Leichter gesagt als getan

.
Katrin Albsteiger im Deutschen Bundestag, Foto Achim Melde

Katrin Albsteiger im Deutschen Bundestag, Foto Achim Melde

Katrin Albsteiger studierte von 2003 bis 2008 an der Universität Augsburg sowie an der australischen University of Adelaide Politik mit Nebenfach Volkswirtschaft und war von 2013 bis 2017 im Deutschen Bundestag für die CSU aktiv. Sie engagiert sich in der Jungen Union Deutschlands sowie auf kommunaler Ebene im Stadtrat und Kreistag von Neu-Ulm sowie in ihrer Partei.

.Meine Neugier erweckte die junge Frau und Mutter, als ich las, dass sie auch mal anders abstimmt oder sich anders verhält als von der Parteiführung erwartet. Deshalb fragte ich mal eben nach. Auch zu anderen Themen und Entwicklungen.
..
Und wenngleich Katrin sicherlich gerade andere Prioritäten gesetzt hatte (Mutterschutz), antwortete sie gerne, auch wenn es (von mir ungewollt) mal knifflig wurde. Hier und jetzt:

“… das ist eindeutig die schwierigste Frage im bisherigen Interview…”

.

JJ: Katrin, haben Sie jetzt, durch die Zeit im Mutterschutz, Muße, die politischen Geschehnisse mit entspannter Gelassenheit zu betrachten, oder fiebern, diskutieren, beobachten Sie ungebremst weiter?
 .
Katrin Albsteiger: Ich habe die letzten Jahre viel Zeit in die Politik investiert. Leider kommt da die Zeit für Familie oft zu kurz. Deshalb bin ich froh, dass ich mich jetzt – auch nach dem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag – mehr meinen Kindern und meinem Mann widmen kann. Das macht mich sehr glücklich und zufrieden – deshalb kann ich mich auch mal politisch zurücklehnen und alles aus der zweiten Reihe beobachten. Es kommen vielleicht auch mal wieder andere Zeiten.
 .

JJ: Waren Sie in Ihrer Kindheit schon politisch interessiert, haben beizeiten unter den Kids vermittelt, Regeln etabliert, waren Schülervertreterin?

Katrin Albsteiger, Foto Matthias Schmiedel

Katrin Albsteiger,
Foto Matthias Schmiedel

 .
Katrin Albsteiger: Mit 15 Jahren wurde ich Schülersprecherin. In dieser Zeit habe ich Spaß daran gefunden, mich für andere einzusetzen und habe gelernt, wie man Ziele in Debatten am besten durchsetzen kann. Offen gestanden habe ich auch gelernt mit Enttäuschungen umzugehen, dass ohne verlässliche Mitstreiter gar nichts geht und dass oft ein langer Atem notwendig ist – alles Dinge, die in der Politik nicht schaden können.
 .
JJ: Wann kam in Ihnen das Interesse oder der Wunsch auf, im politischen Geschäft, egal ob lokal, regional oder bundesweit, mitzumischen?
 .
Katrin Albsteiger: Ich wurde durch die Einführung des achtjährigen Gymnasiums in Bayern politisiert. Damals – und auch heute – fand ich diese Reform falsch. Mit dem Einsatz für meine Überzeugung kamen auch Mitstreiter, spannende Diskussionen, Aktionen und Treffen. Und schließlich kommt mit dem Spaß an der Sache dann auch der Wunsch weiterzumachen.
 .
JJ: In meiner Wahrnehmung wird von den einzelnen Bürgern beziehungsweise Familien zu viel auf die Politik, vor allem auch den Rechtsstaat, abgewälzt. Ich fände es besser, wir alle würden uns unserer persönlichen Verantwortung mehr stellen – beispielsweise die Erziehung der Kinder weniger auf Schule und Ämter abwälzen und mehr selbst Moral und Werte vorleben – oder statt wegen jeder Kleinigkeit zum Gericht oder Anwalt rennen, mal selbst zum Nachbarn gehen und vernünftig und verständnisvoll mit ihm reden. Wie sehen Sie das (von beiden Seiten, maßt sich der Staat vielleicht zu viel an, wälzen wir zu viel ab)?
 .
Katrin Albsteiger: Das sehe ich ganz genauso. Eigenverantwortung ist eine wichtige Sache – nur mit der Verantwortung werden wir auch die Freiheit haben, unsere Entscheidungen selbst zu treffen. Und überhaupt darf in einem Zeitalter der kurzen Tweets übers Internet auch mal gerne mehr persönlich gesprochen werden – so lassen sich Konflikte eher vermeiden.
 .
JJ: Warum sind Sie Mitglied der CSU geworden, Katrin, welche Werte haben Sie und diese Partei gemeinsam?
Katrin Albsteiger: Glaube ist für mich eine wichtige Sache. Er gibt mir ein Wertefundament, das mir auch in meinem Elternhaus vorgelebt worden ist. Die CSU vertritt dieses Wertegerüst ebenfalls, deshalb fühle ich mich hier wohl und es dient mir als Basis für meine politischen Entscheidungen. Die Nächstenliebe, die besondere Bedeutung der Familie, die Unterstützung für Schwächere in unserer Gesellschaft, den festen Glauben an eine bessere Welt, aber auch das Einfordern von der bereits angesprochenen Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft und von Einsatz eint mich mit der Partei.
 ..

