Macht mal Platz!

Susen als Prinzessin, Foto Lutz Stellmacher

Susen als Prinzessin,
Foto Lutz Stellmacher

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Für einen Moment scheint es, als prallen da in einer Person zwei totale Gegensätze aufeinander. Für einen klitzekleinen Moment indes nur. Susen Ermich wirkt sehr gerne, recht oft und mit Erfolg (Winner Best Actress, Fright Nights Horror Filmfestival 2011 Wien) in Horrorfilmen mit – und gleichwohl hat die junge Frau Anfang des Jahres eine Prinzessinnen-Agentur an den Start gebracht (Beautiful Princess).

“Im Horror-Genre kann ich ganz anders sein, Dinge spielen, die ich nie erleben werde, kann schauen wie ich reagieren würde und alles raus holen, was irgendwo in mir steckt. Das ist mein Beruf. Die Prinzessinnen-Agentur ist mein Herz. Ich war schon immer und bin nach wie vor ein sozialer Mensch. Kinder sind ein sehr dankbares Publikum. Sie leben im Moment und lieben den Moment. Es ist schön, sie glücklich zu machen.”
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Mit dieser Erklärung, mit diesen sieben Sätzchen, zaubert Susen aus dem aufkommenden Gegensatzmoment einen Gleichklang. “Eins hat mit dem anderen nichts zu tun”, fügt sie hinzu, “so bin ich.”
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Der Beruf

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“Als Schauspielerin fühle ich mich nicht festgelegt”, schwärmt die in Erfurt geborene und jetzt in Berlin lebende junge Frau von der Faszination ihres Berufes, “ich kann und will alles spielen. Ich liebe und lebe diese Arbeit!” Dabei brauche jede Rolle eine entsprechende Vorbereitung, weiß Susen, “und jede Figur ist spannend”, ergänzt sie.
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Die Thüringerin liebt emotionale Filme, über die sie im Nachhinein mit Freunden reden kann – und die sie selbst und andere beschäftigen. Genau in solchen Streifen mischt sie gerne mit oder trägt zum Gelingen bei. Auch Comedy nennt sie. “Nicht jede/r bringt die Leute zum Lachen”, befindet Susen Ermich, und weiß, dass dieses Genre einfacher klingt als es letztlich ist.
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Tritt sie vor die Kamera, denkt die 1,60 Meter Frau mit den blau-grauen Augen an nichts mehr. “Ich bin vorbereitet und konzentriert, habe mit dem Regisseur alles besprochen”, erzählt sie, “und nach seinem ‘Bitte’ bin ich in der Rolle, stelle die Verbindung her zwischen mir sowie dem Text und dem Körper der Figur.”

Susen, fotografiert von Mavroeidi Afroditi

Susen, fotografiert von Mavroeidi Afroditi

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Das Switchen zwischen den Welten, zwischen der Schauspielerin und der Rolle, fällt Susen Ermich leicht: “Ein bisschen kommt es natürlich darauf an. Es ist ein Unterschied, ob ich eine Krebskranke verkörpere (da muss ich in Drehpausen bei mir bleiben) oder nur entspannt durch einen Park schlendere. Im Prinzip aber ist es so, dass der Regisseur ‘Cut’ sagt und ich bin raus aus der Rolle und wenn es weiter geht, bin ich sofort wieder drin.” Zudem kann Susen Dinge, die am Rande und um das Kameraset herum geschehen, gut ausblenden (“das ist professionell”).
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Läuft eine Szene oder Vorstellung gut, liegt das aus der Sicht der selbstbewussten Frau “am guten Team. Und es stärkt die Gemeinschaft. Alle Beteiligten tragen sich gegenseitig.” Sagt sie und ergänzt: “Mir hilft ein gut aufgelegter Schauspielpartner. Ich nehme die Mimik, die Reaktionen auf, gehe mit… so kommen die wahren Gefühle im Film zustande!”
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Der Anfang

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Schon in Susens frühester Kindheit, irgendwo auf dem Land zwischen Thüringens Metropolen Erfurt und Weimar, gab es überhaupt kein Vertun, wo ihre Reise beruflich mal hingeht. “Im Alter von zwei, drei Jahren tanzte ich auf Geburtstagen, verkleidete mich, spielte Bastian Pastewkas Brisko Schneider oder Anke Engelkes Figuren nach. Ich rief ‘macht mal Platz!’ und stürmte beispielsweise im Urlaub auf alle möglichen Bühnen. Im Schultheater war ich dabei und liebte es, die Leute zum Lachen zu bringen und für mich zu begeistern”, blickt sie zurück – und die Stimme der jungen Frau klingt dabei ein bisschen so als sei sie wieder das Mädchen von einst. Ein bisschen.
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“So früh ein Kind überhaupt wissen kann, dass Schauspielerin ein Beruf ist, dass also Menschen da im Fernsehgerät oder auf der Bühne einfach nur das Erleben anderer Menschen spielen, war mir das klar”, plaudert Susen munter weiter, “ich schrieb Gedichte und Songtexte und wusste spätestens mit vier oder fünf Jahren, dass ich mal Tänzerin, Sängerin oder Schauspielerin werde. Auch alle um mich herum sahen das so. Ein Bürojob war für mich definitiv nichts!”
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 Realität und Traum

