Tierschutz heißt Verantwortung

 

Der Deutsche Tierschutzbund bringt die Tierschutzvereine und Tierheime in Deutschland genauso unter einen Hut wie mehr als 800.000 Mitglieder. Eine kaum absehbare Aufgabenvielfalt, vom verwahrlosten Haus- über das gequälte Versuchs- bis zum ausgebeuteten sogenannten Nutztier ist zu bewältigen. Wie schaffen die das? Lea Schmitz, die Pressesprecherin, gibt Antworten:

„Die Menschen sensibilisieren“

 

JJ: Lea, vorab, wie sind Sie zum Tierschutz gekommen. Hat sich das schon in Ihrer Kindheit angedeutet?

Lea Schmitz: Ich war schon immer verrückt nach Tieren und hatte sie gerne um mich – ich hatte selbst einen Kater, Kaninchen, Vögel. Auch frei lebende Katzen habe ich als Kind im Urlaub auf dem Dorf gefüttert und immer wieder verletzte Wildtiere (meist Vögel, wie Tauben, Mausersegler, aber auch Fledermäuse) aufgegriffen, die ich dann zu Auffangstationen gebracht habe.

Lea Schmitz mit Tally

Lea Schmitz mit Tally

Da ich immer „etwas mit Tieren“ machen wollte, habe ich Biologie mit Schwerpunkt Zoologie studiert. Leider sind die Arbeitsplätze in diesem Bereich eher spärlich gesät. Über ein Volontariat und eine Arbeitsstelle in einer PR-Agentur kam ich schließlich zum Deutschen Tierschutzbund – und kann hier die Pressearbeit und die Liebe zu Tieren sehr gut verbinden.

JJ: Der Deutsche Tierschutzbund ist die Dachorganisation der Tierschutzvereine und Tierheime in Deutschland. 16 Landesverbände und mehr als 740 örtliche Tierschutzvereine mit über 550 vereinseigenen Tierheimen/Auffangstationen und mehr als 800.000 Mitgliedern sind zu betreuen. Klingt nach einer Sisyphusarbeit und Herkulesaufgabe zugleich. Wie wuppt der Verband das?

Lea Schmitz: Der Verband und seine Aufgaben sind seit der Gründung 1881 kontinuierlich gewachsen und damit auch die Zahl der Mitarbeiter. Heute arbeiten beim Deutschen Tierschutzbund über 100 hauptamtlich Angestellte – in der Bundesgeschäftsstelle in Bonn, in der Akademie für Tierschutz in Neubiberg bei München, im Hauptstadtbüro in Berlin und im Tier-, Natur- und Jugendzentrum Weidefeld in Kappeln in Schleswig-Holstein. Eine Übersicht zu allen Einrichtungen findet man online: www.tierschutzbund.de/organisation/einrichtungen.

Dabei decken die Mitarbeiter die unterschiedlichsten Aufgaben ab: Von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, über das Fundraising, die Betreuung von Spendern und Mitgliedern sowie Privatpersonen, die sich mit Tierschutzanliegen an uns wenden, die Kinder- und Jugendarbeit bis hin zur politischen Lobbyarbeit und natürlich der wissenschaftlichen Arbeit, bei der sich unsere Fachreferenten mit den Tierschutzproblemen unserer Gesellschaft auseinander setzen und die Grundlagen und Positionen für die Ausrichtung der Tierschutzarbeit in Deutschland und Europa erarbeiten.

JJ: Was ist konkret Ihr Betätigungsfeld, Lea?

Lea Schmitz: Ich arbeite in der Pressestelle, die der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit angegliedert ist. Ich kümmere mich also in erster Linie um die Beantwortung von Presseanfragen – telefonisch oder Mail. Tierschutz-Themen, Informationen und Aufrufe gelangen über die Journalisten als Mittler an die breite Öffentlichkeit. Mit der Hoffnung, dass wir die Menschen für Themen sensibilisieren, informieren und in einigen Fällen auch ein Umdenken erreichen können.

Auch Interviews für Radio und Fernsehen und das Schreiben von Texten, etwa für Pressemeldungen, gehören zu meinen Tätigkeiten. Dabei sind wir in der Pressestelle natürlich besonders eng verzahnt mit allen anderen Abteilungen und Einrichtungen des Deutschen Tierschutzbundes.

