Anna packt was drauf

Anna Gamburg , fotografiert von Claudia Engl

Anna, fotografiert von Claudia Engl

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Verdammt gut, sich mit einer professionellen Sprecherin zu unterhalten. Zum Beispiel mal eben mit Anna Gamburg.

Das, was wir beim Schreiben die Leertaste nennen, setzt sie auch beim Reden zwischen zwei Wörter. Ebenso Punkte und Kommas in Gestalt von klitzekleinen, aber signifikanten Päuschen.

 

sprechen, moderieren…

 

“Dass ich Sprecherin wurde, ist kein Zufall. Ich wollte das”, erzählt sie und holt etwas aus: “Als Kind schon habe ich viel gesungen und geredet. Auch im Opernhaus mitgespielt und auf Bühnen gestanden. Das hat Spaß gemacht…”
Ein Beruf in der künstlerischen Richtung indes stand für sie, in ihrer Familie, zunächst nicht zur Debatte. Anna studierte an der Newcastle University in England Medien- und Kulturwissenschaften und absolvierte jeweils ein Erasmus-Halbjahr in Frankreich und Spanien. Erste Erfahrungen sammelte sie als Praktikantin beim Radio und moderierte – zurück in good old Germany – eine Radio Morning-Show in Hannover.

“Seitdem verdiene ich mit Reden Geld”, freut sich die junge 1,52m Frau mit den braunen Augen, ohne sich auf dem Status irgendwann ausgeruht zu haben. Sie nahm privaten Unterricht in Sprechtechniken oder bildete sich in verschiedenen Workshops für Mikrophonsprechen weiter. Unter anderem.

Anna; Foto Claudia Engl

Anna; Foto Claudia Engl

Während dieser Radiotätigkeit besann sich Anna zurück auf die Zeiten als Kind. Beim Schauspielunterricht an der “Tankstelle” in Berlin passierte es dann endgültig. “Ich habe etwas wieder entdeckt, den einst kindlichen Spaß am Schlüpfen in Rollen”, spricht sie gelassen aus, was ihr viel bedeutet und sie umtreibt:

“Irgendwo in mir drin fühle ich mich berufen, als Schauspielerin, Sprecherin und insgesamt Künstlerin zu arbeiten, aber das Gefühl der vollwertigen Schauspielerin ist noch nicht da. Denjenigen mit Schauspielabschluss gegenüber wähne ich mich zwar im Nachteil, aber ich glaube, dass ich das aufholen werde. Das, was mir wirklich fehlt, ist Erfahrung, finde ich.”

 

schauspielen…

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Steht Anna Gamburg vor einer Kamera, bereit in eine Figur hinein zu versinken, hat sie jene entscheidenden Momente schon vorher kreiert. “Was ist bis dahin passiert? Was will ich ausdrücken?” Diese Fragen stellt sich die mittlerweile Berlinerin vorab und ergänzt: “Ich vergesse, was um mich rum los ist, bin im Moment.” Und sie unterstreicht: “Ich reagiere auf den Schauspielpartner!”

Dabei bleibt sie letztlich sie selbst: “Alles was ich wie spiele, basiert auf mir”, rückt sie die Frage zurecht, ob sie irgendwie am Set neben sich steht, beobachtet und steuert, “wenn ich zum Beispiel eine taffe Kommissarin spiele, die jemand anschreit, entspricht das nicht meinem Wesen. Das muss ich drauf packen. Anna steht also nicht neben sich, sondern steckt drin!”

Was sie am Schauspiel – unter anderem – besonders interessiert und fasziniert, ist die Improvisation. “Die Fantasie kennt keine Grenzen”, beginnt sie zu schwärmen, “jedes Mal gehe ich zum Improvisationstheater-Training mit neuer Spannung darauf, alles machen und alle spielen zu können, jeder strebt in seine Richtung, um dann gemeinsam auf einen Nenner zu kommen. Wenn wir in diesem Rahmen zu Übungszwecken wie die Kinder lachen, ist das sehr befreiend.”

Anna Gamburg, fotografiert von Claudia Engl

Anna Gamburg, fotografiert von Claudia Engl

So nimmt es nicht wunder, dass Annas Wunsch oder Traum ist, “mal in einem Film zu spielen, in dem viel improvisiert wird”. Sie nennt als Beispiel das Kriminaldrama “Victoria” von Regisseur Sebastian Schipper aus dem Jahr 2015, das aus einer einzigen 140minütigen Kameraeinstellung besteht.