JJ: Und ein wenig mit der Frage verknüpft, was ist christlich und was ist sozial an der CSU?

Katrin Albsteiger; Foto Matthias Schmiedel

Katrin Albsteiger;
Foto Matthias Schmiedel

.
Katrin Albsteiger: Siehe vorherige Antwort.
 .
JJ: Auf dem CSU-Parteitag 2010 engagierten Sie sich gegen die von der Parteiführung angestrebte Frauenquote und Sie waren im Mai 2014 die einzige Abgeordnete der CSU, die gegen das Rentenpaket der Bundesregierung stimmte, Katrin. Das macht Sie mir sehr sympathisch, da ich auch mal in einer Partei einer der ganz, ganz wenigen Gegenstimmer war. Sind Sie eine Rebellin oder einfach nur ehrlich und konsequent?
.
Katrin Albsteiger: Ich sehe mich selbst nicht als Rebellin und ich will es auch nicht sein. Als Rebell in der Politik ist man nur selten so durchsetzungsstark, dass es langfristig trägt. Aber ich versuche meine Überzeugungen zu vertreten und mich nicht selbst zu verraten. Das ist ehrlich gesagt leichter gesagt als getan.
 .
JJ: Als einige Ihrer politischen Schwerpunkte werden Bildung und Hochschulpolitik genannt (Wikipedia). Falls Sie das auch so sehen, nennen Sie bitte mal einige Beispiele, was in der Bildung unbedingt angepackt werden muss und auch realistisch möglich ist.
.
Katrin Albsteiger: Bei der Digitalisierung hinken wir aus meiner Sicht deutlich hinterher. Das soll nicht heißen, dass wir allen Kindern nur noch ein Tablet in die Hand drücken und dann ist alles gut. Aber gerade bei der Vermittlung von Bildungsinhalten sollten die digitalen Möglichkeiten genutzt werden und auch der richtige Umgang mit digitalen Medien, sowie die Bildung über Gefahren im Netz und Datenschutz sind wichtig.
 .
Und wie so oft, geht es auch in der Bildung um Geld, Geld, Geld. Um auch einmal die Bildungspolitik an Hochschulen in den Blick zu nehmen: Hier müssten noch viel mehr Mittel für Forschung in die Hand genommen und die Vernetzung zwischen Hochschulen und Wirtschaft gestärkt werden. Die Innovationsfähigkeit unseres Landes wird über die Zukunft Deutschlands entscheiden.
 .
JJ: Katrin, einerseits genießen Politiker unter vielen Menschen eine hohe Akzeptanz und Wertschätzung, gleichwohl indes geht mit diesem Berufsstand nicht unbedingt die Assoziation mit Ehrlichkeit einher. Wären ehrliche Worte an das Volk tatsächlich manchmal kontraproduktiv bis gefährlich (Bundesinnenminister Thomas de Maizière: “Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern”) oder sollte Ehrlichkeit ein Dogma in Politik und der gesamten Gesellschaft sein, an dem nicht gerüttelt wird? Was meinen Sie?
.
Katrin Albsteiger: Wenn die Alternative zur Ehrlichkeit die Unehrlichkeit wäre, dann sollte die Politik immer und uneingeschränkt die Ehrlichkeit wählen. Ich musste aber leider feststellen, dass die Themen heute meist so komplex sind, dass ehrliche Antworten nicht immer die richtigen, korrekten Antworten sind. Ich finde, Aufrichtigkeit sollte der Begriff sein, der mehr aussagt und auch moralisch die richtige Antwort ist – egal ob in der Politik oder in allen anderen Bereichen.
 .