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Susen, Foto © Theo Retisch – VoThoGraf

Susen, Foto:
© Theo Retisch – VoThoGraf

Inzwischen ist  die sportliche, aktive Frau längst im Berufsleben der Schauspielerin, Synchronschauspielerin und Sprecherin angekommen, baut darüber hinaus ihre Prinzessinnenagentur auf. Wer sie im entsprechenden Moment erwischt, lernt eine Person kennen, die mit viel Wirklichkeitssinn, Ernsthaftigkeit, mit Bedacht und Engagement durchs Leben schreitet.

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Ist noch Platz geblieben für Träume? “Ich träume gerne”, lässt Susen keinen Zweifel, bestätigt gleichwohl nochmal ihren innewohnenden Realismus, um dann die Frage konkreter zu beantworten: “Ich träume sowohl die Nacht- als auch die Tagträume sehr gerne. Letztere jedoch nicht mit Scheuklappen.” Da ist sie wieder, die sachlich nüchterne Realistin. Für eine Sekunde nur.
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“Beispielsweise wie Angelina Jolie (übrigens eine Schauspielerin, der ich glaube) damals in ‘Lara Croft: Tomb Raider’ mitzumischen, das ist ein Schauspielerinnentraum”, verrät sie, “oder in ARD beziehungsweise ZDF Märchenfilmen, die zu Weihnachten ausgestrahlt werden… oder überhaupt alles mit Action oder Kampf wie bei Indiana Jones… mit Zukunftsvisionen… einfach nur die Powerfrau… natürlich in hochwertigen Formaten.”
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Bei aller Geradlinigkeit in der Entwicklung, bei aller Anerkennung vor dem was sie tut, bei aller Sympathie für ihre nachvollziehbaren Träume – aus 100 Prozent “Sommer, Sonne, Cabrio” besteht das Leben der Susen Ermich nicht. Auch sie hatte die Momente, Tage und Wochen, in denen sie sich zurück zog und – wie sie sagt – “unter emotionalem Druck” stand. Der Grund: Die genetisch bedingte Krankheit Hyperhidrose, eine übermäßige Schweißproduktion, die generalisiert oder lokal auftreten kann.
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Darunter leiden cirka ein bis zwei Prozent der Menschen in Deutschland (also um eine Millonen). Der Körper produziert unabhängig von Wärme oder Kälte, Tages- oder Jahreszeit, übermäßig und unkontrollierbar viel Schweiß. Meistens an den Handflächen, Fußsohlen oder in den Achselhöhlen, aber auch am Kopf.
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Susen entschied sich irgendwann für die Ultima Ratio bei palmarer Hyperhidrose, die operative thorakale Sympathektomie. “Diese Operation ist bei mir komplett nach hinten los gegangen”, konstatiert sie im Nachhinein. “Obwohl ich gut im Kaschieren bin”, gibt sie Einblicke in ihre diesbezüglichen Gedanken und Gefühle, “hat mir das alles den Boden unter den Füßen weggezogen, zeitweise zog ich mich zurück (um das Jahr 2015 herum). Den Kopf in den Sand stecken war allerdings nie meine Art. Auch das bin nun mal ich!”
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Die junge Frau geht, so ist sie nun mal, inzwischen offen mit der Hyperhidrose um, verschweigt sie nicht, bestreitet sie schon mal gar nicht, trägt sie aber auch nicht zu Markte. Verständlicherweise. “Mittlerweile wissen es viele, die mit mir arbeiten, und gehen professionell entspannt damit um”, erkennt sie an. Susen wünscht sich, dass mehr Menschen über diese Krankheit informiert sind – nicht nur oberflächlich – und die Betroffenen inklusive deren Umfeld frei damit umgehen und im Alltag klar kommen.

Susen Ermich, Heiko Küssner Photography

Susen Ermich,
Heiko Küssner Photography

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Momente

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Für einen Moment erschien es, als prallten da in einer Person zwei totale Gegensätze aufeinander. Für einen klitzekleinen Moment nur. Beim genauen Betrachten, beim wirklichen Zuhören indes geschieht das, was immer geschieht. Ein Mensch taucht auf, eine junge Frau, die frei ist von dieser und jener Schublade, die nicht zwischen den Klischees wechselt, die einfach nur ist. Frei ist. Susen.
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JJ.
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Foto Startseite: Lutz Stellmacher
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