“Der Streifen hat mich extrem beeindruckt und ich liebe die Authentizität darin! Das hat nicht unbedingt mit der Rolle zu tun, in dem Format kann man jede mögliche Rolle spielen. Mich fasziniert total, dass in so einem Format so viel Freiheit steckt und so viele unerwartete Momente passieren können”, konstatiert die begeisterte Zuschauerin.

 

“sieben auf einen Streich…”

 

In ihrem Beruf als Synchronsprecherin, den Anna Gamburg seit drei Jahren ausübt, liebt sie außer dem Umgang mit Stimme und Sprache, dass sie “an einem Tag die gesamte Palette von Möglichkeiten abgrasen kann – piepselig, taff, das junge Mädel…” Sie erinnert sich an sieben auf einen Streich: “Ich habe mal sieben verschiedene Rollen an einem Tag gesprochen. Das waren 14 Stunden im Studio – und nie langweilig.”

Bei der Herausforderung, ohne die optischen Mittel wie Mimik und Gestik und lediglich mit der Stimme in Emotionen hinein zu finden, hilft dem Synchronprofi, “zu lesen, was vor der Situation geredet oder gefragt wurde, diese Frage spreche ich mir oft laut vor”. Dann hieße es nur noch “Vorstellungskraft zeigen, loslassen, aus mir raus gehen und in die Figur komplett hinein. Egal ob Trauer, wohl fühlen, Geburt, Vergewaltigung…”

Anna Gamburg, fotografiert von Claudia Engl

Anna Gamburg, fotografiert von Claudia Engl

In diesem Job hat Anna große Lust darauf, einen Pixar-Film zu synchronisieren. “Wegen der tollen Ideen, die umgesetzt werden, der grenzenlosen Fantasie”, zeigt sie sich hingerissen, “wenn alles Kopf steht”.

 

spielen… leben…

 

Den Unterschied zwischen den beiden Berufsfeldern Schauspiel und Synchron sieht die junge Frau, die neben ihren Muttersprachen Deutsch und Russisch auch noch akzentfrei Englisch, sehr gut Spanisch und Französisch sowie gut Portugiesisch beherrscht, zunächst mal in einer ähnlichen Ausgangslage, die sich spaltet in eine andere Auseinandersetzung und Tiefe. “Synchron spielt man, Schauspiel lebt man”, bringt sie das Ganze auf den Punkt.

Genug sein lässt es die Fleißbiene mit den drei bereits genannten Betätigungsfeldern indes noch lange nicht. Sie sprach und spricht für Auftraggeber wie Volkswagen, Fanta, die Bundesagentur für Arbeit, OTTO oder Edeka (und viele andere) Werbetexte. “Der Reiz liegt hier in der Detailarbeit”, weiß sie, “oft ist eine ganze Stunde Zeit für nur zwei, drei Sätze, die auf den Punkt stimmig sein müssen. Wir arbeiten an winzigen Kleinigkeiten. Das kann nervig sein und zugleich Spaß machen.”

In der nächsten Zeit möchte sich Anna intensiv dem Schauspiel widmen, also dem mit Mimik, Gestik, dem mit den optischen Eindrücken und Darstellungsformen neben den akustischen. Sie möchte ausprobieren, Verschiedenes spielen, Variation, Abwechslung… Was sie nicht will, ist “immer nur mich selbst spielen”.

Anna Gamburg, fotografiert von Claudia Engl

Anna Gamburg, fotografiert von Claudia Engl

Für mich war es, um auf den Beginn dieses kleinen Textes zurück zu kommen, verdammt gut, mit einer Sprecherin zu sprechen. Ihr zuzuhören. Die Wörter mit den klitzekleinen, aber signifikanten Päuschen dazwischen zu verstehen. Und vor allem den Sinn dahinter. Lust, Anna demnächst auch dabei zu sehen, wie sie in einer Rolle versinkt und authentisch unerwartete Wendungen aus dem Leben präsentiert, habe ich dabei allemal bekommen.

JJ

Weitere Informationen: Annas Webseite

Foto Startseite: Claudia Engl

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