Spielen, spielen, spielen

 

Wenn ich jetzt und hier alle Serien und Filme aufzähle, in denen die Schauspielerin Julia Stinshoff mitwirkte, werde ich heute nicht mehr fertig. Und morgen nicht gleich. Entschließe ich mich für eine Auswahl, dann bedeutet das, viel wegzulassen. Zu viel.

Na gut, sie war dabei, als die legendären „Ladykracher“-Folgen durchstarteten, sie ist nach wie vor dabei, wenn in der „Sesamstraße“ Elmo, Wolle und Pferd ihr Unwesen treiben – und sie hat sicherlich nicht nur mich beeindruckt, als sie 2016/2017 in der ZDF-Serie „Dr. Klein“ als arrogant, intrigant und komisch gleichzeitig brillierte.

Jetzt brilliert die Hamburgerin aber erstmal hier. Mit Antworten:

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„Welcher rein erwachsene Profi lässt sich schon im Pappauto durch die Gegend fahren oder einen Wischmop auf den Kopf setzen?“

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JJ: Julia, Ihre Vita liest sich ein bisschen so, als wäre der Schauspielerinnenberuf nicht durchgängig Ihr Reise-Ziel gewesen. Letztlich sind Sie dann doch auf dem richtigen Rollfeld gelandet (und das ist gut so). Täuscht das? Wann war Ihnen warum klar: „Das ist jetzt mein Beruf!“?

Julia Stinshoff: Das täuscht überhaupt nicht, beziehungsweise der Weg dorthin war etwas verschlungen. Ich wusste zwar schon als Kind, dass ich gerne Schauspielerin werden möchte, doch nicht wie.

Ich hatte einfach niemanden in meinem Umfeld, der mir sagen konnte, wie genau man vorgehen muss, um Schauspielerin zu werden, also musste ich es selber heraus finden. Ich fing nach dem Abitur erst einmal an zu studieren (Anglistik, Philosophie und Vergleichende Religionswissenschaften), bis ich von einer Drei-Sparten-Ausbildung in Gesang, Tanz und Schauspiel in Hamburg hörte.

Das sprach mich total an! Denn ich habe auch schon immer gerne gesungen und Ballett getanzt – seit ich vier Jahre alt war. Ich bewarb mich und wurde genommen!

Doch ich merkte irgendwann, dass Musical nicht die Welt war, in der ich mich bewegen wollte – ich wollte drehen! Also brach ich ab, denn ich hatte schon während der Ausbildung eine Schauspielagentur gefunden und hoffte auf erste Engagements, die aber zunächst mal eher sparsam eintrudelten. Also schrieb ich mich wieder an der Uni ein, diesmal für Psychologie.

Foto by Tim Reckmann – pixelio.de

Alles Studienfächer, die mich wirklich auch interessierten, doch wollte ich eigentlich natürlich viel lieber drehen! Und kaum hatte ich einen Studienplatz und war in meiner allerersten Vorlesung, kam die Zusage für meine erste Hauptrolle in „Alarm für Cobra 11 – 2.Team“, mit der ich dann sehr schnell durchstartete und plötzlich wahnsinnig viel drehte. Damit hatten sich dann auch die diversen Studiengänge erledigt…

JJ: Worin besteht Ihre ganz persönliche Faszination Schauspiel, wenn Sie zuschauen, wenn Sie selbst spielen?

Julia: Transparenz. Innere Vorgänge zu sehen, beziehungsweise sichtbar zu machen, das interessiert mich.

JJ: Die folgende Frage stelle ich fast allen Schauspielerinnen und Schauspielern und weil ich immer wieder teilweise völlig verschiedene Antworten bekomme, versuche ich mein Glück auch bei Ihnen: Sie sind am Set Auge in Auge mit der Kamera, das Mikrofon baumelt vor Ihrer Nase, der Regisseur sagt „Bitte“. Was geht in Ihnen vor? Genau in diesen Momenten. Wie viel Julia steht da, wie viel Rolle?

Julia: Puh, das ist ganz unterschiedlich und sehr abhängig von Rolle und Setting. Mal ist man „voll drin“ und denkt praktisch überhaupt nicht ans Drumherum, mal ist man total mit Äußerlichkeiten beschäftigt wie „das Kleid kneift, die Strähne kitzelt, der Sender am Bein nervt, irgendjemand redet noch kurz vorm Take zu viel und zu laut“… etc.

Da hilft dann natürlich die Erfahrung, das im entscheidenden Moment beiseite zu schieben, um seine Arbeit zu machen. Aber die eigene Person schleppt man natürlich immer mit. Die wird man nie los. Zumindest nicht, solange man noch auf der Erdkugel rum läuft.

JJ: Und: Was machen gut aufgelegte Kolleginnen und Kollegen mit Ihnen, mit Ihrem Spiel?

