Ausbrechen aus dem Standard

 

Kathrin-Marén Enders hat an mehreren Theatern zahlreiche Rollen verkörpert. In Stücken wie Wallenstein, Mutter Courage, Romeo und Julia, Jedermann, Der Widerspenstigen Zähmung, und, und, und… Auch in Film und Fernsehen mischte sie kräftig mit, beispielsweise bei Männertreu, Ein Fall für zwei, Taunuskrimi, Tatort. Und das Spiel geht weiter…

 Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Zudem ist sie Staatlich geprüfte Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache und arbeitet in dem Beruf. Und manchmal verknüpfen sich beide Jobs zu einem Glücksfall.

Das und vieles andere erzählt uns die 1,71m goße Frau mit den braunen Augen selbst. Hier. Jetzt:

 

„Niemals würden wir uns in den leeren Raum stellen und für uns selber spielen“

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JJ: Kathrin-Marén, gehen wir doch gleich in die Vollen: Was ist für Sie die Faszination Schauspiel?

Kathrin-Marén: Zuerst kann ich diese Konvention bestätigen, diese Lust am Schlüpfen in andere Rollen. Es macht tatsächlich eine große Faszination diese Berufes aus, dass man verschiedenste Charaktere, Gefühle, Situationen ausprobiert und sie auslebt. Solche, die man im alltäglichen Leben nicht ausleben kann, will oder auch darf.

Natürlich machen auch, gerade auf der Bühne, das Publikum, die Atmosphäre… Bühne… Licht… Zuschauer… unglaublich viel aus. Ich sage immer: Wir als Schauspieler brauchen unser Publikum! Niemals würden wir uns in den leeren Raum stellen und für uns selber spielen.

Natürlich wollen wir beklatscht werden, den Jubel hören, die Bestätigung. Auch während wir spielen, möchten wir die Reaktionen spüren. Das treibt uns an.

Seit ich meinen zweiten Beruf als Gebärdensprachendolmetscherin ausübe, mit dem ich mein Brot verdiene, merke ich, dass es mich weiter zur Schauspielerei zieht. So wirklich in Worte kann ich das gar nicht fassen; es ist tatsächlich ein innerer Drang, der mich nicht los lässt. Dieses Glück zu spielen, die Glückshormone, die ausgestoßen werden, das ist ganz wichtig.

JJ: Es gibt Filme, die habe ich in den 80er Jahren gesehen und denke heute noch daran und bin heute noch geflasht. Und es gibt Filme, die sehe ich jetzt und vergesse sie jetzt. Kennen Sie das auch – und was macht einen Film aus, der Sie von Lach- in Weinkrampf treibt oder vom Sessel reißt?

Kathrin-Marén: Natürlich kenne ich das auch, dass mich Filme unglaublich mitreißen – in beide Richtungen. Lachend und weinend. Ich habe eine sehr laute Lache und falle damit öfter mal unangenehm auf im Kino, weil ich mich da gar nicht zurückhalten möchte.

 Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Einen Film, lustigerweise die „Nackte Kanone, Teil 1“, habe ich komplett durchgelacht. Ich weiß nicht warum, damals fand ich ihn unglaublich witzig.

Natürlich auch das Gegenteil, dass ich TEMPO-weise weine, mich da rein fallen lasse, wenn etwas sehr traurig oder tragisch ist. Der Film muss gut gespielt sein, so dass ich es glaube, mich mitreißen lasse, in die Situation hinein versetzen kann. Dramaturgie, Regie und Spiel sollten stimmen, dass ich da sitze wie jede andere und alles für bare Münze halte und mit leide. Das ist dann ein schönes Erlebnis.

JJ: Gibt es Schauspielerinnen oder Schauspieler, die Sie gerne auf dem Bildschirm, der Leinwand oder der Bühne sehen, Kathrin-Marén?

Kathrin-Marén: Konkrete Namen zu sagen finde ich sehr schwierig. Es gibt sehr viele Schauspieler, die ich bewundere oder ich staune einfach nur, wie toll sie sind! Ich möchte niemand vergessen oder müsste mich einige Tage hinsetzen und alle aufschreiben. Und hätte immer noch einige vergessen.

Wenn es unbedingt einige Namen sein sollen, dann fällt mir natürlich Meryl Streep ein. Diese Frau ist einfach grandios.

Es gibt Filme oder gewisse Szenen, da denke ich ‚boaaah‘, war das super. Gerade fällt mir Emma Stone ein in „Birdman“, da gibt es eine Szene, einen Schnitt, das spielt sie wirklich großartig.

Ich muss auch sagen, beispielsweise Anne Hathaway in „Les Misérables“, wie sie das Lied „I Dreamed a Dream“ interpretiert, einfach grandios. So gibt es unzählige Situationen…

Bei deutschen Schauspielern muss ich ebenso lange überlegen, da gibt es zum Beispiel Wolfram Koch, er war am Frankfurter Schauspielhaus und ist ein Schauspieler meiner Jugend. Ihn habe ich sehr verehrt. Mittlerweile ist er Tatortkommissar – hehee..

Es gibt sie also. Und ich freue mich immer wieder an ganz tollen Schauspielerleistungen.