JJ: Immer wenn Bundestagswahl ist, rätsele ich. Ich möchte eine (über fünf Prozent) Partei wählen, die (unter anderem, aber sehr wichtig) Friedenspolitik betreibt und den Tierschutz voran bringt. Die Grünen haben sich beides auf die Fahnen geschrieben, machen beides aber eher halbherzig, stimmen beispielsweise immer wieder für Waffenlieferungen und Kriegseinsätze (offiziell Auslandseinsätze) ab; die Linken sind zwar die einzige Friedenspartei, Tierschutz ist ihnen aber unwichtig (und ich habe andere Gründe dagegen). Können Sie mir empfehlen, mal angenommen ich lebte in Bayern, das Kreuz bei der CSU zu setzen?
.
Katrin Albsteiger: Ich kann jedem empfehlen das Kreuz bei der CSU zu machen. Der Freistaat Bayern und seine Erfolgsgeschichte zeigt anschaulich, was möglich ist, wenn die CSU sich über Jahrzehnte hinweg durchsetzen kann. Kontinuität und die richtigen Ansätze, gepaart mit einem Volk, das fleißig ist, sich Ziele setzt und diese auch konsequent angeht, ist das Erfolgsrezept.
 .
JJ: Sie waren gerade mal drei Jahre alt, ich aber hatte meine wilde Zeit, Katrin, als im November 1986 Rio Reiser das Lied “König von Deutschland” sang. Unter anderem: “Ich würd’ die Krone täglich wechseln, würde zweimal baden. Würd’ die Lottozahlen eine Woche vorher sagen. Bei der Bundeswehr gäb’ es nur noch Hitparaden. Ich würd’ jeden Tag im Jahr Geburtstag haben.”
..
Und ich würde keine Kriege mehr führen (offiziell Auslandseinsätze), keine Waffen mehr liefern, keine Tiere mehr quälen, schon gar nicht massenhaft, ich würde die Bildung voran bringen und die Armut im eigenen Land abschaffen – alles realistisch. Was wären Ihre ersten drei realistischen Schritte als Königin? (nicht als Kanzlerin, weil da Mehrheiten und Kompromisse her müssen)
.
Katrin Albsteiger: Das ist eindeutig die schwierigste Frage im bisherigen Interview. Man kann ja oft schlecht aus seiner eigenen Haut und ich muss ständig daran denken, dass uneingeschränkte Entscheidungsbefugnis nicht bedeutet, dass man das Geld dazu hat und alles machbar wäre. Aber wenn ich drei Wünsche frei hätte, dann würde ich mir Frieden, Freiheit und Glückseeligkeit für unsere Welt und die Menschen, die darin leben, wünschen.
 .
JJ: Gibt oder gab es Politikerinnen oder Politiker, egal ob national oder international, die Sie sehr schätzen, vielleicht gar mit Vorbildcharakter?
.

Katrin Albsteiger: Ich war schon immer ein Stoiber-Fan. Davon abgesehen: Kennen Sie die US-Serie “The West Wing”? Präsident Bartlet, gespielt von Martin Sheen, ist der Politikertypus, von dem ich mir mehr in der Politik wünsche.

Katrin Albsteiger, Foto von Matthias Schmiedel

Katrin Albsteiger,
Foto von Matthias Schmiedel

 .
JJ: Katrin, auf Ihrer Webseite schreiben Sie, es war kein Abschied, als Sie im letzten Jahr den Bundestag verließen. Wie gehts weiter, was planen Sie kurz,- mittel- und langfristig, was Ihre politische Karriere anbelangt?
.
Katrin Albsteiger: Ich bin zwar nicht mehr Bundestagsabgeordnete, aber als CSU-Listenabgeordnete rechnet man sowieso nicht damit, im Parlament alt zu werden. Mit Leib und Seele bin ich Kommunalpolitikerin und möchte mich auch weiterhin im Stadtrat und Kreistag von Neu-Ulm einbringen. Und dann gilt wie immer im Leben: Sag niemals nie.
JJ: Vielen Dank und viel Spaß.
 .
 .
Foto Startseite: Matthias Schmiedel
.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*