Im Augenblick sein

 

Jessica Kosmalla, Foto von Steffi Henn

Jessica Kosmalla,
Foto von Steffi Henn

Jessica Kosmalla arbeitet seit 35 Jahren als Schauspielerin. Ein idealer Zeitpunkt, zurück zu schauen? Nicht für die 1,61m große Frau mit den grünen Augen! „Es gibt unzählig viele Bühnenfiguren, die von mir noch nicht interpretiert wurden“, blickt sie nach vorne, „und im Fernsehen würde ich gerne wieder in einer historischen Produktion mitwirken.“

 

„Die Neugierde treibt mich an“

 

JJ: Jessica, Sie haben sowohl auf der Bühne schon die verschiedensten Rollen gespielt, beispielsweise die Daja in „Nathan der Weise“ oder die Frau von Pelz in „Das Tagebuch der Anne Frank“ – jeweils am Ernst Deutsch Theater in Hamburg sowie gerade die Toinette in „Der eingebildete Kranke“ abgespielt – und Sie haben in beinahe allen Fernsehserien mitgemischt, die in Deutschland Rang und Namen besitzen – Soko, Wilsberg, Heiter bis tödlich, Polizeiruf, Tatort, Der Alte, Derrick… und, und, und… Gibt es irgendeine Figur, ein Format, das Sie noch so richtig reizt? Sind Träume übrig? Was treibt Sie nach wie vor an?

Jessica Kosmalla: Das klingt ein wenig so, als wäre ich schon berufsmüde. Das Gegenteil ist der Fall – es gibt noch unzählig viele Bühnenfiguren, die von mir noch nicht interpretiert wurden und im Fernsehen würde ich gerne wieder in einer historischen Produktion mitwirken.

Als junge Schauspielerin hatte ich viele Gelegenheiten, ob in der Schubert Trilogie „Mit meinen heißen Tränen“ oder in der Stefan Zweig Verfilmung „Leporella“oder in dem Nachkriegsepos „Schön war die Zeit“. Gerne davon mehr. Im Leben, wie als Schauspielerin, ist es schlichtweg die Neugierde, die mich antreibt und der ungestillte Hunger, mich mit kreativen Menschen einzulassen, die mich weiter bringen.

JJ: Gehen wir jetzt mal auf Anfang: Hat sich schon beizeiten, in Ihrer Kindheit, abgezeichnet, wohin die Reise beruflich geht?

Jessica: O.K. „Alles auf Anfang“ klingt wie am Set.

Mit dem Theater bin ich schon von Kindesbeinen in Berührung gekommen. Schließlich stammme ich aus einer Schauspielerfamilie.

Jessica Kosmalla; fotografiert von Steffi Henn

Jessica Kosmalla; fotografiert von Steffi Henn

JJ: Wann war Ihnen klar, Schauspielerin ist ein Beruf – und wann, es ist Ihr Beruf?

Jessica: In der Abizeitung ist noch zu lesen, dass ich ganz klar wusste, was ich wollte: Schauspielerin werden und eine Kinderschar so groß wie eine halbe Fußballmannschaft. Am Ende ist es bei einem geblieben.

JJ: Sie haben 1983 ein Schauspielstudium am Mozarteum in Salzburg abschlossen, absolvierten zudem eine klassische Ballettausbildung, Jessica. Mit welchen Gefühlen denken Sie an die Zeit zurück? Und: Ist es aus Ihrer ganz persönlichen Sicht förderlich, als Schauspielerin tanzen und als Tänzerin schauspielern zu können?

Jessica: Es war eine wunderbare, aufregende Zeit. In Salzburg an einer der renommierten Schauspielschulen von hunderten Bewerbern ausgewählt zu werden – der Herzenswunsch ging in Erfüllung, es entstanden Freundschaften fürs Leben. Eine großartige Zeit.

Tanz und Schauspiel erfordern beide enorme Disziplin und Ausdauer. Es ist sicher von Vorteil, wenn man sich als Frau anmutig bewegen kann. Aber ich erinnere mich an Kollegen, die zwei linke Füße hatten und dennoch ihren Weg gingen.

JJ: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie vor der Kamera stehen und der Regisseur sagt „Bitte“ (oder wenn Sie hinter der Bühne stehen und Sie hören Ihr Stichwort), also genau in jenen Momenten, in denen Sie in einer Rolle sein müssen? Wie viel Rolle sind Sie, wie viel Jessica?

Jessica: Bühne und Film erfordern äußerste Konzentration. Ich liebe es, ganz bewusst im Augenblick zu sein, nicht an die Vergangenheit oder Zukunft zu denken. Im besten Fall fühlt es sich an wie surfen.

Um so weiter entfernt eine Figur von mir ist, desto interessanter. Dennoch kann ich ja nicht aus meiner Haut fahren und bringe immer einen Teil meiner Persönlichkeit mit ein.

JJ: Welche Bedeutung haben für Sie eine gewisse Erfahrung sowie Routine? Gehen Sie heutzutage anders heran als vor einigen (wenigen) Jahren mit 20?

Jessica: Routine gilt gemein hin als Kreativbremse. Ich habe viele Rollen ensuite gespielt, das heißt jeden Tag über Wochen. Im besten Fall kann man durch die tägliche Arbeit eine Figur weiter entwickeln. Premieren sind letztlich nur Bestandsaufnahmen eines Arbeitsprozesses.

Jessica Kosmalla, Foto Steffi Henn

Jessica Kosmalla,
Foto Steffi Henn

Ich arbeite jetzt seit 35 Jahren als Schauspielerin und würde gerne mit der Erfahrung von heute noch mal 20 sein. Nein, im Ernst: So wie uns auf der Reise durch das Leben jede Erfahrung formt und weiter bringt, gilt dies auch für den Beruf. Heute weiß ich, was ich kann und bin dankbar, wenn ich auf gute Regisseure treffe, bin aber nicht mehr davon abhängig wie mit 20.

JJ: Jessica, welche Filme oder Bühnenstücke, welche Schauspielerinnen oder Schauspieler, egal ob national oder international, reißen Sie aus dem Sessel oder kleben Sie daran fest?

Jessica: Gena Rowlands, Jeanne Moreau oder Susan Sarandon – alle Schauspielerinnen, die nicht im klassischen Sinne als schön galten, immer aber unliebsame Frauen spielten, die Probleme haben. Als Schauspielerin ist dies deutlich interessanter, als nur hübsch zu sein.

JJ: Zu guter Letzt, weil ich mal eine Weile in Ihrer Geburtsstadt Bremerhaven lebte und dort einen Lieblingsplatz hatte: Haben Sie einen?

Jessica: Zu guter Letzt muss ich Sie enttäuschen. Aus Bremerhaven zogen wir weg als ich zwei Jahre alt war. Meine Erinnerungen halten sich deswegen in Grenzen.

Heute ist Hamburg die Stadt meines Herzens, rund um die Alster. Insbesondere wenn die Sonne lacht, so wie heute.

JJ: Danke.

Weitere Informationen: Jessicas Profil auf der Agenturseite

Foto Startseite: Steffi Henn

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