JJ: Wie weit schlüpfen Sie selbst in eine Rolle; komplett, so weit, dass Sie sich selbst noch steuern können…? Wann beginnen Sie mit dem Prozess und wie schnell sind Sie raus?

Kathrin-Marén: Da gibt es die verschiedensten Techniken und beinahe schon Religionen in der Schauspielerei. Ich war nie jemand, der sich komplett in der Rolle verloren hat. Ich denke, das grenzt dann schon an einer Psychose, wenn man glaubt, wirklich eine Figur zu sein. Das, so finde ich, gehört nicht mehr zum Handwerk.

Ich muss auf einer Bühne wissen, dass, wenn ich mich mit jemandem streite oder kämpfe, ihn nicht wirklich schlage. Schauspielerei bleibt ein Handwerk! Gerne wird das von überambitionierten Jungschauspielern, zu denen ich auch mal zählte, vergessen. Ich erinnere mich da an die große Diskussion, die damals nächtelang unter uns stattfand.

 Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Ich habe verschiedene Techniken, die ich einsetze, lerne immer wieder Neues. Gerade war ich bei einem Workshop von Ivana Chubbuck aus den USA, die eine ganz interessante Methode hat.

Ich weiß immernoch, dass ich auf einer Bühne stehe. Ich weiß immernoch, dass ich vor einer Kamera stehe. Das muss ich auch wissen, sonst würde ich falsch schauen, aus der Kamera herauslaufen… und ich weiß immernoch, dass ich eine Schauspielerin bin.

Trotzdem kann ich Wut empfinden, richtige Trauer, richtige Freude. Das geht, das ist der Job.

Beim Dreh muss ich schnell schauen, wie ich das abrufe, da ist noch mehr Technik gefragt. Man wird unterbrochen, hat Wartezeit; manchmal klappt es besser, manchmal nicht so gut. So ist das nun mal. Wir sind keine Maschinen 😉

Bei einer Aufführung (Theater) hat es sich über die Jahre so eingespielt, dass ich mich zehn… 15 Minuten vorher einstimme auf die Rolle, die Situation. Ich gehe vorher den Text nochmal durch. Dann passiert es wie von selbst, sobald ich auf die Bühne trete oder im Kostüm bin, in der Maske, im Licht stehe; dann ist alles, was wir geprobt haben, wieder da.

Nach der Aufführung, sobald der Applaus anfängt, oder nach dem Dreh das „Danke“ ertönt, bin ich schnell wieder raus. Ich leide da nicht stundenlang nach. Vielleicht wühlt es, wenn es heftig war, ein bisschen nach. Aber auch hier ist es eine Technik, die gesund ist, danach zu sagen, jetzt ist es gut, das war die Rolle, meine Arbeit und jetzt bin ich wieder ich.

Eine Geschichte fällt mir noch ein: Ich kam zur Probe, war schlecht drauf, musste lustige Sachen spielen und war danach gut drauf. Das passt dann schon, wenn es sich ins Private überträgt. Zum Glück ist es andersrum nicht so schlimm. Und wenn doch, sind die Kollegen da.

JJ: Mit welchen Gedanken oder Gefühlen denken Sie an die Zeit an der Schauspielakademie für Theater & Film Burghausen zurück, war es auch eine verrückte Zeit?

Kathrin-Marén: Auf diese Zeit blicke ich mit seeehr gemischten Gefühlen zurück. Natürlich war es toll, ich hatte mich zum ersten Mal wirklich emanzipiert, da ich Schauspielerin werden wollte gegen den Willen beider Eltern – beide Beamte.

Mit jedem Jahr merkte ich, dass es der Beruf ist, den ich wirklich, wirklich machen möchte. Ich bin unbedarft, naiv ran gegangen und habe mit offenen Augen, Ohren und Armen geschöpft, geschöpft, geschöpft… Mir taten sich Welten auf, in dem Sinne war es eine unglaubliche Umbruchzeit.

 Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Gleichzeitig war ich sehr kritisch. Teilweise herrschte mit den Lehrern an der der Schule fast schon ein Gurutum. Ich finde sowas eher furchtbar, bin da nicht dabei.

Ich dachte, ich bin nicht die einzig Wahre, Beste, Tollste auf der Welt. Ich hielt mich nicht für die Schauspielerin, auf die ganz Deutschland wartete. Schon sehr früh war ich Realistin, was mich zwar nicht vor Enttäuschungen bewahrte, aber auch nicht umhaute, da mir vorher klar war, dass es nicht einfach wird.

Die Schule wurde seinerzeit neu gegründet, ich war erster Jahrgang, das hat auch Nachteile. Der Vorteil: Als erster und einziger Jahrgang gilt einem die gesamte Aufmerksamkeit. Der Nachteil: Es wird viel ausprobiert und irgendwelche Dinge klappen nicht. Insgesamt war es eine schöne Zeit. Gut, mal weg zu sein aus der Heimatstadt.