JJ: Wie finanziert sich der Verband und was sind – zusammengefasst – die Hauptaufgaben?

Lea Schmitz: Der Deutsche Tierschutzbund ist ein als gemeinnützig anerkannter Verein. Als Dachorganisation erhält der Deutsche Tierschutzbund von den ihm angeschlossenen Vereinen einen Mitgliedsbeitrag. Dieser beträgt für Tierschutzvereine und korporative Mitglieder für je angefangene 100 Mitglieder 55 Euro. Der Betrag ist so gering, weil die meisten Tierschutzvereine für ihre eigene Tierschutzarbeit und vor allem für vorübergehende Unterbringung und Versorgung in Not geratener Tiere, im vereinseigenen Tierheim oder privat, selbst dringend Geld brauchen. Der Deutsche Tierschutzbund ist daher keineswegs so finanzstark, wie mancher aufgrund der großen Mitgliederzahl vermutet.

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Für unseren Jahreshaushalt für Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit, die Mitarbeit in Gremien und für den Informations- und Beratungsservice benötigen wir daher dringend die Unterstützung von fördernden Mitgliedern und von tierliebenden Menschen, die den Deutschen Tierschutzbund in ihrem Testament bedenken. Jede Spende hilft uns bei unserem Einsatz für die Tiere. Unsere fördernden Mitglieder helfen uns den Tieren zu helfen.

Um gegen die Übermacht der Tiernutzer ein Gegengewicht zu schaffen, ist nicht nur Geld erforderlich. Jede Stimme, die sich für die Tiere erhebt, trägt dazu bei zu erreichen, dass Tieren in unserer Obhut endlich ein tiergerechtes Leben ohne Leiden gewährt wird.

Aufgaben: Jedes Mitgeschöpf hat Anspruch auf Unversehrtheit und ein artgerechtes Leben. Wir wollen, dass dieser Anspruch für alle Tiere verwirklicht wird – in der Wirtschaft, der Forschung, im Privathaushalt und wo immer der Mensch mit Tieren Umgang hat. Für Tiere, die der Mensch in seine Obhut genommen hat, trägt er die Verantwortung – sei es in der Landwirtschaft, in Forschung und Industrie, im Privathaushalt oder auch bei Eingriffen in die Natur.

Wir wollen, dass Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen geschützt werden. Tier-, Natur- und Artenschutz sind für uns untrennbar miteinander verbunden. Der praktische Einsatz zum Wohl aller Tiere und die Förderung des Tier- und Naturschutzgedankens sind zentrale Aufgaben des Deutschen Tierschutzbundes.

JJ: Bei der Fülle der Aufgaben, mit denen sich der Deutsche Tierschutzbund befasst, möchte ich mich auf zwei Dinge konzentrieren, mit denen ich, wenn auch nur indirekt, in Berührung kam: Erstens, als ich in Bremen lebte (um 2010), verbot die Bremische Bürgerschaft die Tierversuche an Affen an der ortsansässigen Universität. Dem Protest der Uni wurde durch Gerichte stattgegeben und es durfte und darf nach meinem Kenntnisstand weiter sinnlos gequält werden. Mir zieht das die Schuhe aus, Lea. Wie fühlen Sie persönlich, wenn Sie sowas erfahren und wie geht Ihr Verband dagegen an, gibt es eine Chance?

Lea Schmitz: Mehr als 10.000 hoch entwickelte Affen, unsere nächsten Verwandten im Tierreich, leiden und sterben Jahr für Jahr in Tierversuchslabors der Europäischen Union. Mehr als 1.500 Affen sind es jährlich allein in Deutschland. Skandale um Affenversuche beispielsweise an der Universität Bremen zeigen deutlich die Missstände im deutschen Tierversuchsalltag. Wenn dann, wie in Bremen, trotz Protesten die Tierversuche weitergehen, ist das natürlich frustrierend und furchtbar. Schon vor Beginn dieser Experimente in Bremen hat sich der Deutsche Tierschutzbund dafür eingesetzt, dass diese nicht genehmigt werden.

Seitdem haben mehr als 100.000 Menschen die Bürgeranträge des Bremer Tierschutzvereins gegen diese Versuche unterstützt. Auch in der Politik herrscht Einigkeit darüber, dass die Affenversuche gestoppt werden müssen. Der von der Politik beschlossene Ausstieg aus den Affenversuchen wurde mit dem Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig vom Januar 2014 zunichte gemacht. In Folge wurden im November 2014 die Versuche um weitere drei Jahre genehmigt.

