Annalena und ihr Kindheitstraum

 

Annalena Rieke ist U17 Europameisterin 2016 und nahm an der Weltmeisterschaft im gleichen Altersbereich in Jordanien teil. Sie stammt aus Steinbeck in Westfalen, begann dort mit Fußball, spielte später für Gütersloh im Nachwuchs und bei den Frauen in der Zweiten Liga. Seit dem Frühjahr 2016 zählt die Stürmerin zum Bundesligateam des FF USV Jena.

Annalena Rieke, Foto: Jürgen Scheere/FF USV

Annalena Rieke, Foto: Jürgen Scheere/FF USV

Mitstreiterin Maren Tellenbröker sagt über sie: „Sie und ich haben ein besonderes Verhältnis. Wir verstanden uns von Anfang an sehr gut und passen – westfälisch salopp formuliert – wie ,,A…  auf Eimer zusammen“ (lacht). Ich kannte sie schon aus der Zeit in Westfalen und fragte sie deshalb, ob wir zusammen auf ein Zimmer im Internat in Jena gehen wollen. Diese Entscheidung habe ich nie bereut, da wir immer zusammen Spaß haben, uns alles erzählen und den gleichen Humor haben. Eine bessere Zimmerpartnerin kann ich mir nicht wünschen.“

Annalena Breitenbach beschreibt ihre Kollegin Annalena Rieke als „neu in unsere Mannschaft gekommen. Sie ist mit eine der jüngsten, macht ihre Sache aber echt gut.“ Und ergänzt lächelnd: „Außerdem hat sie den schönsten Vornamen!“

Natürlich hat uns die Europameisterin einiges selbst zu berichten:

 

„Wichtig ist, dass das Team Tore schießt und das Spiel gewinnt“

 

JJ: Annalena, zunächst einmal, war es der Klassiker damals – als du im Kindesalter zum SV Grün-Weiß Steinbeck 1930 gegangen bist um Fußball zu spielen – also haben dich ein großer Bruder oder der Vater mitgenommen?

Annalena Rieke: Nein, so war das nicht ganz. Mein Bruder hat keinen Fußball gespielt und auch mein Vater hat mich nicht dazu gebracht. Im Kindergarten sind meine Freunde und ich einfach zum Mini-Kicker-Probetraining gegangen und es hat uns sehr viel Spaß gemacht.

JJ: Weil das nahegelegene Ibbenbüren eine Basketballhochburg ist: War es eine Option für dich, diesen Sport zu wählen?

Annalena Rieke: Ich habe nie wirklich eine andere Sportart betrieben. Ein kurzer Ausflug zum Jazz-Tanz mit einer Freundin war dabei (das hatte sich allerdings schnell wieder erledigt), aber andere Mannschaftssportarten wie Basketball kamen für mich nie in Frage, da ich mit meinen Freunden immer gerne zum Fußballtraining gegangen bin und wir auch in der Freizeit fast immer zusammen Fußball gespielt haben.

JJ: Waren Trainingsintensität und -qualität ein Riesenunterschied, als du damals in der Jugend nach Gütersloh gewechselt bist?

Annalena Rieke: Die Trainingsintensität und -qualität hat sich mit meinem Wechsel zum FSV Gütersloh 2009 natürlich verändert. Die gesamte Struktur und Organisation wurde insgesamt professioneller, es wurde mehr auf die Leistung geschaut und eine stetige Verbesserung angestrebt.

Annalena Rieke, Foto: Benedikt Bernshausen

Annalena Rieke, Foto: Benedikt Bernshausen

Die größte Veränderung für mich waren die langen Fahrtwege – zwei Stunden mit Zug – zum Training und zu den Spielen, die auf Dauer sehr belastend waren. Ich blicke gerne auf die Zeit in Gütersloh zurück und bin froh, diesen Weg gegangen zu sein.

JJ: Was ist für dich ganz persönlich die Faszination Fußball?

Annalena Rieke: Mich fasziniert beim Fußball der Teamgeist, dass alle zusammen etwas erreichen wollen und zusammenhalten. Man kämpft bis zum Umfallen und alle sind mit Leib und Seele dabei.

Außerdem lernt man viele neue Leute kennen, die dieselben Ziele, Interessen und Einstellung haben. Fußball ist sehr vielseitig, denn es beinhaltet zum Beispiel sowohl Technik, Taktik, Ausdauer und Kraft. Aber am meisten gefällt mir der unbändige Wille, das Spiel gewinnen zu wollen und dafür alles zu geben.

JJ: Annalena, ich habe hauptsächlich im Mittelfeld gespielt und hatte einen Riesenspaß, wenn ich für die Stürmer Tore mittels Flanke oder Steilpass vorbereiten konnte. Du netzt lieber höchstpersönlich ein, oder?

Annalena Rieke: Natürlich möchte man als Stürmer Tore schießen, aber mich freut es genauso, wenn ein Mitspieler ein Tor schießt. Es spielt keine Rolle, wer das Tor schießt oder wer es vorbereitet hat. Wichtig ist nur, dass das Team ein Tor schießt und das Spiel gewinnt.

