation, „rundum sind Tribünen und um die 1000 Zuschauer machen eine Stimmung, die uns Spieler zu Höchstleistungen tragen kann. Wie beispielsweise auch in Ägypten – direkt vor den Pyramiden.“

Raphael Kandra; Foto Victor

Raphael Kandra; Foto Victor

Bei kleineren Turnieren geht es dagegen deutlich familiärer zu. Da kann er heraushören, wer aus dem Publikum was hereingerufen hat. Unter anderem in den Momenten, die auch in diesem Sport für Spannung sorgen – wenn ein Spieler, der 0:2 hinten liegt, über seine Kondition, vielleicht auch taktisches Kalkül, zurück kommt und das Match zum 3:2 Sieg dreht.

 

Stark wie nie

 

Ein Spieler, der die Squash Szene und die PSA World Tour auf seine ganz besondere Weise bereichert und der auch Raphael fasziniert, ist der Ägypter Ramy Ashour, der mehrfach die Weltrangliste anführte und 2008, 2012 und 2014 die Weltmeisterschaft im Einzel holte. „Er ist leider oft verletzt (Oberschenkelverletzung und Meniskusoperation zum Beispiel)“, berichtet der Deutsche, „aber wenn er dann wieder fit ist, und das relativ schnell, dominiert und gewinnt er alles mit einer scheinbaren Leichtigkeit.“

Mit ihm in der Weltrangliste unter den Top 10 rangiert der ebenfalls für Paderborn auflaufende Simon Rösner. „In unserem Land ist der Squash-Boom zwar tatsächlich vorbei, aber die Top5 mit Simon Rösner, mir, Jens Schoor, Rudi Rohrmüller und Tim Weber ist so stark wie nie“, benennt Raphael die aktuelle Situation, die es um so unerklärlicher macht, dass bei uns keine internationalen Turniere stattfinden.

Generell, so schätzt der Nationalspieler ein, der sich derzeit als zweitbester Deutscher auf Platz 46 des „PSA WORLD RANKINGS“ befindet, sei es in seinem Sport, was die Profiszene anbelangt, qualitativ hochwertiger geworden, oder wie er sagt „mentaler, es wird immer enger, spannender“.

 

„Es ist mein Job!“

 

Um so mehr setzt Raphael Kandra auf drei Dinge: Arbeit, Arbeit und Arbeit. Training also. In der turnierfreien Zeit im Sommer lebt er die Sechs-Stunden-Woche. „Kondition, 400 Meter Sprints, Radfahren, Krafttraining“, zählt er auf, was außer Squash Übungsformen alleine, zu zweit oder zu dritt noch so ansteht, und das in zwei Einheiten pro Tag. Vielleicht – oder sicherlich – von daher resultieren die Stärken Raphaels, die er selbst in seiner „Athletik, Fitness und Kraft“ angesiedelt sieht.

Raphael Kandra, Foto Henning Angerer

Raphael Kandra, Foto Henning Angerer

Und wenn er in der Hoch-Zeit zwischen internationalen und nationalen Einsätzen (Deutschland plus Niederlande) mal zwei, drei Tage Platz hat, dann schnauft Raphael zwar durch und packt die Koffer neu, schwingt sich aber gleichwohl aufs Rad. Oder wuchtet im Kraftraum Gewichte. Schließlich will er höher hinaus in den Ranglisten; Turniere und Meisterschaften gewinnen. Die nächste Gelegenheit dazu bietet die Team Europameisterschaft vom 26. bis 29. April in Helsinki.

Er kann sehr verbissen am Erfolg arbeiten. Als Steppke schon und heute erst recht.

JJ

Weitere Informationen: Raphaels Webseite und Raphaels facebook Seite

Foto Startseite: Victor

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