Einen Nachteil jedoch haben nun mal alle Privatschulen – es sind Privatschulen. Mit diesem Abschluss muss man mehr kämpfen am Anfang als Kollegen mit staatlichem Abschluss. Leider hängt es immer noch ein bisschen nach. Es gibt gewisse Kriterien, gerade bei Theaterbewerbungen, die dich auf dem Tisch lassen oder in den Papierkorb wandern. Und das nach 15… 20 Jahren.

Da müssen andere Dinge herausstechen. Wenn ich am Residenztheater, an den Kammerspielen, an anderen Stadttheatern war, dann rückt die Schule irgendwann in den Hintergrund. Wenn nicht… Aber gut, ich habe diese Privatschule gewählt, war an dieser Schule und sie hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

JJ: Wie lehrreich, wie wertvoll, war die Arbeit in Los Angeles mit M. K. Lewis, Allen Grey oder Margie Haber?

Kathrin-Marén: Dieser Workshop war sehr lehrreich, weil ich danach nach Hause kam und sagte: Ich will Schauspielerin werden! Auch wenn meine Eltern, wie erwähnt, nicht begeistert waren, es hat mich überzeugt, mir Mut gemacht, mir den letzten Anschub gegeben, den Weg zu gehen, den ich bis dahin nur ganz leicht gefühlt hatte.

Was die Amerikaner wirklich können, ist motivieren. Du kommst nach Hause und denkst: Okayyy, die Welt gehört mir, yeeaaa! Das hält zwar nicht so lange an, aber immerhin.

Es gibt Überzeugung, Motivation, ein Hype-Gefühl, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen; genau das haben mir diese Coaches gegeben. Und dann habe ich es durchgezogen, die Schauspielschule besucht und habe das einfach gemacht. Ohne den Workshop wahrscheinlich nicht.

JJ: Waren Ihre Engagements für Klassiker, die jeder kennt und die nach großer Kunst klingen, wie Romeo & Julia, König Lear oder Wallenstein auch für Sie persönlich Highlights?

Kathrin-Marén: Die Klassiker waren nicht unbedingt oder zwangsläufig die Highlights in meiner Karriere. Das ist unabhängig von den Stücken. Wenn ich über Highlights nachdenke, ist es eher die Inszenierung an sich, die Rolle, oder andere Umstände…

Bei „König Lear“, einem Klassiker, durfte ich einen Bösewicht spielen, deshalb war das für mich besonders, da ich meistens als die Nette besetzt wurde. „Wallenstein“ war eine schöne Arbeit, Highlight ist zu viel gesagt.

Eher schon trifft das auf die „Rocky Horror Show“ zu, weil ich da mal Musical gemacht habe – so richtig. Oder auch ein Hildegard Knef Abend – mit Gesang – war eine andere Herausforderung.

Highlights waren für mich eher Rollen oder Stücke, die einen Ausbruch aus dem Standard bedeuteten. Irgendwie hat jeder diesen Strandard, wir entsprechen Klischees, Figuren, für die wir meist besetzt werden. Es gibt nun mal so viele von uns Schauspielern, da fällt es leicht, typgerecht zu besetzen.

Ich wirke wohl nett und sympathisch und wurde meist so besetzt. Die Rolle, die dem nicht entsprach, war etwas Besonderes – eine Herausforderung. Ich muss andere Register ziehen, andere Techniken anwenden…

JJ: Schlummert ein Schauspielerinnentraum in Ihnen, Kathrin-Marén, wenn ja, welcher?

Kathrin-Marén: Ich hatte schon erwähnt, dass ich sehr realistisch bin. Es gibt viele Rollen, die ich gerne spielen würde. Realistisch ist, dass ich gerne weiter spielen möchte. Den Beruf weiter ausüben, das ist mein Traum!

Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Kathrin-Marén Enders, ®Foto von Thomas Leidig

Alleine das ist ein Geschenk. Ich sehe viele Kolleginnen und Kollegen, bei denen es nicht so ist. Auch ich habe große Lücken. Es ist super, dass ich meinen anderen Beruf habe, aber ich möchte weiter machen und der Schauspielberuf ist so von Glück, Zufall und dann auch noch Vitamin B geprägt, man hat nicht immer den ganz großen Einfluss darauf, besetzt zu werden oder nicht, deshalb ist es ein Glück, Rollen zu bekommen. Wenn es dann noch eine tolle ist, mit tollen Kollegen, eine schöne Arbeit – wooow. Das ist es!

JJ: Was liegt demnächst bei Ihnen an?

Kathrin-Marén: Dieses Glück habe ich gerade, beziehungsweise im Februar 2018. Eine Produktion mit einer tollen Regisseurin in Düsseldorf. Gemeinsam mit Kollegen werden wir das Stück entwickeln.

Hörende und gehörlose Kollegen. Ich habe also meine beiden Berufe miteinander verknüpft. Wir hatten eine ähnliche Arbeit letztes Jahr schon, die gut ankam. Jetzt eben wieder.

Mal schauen, wie es wird. Das Thema steht, alles andere wird sich zeigen. Da stimmt alles. Das macht Spaß, ich freue mich sehr darauf.

JJ: Danke.

Weitere Informationen: Webseite von Kathrin-Marén Enders

Foto Startseite: Thomas Leidig

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