Affen gehören in die Natur, nicht ins Versuchslabor; Foto: Reinhard Grieger_pixelio.de

Affen gehören in die Natur, nicht ins Versuchslabor; Foto: Reinhard Grieger_pixelio.de

Der Deutsche Tierschutzbund geht auch gegen die vom Bundesverfassungsgericht dargelegte Rechtslage vor. Wir haben bei der EU-Kommission Beschwerde gegen Deutschland eingelegt. Der Grund: die Deutsche Bundesregierung hat aus unserer Sicht die EU-Tierversuchsrichtlinie fehlerhaft ins deutsche Recht umgesetzt. Leidtragende sind die Tiere, die in Versuchen eingesetzt werden. Besonders gravierend ist die aufgrund der fehlerhaften Umsetzung in Deutschland stark eingeschränkte Prüferlaubnis der für die Genehmigung von Tierversuchsprojekten zuständigen Behörden. Ein aktueller Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig hatte diese Einschränkung zuletzt bestätigt.

JJ: Und zweitens: Als ich vor zwei Jahren auf einem Autobahnrastplatz Pause machte, hörte ich ein fürchterliches Gequieke. Viele, viele Schweine wurden in einem LKW transportiert. Auch ein Schild an der Rückseite, das besagte, dass nach neuesten europäischen Standards auf diesem Laster die Tiere besonders komfortabel und räumlich großzügig transportiert werden, beruhigte mich genauso wenig wie offensichtlich die Schweine. Da ich auf dem Dorf unter Tieren aufwuchs, weiß ich sehr genau, wie zufriedene Säue schauen und klingen – und wie gequälte. Diese hatten panische Angst. Es war schrecklich eng. Was unternimmt der Tierschutzbund dagegen? Gibt es Zwischenerfolge?

Lea Schmitz: Auf deutschen und europäischen Straßen ist es immer noch die Regel, dass landwirtschaftlich genutzte Tiere in ihrem ohnehin sehr kurzen Leben mehrfach den Torturen eines Tiertransportes ausgesetzt werden, quer durch Europa und sogar weit über dessen Grenzen hinaus. Der Transport zum Schlachten ist dabei oftmals deshalb so weit, weil es nur noch wenige, dafür sehr große Schlachthöfe gibt. Ein kürzere Transport ist daher – aufgrund der Infrastruktur – oftmals gar nicht möglich Die Leidtragenden sind die Tiere.

Unsere Grundforderungen sind klar: Die Transportzeiten müssen begrenzt werden. Da hat die Transportbranche eine große Verantwortung, ihren Beitrag zu mehr Tierschutz zu leisten. Wir brauchen zudem regionalere Agrarstrukturen. Langfristig muss es zu einer Verlagerung auf den Transport von Fleisch oder tiefgekühltem Zuchtmaterial, anstelle von lebenden Tieren kommen. Dafür müssen aber auch entsprechende Agrarstrukturen geschaffen werden.

Die Tiere leiden unter der unerträglichen Enge in den Transportern, unter oft drückender Hitze oder Kälte, quälendem Durst und verletzungsbedingten Schmerzen. Hinzu kommt, dass Ruhe- oder Melkzeiten unzureichend oder überhaupt nicht eingehalten werden und sogar trächtige Tiere den gleichen Rahmenbedingungen ausgesetzt werden. Kommen sie nach Tagen am Zielort an, sind sie meist völlig entkräftet und viele brechen vor Erschöpfung zusammen. Weitere Tierschutzprobleme auf den Transportern sind beispielsweise fehlende oder defekte Tränken, regelmäßige Überschreitungen der Ladedichte oder der Transport von eigentlich transportunfähigen Tieren, zum Teil auch (hoch-) trächtigen Tiere.

Besonders problematisch sind Transporte in Länder außerhalb der EU, denn dort gelten andere Gesetze, bei denen das Wohlbefinden der Tiere bei der Haltung, dem Transport und der Schlachtung mitunter noch weniger Beachtung findet. Immerhin hat der Europäische Gerichtshof mittlerweile beschlossen, dass bestimmte Anforderungen an den Transport, so wie das Füttern und Tränken oder Beförderungs- und Ruhezeiten auch für Teilstrecken außerhalb der EU gelten.