Julia: Sie inspirieren mich, wecken meine Spielfreude und machen auch mich besser als ein weniger „gut aufgelegtes“ Gegenüber. Spielen ist wie musizieren oder tanzen. Man kann das zwar auch alleine machen, aber man wächst mit einem starken Gegenüber. Und mehr Spaß macht es auch!

JJ: In der Sesamstraße haben Sie eine Szene, in der Sie mit Elmo Auto fahren. Wie war das für Sie, waren Sie ganz normal Profi, ein bisschen Kind, war Ihr Spaß beim Dreh anders, vielleicht wirklich kindischer?

Julia: In der Sesamstraße darf ich immer ganz viel Kind sein und das ist das Schöne daran! Ich bin ja die erwachsen-kindliche Freundin von Elmo, Wolle und Pferd. Welcher rein erwachsene Profi lässt sich schon im Pappauto durch die Gegend fahren oder einen Wischmop auf den Kopf setzen?…

JJ: Julia, mit dieser Frage habe ich lange gerungen. Kann sein, es handelt sich wirklich mal um eine blöde Frage: In meiner Wahrnehmung spielen Sie die verschiedensten Rollen (komisch, Lady, intrigant, arrogant), komplett klischeebefreit. Das ist, auch wieder in meiner Wahrnehmung, nicht typisch für Deutschland und Ihren Beruf.
Warum? Einfach nur, weil Sie es können? Oder Glück gehabt bei der Besetzung?

Julia: Oh, Dankeschön, aber ich würde gar nicht sagen, dass das nicht typisch für Deutschland wäre. Es gibt ganz viele tolle Kolleginnen und Kollegen, die (auch) klischeebefreit spielen.

Ich versuche einfach, jede Rolle an mich heran zu ziehen, zu meiner eigenen zu machen. Das Menschliche, Persönliche in ihr zu suchen und sie nachvollziehbar zu machen.

JJ: Sie haben (auch) viele komische Rollen gespielt, unter anderem in „Ladykracher“, und haben dafür mehrere Fernseh- sowie Comedypreise abgeräumt. Nicht nur ich, sondern auch wirkliche Fachleute, halten es für das Schwierigste, die Leute zum Lachen zu bringen. Sie auch? Gehört dazu ganz viel Talent? Ist es erlernbar?

Julia: Das werde ich immer wieder gefragt, aber ehrlich gesagt ich weiß nicht, ob man das lernen kann. Ich glaube, man braucht selber ein persönliches Verständnis, ein Gespür für Komik. Das hat man, oder hat es nicht. Humor wird meines Erachtens frühkindlich geprägt und wenn man ihn hat oder versteht, fällt es auch leichter, ihn zu transportieren.

JJ: Es gibt Filme, die habe ich vor über 30 Jahren gesehen, habe damals gelacht und geweint zugleich – und musste draußen vorm Kino erstmal verschnaufen (Einer flog über das Kuckucksnest beispielsweise). Kennen Sie das? Was muss ein Film haben, der das mit Ihnen macht?

Julia: Das kenne ich absolut! Sonst wäre ich ja nicht so scharf darauf gewesen, Schauspielerin zu werden!

Ein Film muss eine Geschichte haben, die mich interessiert, von der ich wissen will, wie sie weiter geht und Charaktere die mich mit auf ihre Reise nehmen, etwas von sich zeigen. Das ist ein Geschenk, das ich als Zuschauer dann mit großer Empathie quittiere.

JJ: Welche Kolleginnen oder Kollegen, egal ob im In- oder Ausland, egal ob aktiv oder schon lange nicht mehr, sehen Sie gerne, wer fasziniert Sie immer wieder?

Julia: Shirley MacLaine hat mich in ihrer Vielseitigkeit, ihrem Witz und Ihrer Trockenheit schon immer wahnsinnig fasziniert! Wie viele Jahre habe ich von Irma La Douce gezehrt!!

Aber es gibt auch unzählige andere, die ich gerne sehe, aber das würde hier den Rahmen sprengen und würde ich eine Aufzählung wagen, müsste ich Ihnen wochenlang P.S.-Mails hinterher schicken, weil mir immer noch mehr tolle Kolleginnen und Kollegen einfallen würden!

JJ: Sind Sie bei aller von mir erwähnten Rollenvielfalt noch mit einem Schauspielerinnentraum unterwegs, Julia, wenn ja, mit welchem?

Julia: Mein momentan größter Wunsch wäre, wieder mal einen Charakter über einen längeren Zeitraum im Rahmen einer Reihe/Serie entwickeln zu dürfen. Der sich weiterentwickelt, einen großen, großen Bogen erzählt, viele Ebenen und Schichtungen hat und immer wieder überrascht. Letztlich will ich spielen, spielen, spielen, spielen.

JJ: Was liegt beruflich demnächst an?

Julia: Ganz konkret ab übermorgen wieder die Sesamstraße und dann schauen wir mal, was das noch recht junge Jahr bringt…

JJ: Danke.

Julia: Danke auch!!

Weitere Informationen (und auch Fotos von Julia): Agenturprofil von Julia

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