Annalena Rieke im blauen Trikot. Foto: Benedikt Bernshausen

Annalena Rieke im blauen Trikot. Foto: Benedikt Bernshausen

JJ: Sowohl die deutschen Fußballfrauen als auch die Männer mischen in der absoluten Weltspitze mit. Verspricht aus deiner Sicht als U17-Europameisterin der Nachwuchs bei den Mädels, dass es so bleibt?

Annalena Rieke: Versprechen kann ich dies natürlich nicht. Aber wenn man sich die Jugendarbeit sowohl beim DFB aber auch in den Vereinen anschaut, dann sieht es vielversprechend aus: Weil man sich um den Nachwuchs sehr gut kümmert und Talente fördert. Man muss sehen, was die Zukunft so bringt, aber die Erfolge bereits in den Jugendmannschaften zeigen, dass das Potenzial vorhanden ist.

JJ: Und wenn wir schon einmal dabei sind, trägst du das Hochgefühl des Titelgewinns noch in dir?

Annalena Rieke: Ja, auf jeden Fall! Jedes Mal, wenn ich an die Momente denke oder Bilder sehe, bekomme ich Gänsehaut und freue mich, wie ein „kleines Kind“, da einer meiner Kindheitsträume in Erfüllung gegangen ist.

JJ: Wie hast du persönlich die FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft 2016 in Jordanien erlebt?

Annalena Rieke: Es war ein riesen Erlebnis. Wir haben auch neben dem Platz viel erlebt und eine neue Kultur kennengelernt. Der Ausflug zum Toten Meer mehr war dabei ein absolutes Highlight. Sportlich habe ich natürlich sehr viel mitnehmen können und Erfahrungen gesammelt.

JJ: Immer oder meistens wenn ich Fußballspielerinnen nach Idolen oder Vorbildern frage, nennen sie Männer – Messi, Ronaldo, Hummels … Du kannst mir sicher auch Frauen nennen, die richtig gut mit dem Ball umgehen können?

Annalena Rieke: Es gibt mehr als genug Frauen, die mit dem Ball umgehen können. Leupolz, Marta und Marozsan sind nur einige Beispiele, von denen man sich auf alle Fälle was abschauen kann.

JJ: Cindy König, die mehrere Jahre mit Werder Bremen in der 2. Liga Nord spielte und dann ein Jahr in Liga eins, erzählte mir im Interview, dass im Oberhaus ein ganz anderer Wind weht, siehst du das ähnlich?

Annalena Rieke: Das kann ich bestätigen. Vor allem die Trainingshäufigkeit und das Spieltempo sind im Vergleich zur 2. Liga anders. Aber auch neben dem Platz ist vieles anders: Pressetermine, Autogramme, Fotoshooting und so weiter…

JJ: Jetzt  lass‘ uns mal über Jena sprechen: Wie gefällt es dir in Ostthüringen, wie wohl fühlst du dich im Verein und was für eine Truppe hat sich da 2016/2017 zusammengefunden?

Annalena Rieke: Ich fühle mich hier sehr wohl und habe mich gut eingelebt, sowohl im Internat als auch im Verein. Ich wurde überall super aufgenommen, sodass es mir von Anfang an leicht fiel, mich hier einzuleben.

Unsere Mannschaft diese Saison hat – denke ich – eine gute Mischung aus jungen, lernwilligen und älteren, erfahrenen Spielerinnen. Die Stimmung im Team ist sehr gut. Es treffen viele unterschiedliche Charaktere aufeinander, aber genau das macht ein gutes Team aus.

JJ: Wie bist du mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden?

Annalena Rieke im internationalen Testspiel gegen Standard Luettich; Foto: FF USV Jena

Annalena Rieke im internationalen Testspiel gegen Standard Luettich; Foto: FF USV Jena

 

Annalena Rieke: Wir haben es diese Saison nicht leicht und mehrere unglücklich Niederlagen einstecken müssen, blicken aber positiv in die Zukunft, schauen von Spiel zu Spiel und sind optimistisch, dass wir, wenn wir immer alles geben, unser Ziel erreichen. Bisher wurden wir selten für unsere harte Arbeit belohnt, aber lassen trotzdem den Kopf nicht hängen und machen immer weiter.

JJ: Spürst du in Jena heutzutage noch, dass es früher eine Fußball-Hochburg im Männerbereich war, national wie in Europa? Hast du beispielsweise schon von den Ducke-Brüdern gehört oder davon, dass der spätere Bundesligacoach Hans Meyer  da gespielt und als Trainer gearbeitet hat?

Annalena Rieke: Die Ducke-Brüder waren die besten Fußballer zu ihrer Zeit. Nicht umsonst wurde sogar ein Weg hier in Jena am Stadion nach Roland Ducke benannt. Hans Meyer war mir schon durch die Bundesliga bekannt, da er dort sowohl Nürnberg als auch Gladbach trainierte. Ich weiß, dass er 1981 als Trainer für Jena im Europapokalfinale aktiv war.

JJ: Danke.

Foto Startseite: Benedikt Bernshausen/ FF USV Jena

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*