Ein kleiner „Zwischenerfolg“ beim Kampf gegen Tiertransporte und für bessere Bedingungen war z.B. , dass 2012 Niedersachsen und NRW einen Erlass herausgaben, der die Höhe von Rindertransportern so regelt, dass doppelstöckige Rindertransporte (zumindest in diesen beiden Bundesländern) nicht mehr möglich sind. Diese Art des Transports ist besonders problematisch: Es ist fast unmöglich, Rinder in einem doppelstöckigen LKW von vier Metern zulässiger Maximalhöhe zu transportieren, ohne dass sie sich verletzen. Die Decke ist so niedrig, dass Rinder leicht mit Kopf oder Rücken an die Decke stoßen.

Trotz minimaler Zwischenerfolge – was wir dringend brauchen und fordern ist ein verantwortungsvollere Umgang beim Transport landwirtschaftlich genutzter Tiere. Die Politik muss endlich handeln und die katastrophalen Zustände, die oftmals bei den Transporten herrschen, konsequent ahnden. Wir fordern deshalb häufigere und strengere Kontrollen, eine möglichst einheitliche Sanktionierung von Verstößen und eine Verbesserung der aus Tierschutzsicht bisher nicht ausreichenden gesetzlichen Vorgaben.

JJ: Lea, egal ob Tierversuche, Tiertransporte oder was auch immer, wie kann jeder Tierfreund Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen, ruhig auch mal der mit der leeren Geldbörse?

Lea Schmitz: Tierschutz fängt beim verantwortungsvollen Umgang mit Tieren an – allein das bringt uns ein gutes Stück voran, wenn es sich viele Menschen zu Herzen nehmen. Das gilt schon für das eigene Heimtier: Vor der Anschaffung sollte man sich zum Beispiel fragen: „Welches Tier passt zu mir?“. Bin ich bereit, so lange das Tier lebt, die Verantwortung zu übernehmen? Ist das Tier auch im Urlaub versorgt? Reichen meine finanziellen Mittel für Futter und Zubehör, aber auch für Tierarztkosten, die ggf. auch einmal höher ausfallen können? Anders als unsere Heimtiere sind uns die Tiere in der Landwirtschaft deutlich ferner. Aber auch hier sollte man sich fragen: Muss es immer das Fleisch zum Billigpreis sein? Was bedeutet das für die Haltung der Tiere?

Lea-Schmitz

Lea-Schmitz

Verbraucher sollten hier bewusst einkaufen und auch bereit sein, etwas mehr zu zahlen, für tierische Produkte, bei denen bessere Bedingungen für die Tiere gelten. Der direkteste Weg zu mehr Tierschutz ist hier aber nach wie vor die vegetarische oder vegane Lebensweise. Auch beim Thema Tierversuche kann jeder selbst etwas tun: Zum Beispiel Kosmetika kaufen, die auf der Kosmetik-Positivliste des Deutschen Tierschutzbundes gelistet sind (s. www.tierschutzbund.de/kosmetik-positivliste). Die darin aufgeführten Hersteller führen keine Tierversuche durch und verwenden nur Inhaltsstoffe, die seit 1979 nicht mehr im Tierversuch getestet wurden. Auch für den Artenschutz kann jeder etwas tun: So bieten zum Beispiel naturnahe Gärten vielen Tierarten einen Lebensraum.

Wer sich direkt engagieren möchte, kann natürlich auch die örtlichen Tierschutzvereine und Tierheime unterstützen: Dies ist – genau wie beim Deutschen Tierschutzbund als Dachverband der Tierheime – über eine Mitgliedschaft oder Spenden möglich. Auch Sachspenden, wie Decken, Katzen-Kratzbäume, Schlafkörbchen oder Futterspenden sind oft willkommen. Unverzichtbar sind auch ehrenamtliche Helfer im praktischen Tierschutz, z.B. zum Gassigehen mit Tierheimhunden oder zur Unterstützung von Büroarbeit oder der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Wer unterstützen möchte, sollte einfach beim örtlichen Tierschutzverein nachfragen, wo Hilfe gebraucht wird.

JJ: Vielen Dank, Lea.

Weitere Informationen: http://www.tierschutzbund.de/

Fotos: Deutscher Tierschutzbund/Lea Schmitz

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