Fokussiert auf den Moment

 

Die Schauspielerin Emily Schmeller mag die Schauspielerin Kate Winslet. Irgendwie sogar sehr. Selbst als ich augenzwinkernd vorgebe, mit der Wunschfee im Bunde zu sein, und ihr anbiete, in einem Film wie „Burlesque“ mit Christina Aguilera und Cher zusammen spielen zu können, findet sie das zwar ganz amüsant, möchte aber doch lieber mit Frau Winslet vor der Kamera stehen. Das ist doch mal konsequent.

Begonnen hat die mittlerweile 24jährige Theater- und Filmdarstellerin – wie viele andere – vor 20 Jahren in einer Rolle als Baum in einem Märchen. Wie es weiter ging, was ihr wichtig ist und wie sie sich auf ihre Rollen vorbereitet, erzählt uns Emily aber selber. Hier und jetzt und ernsthaft:

 

„Letztendlich entscheiden die Profis der Branche, ob sie einen als professionell ansehen oder nicht“

 

JJ: Emily, meistens beginne ich mit meiner Fragerei ganz vorne, in der Kindheit, als der Schauspieltraum begann. Gehen wir heute mal eben gleich in die Vollen. Was ist für dich ganz persönlich die Faszination Schauspiel?

Emily: Mich persönlich fasziniert an Schauspiel, dass ich durch meine Rollen die Chance bekomme, andere Menschen und deren Situationen besser zu verstehen und gleichzeitig den Zuschauern vermitteln kann, wie es anderen ergeht – was diese Menschen in bestimmten, meist schwierigen Lebenssituationen denken und fühlen.

Foto: Jo Pytel

Foto: Jo Pytel

Das Wichtigste im Leben sind für mich Loyalität und Offenheit gegenüber anderen Lebewesen (und ich sage bewusst Lebewesen, da ich Tiere und Pflanzen ebenso wertschätze wie uns Menschen). Ich denke, Ignoranz sollte man mit Offenheit und Sensibilität begegnen – Schauspiel ist mein Versuch, das zu tun und gleichzeitig respektiert zu werden.

JJ: Wie fühlst du dich, was passiert in dir, wenn du vor der Kamera oder auf der Bühne stehst und das Spiel beginnt?

Emily: Eine schwierige Frage, da nicht jede Rolle das Gleiche bei mir auslöst. Ich denke, was bei mir aber immer passiert, ist vollkommene Konzentration. Vor der Kamera und auch auf der Bühne fokussiere ich mich also auf den Moment und meinen Partner/ meine Partnerin. Ich versuche ihn/ sie genauestens abzulesen um zu erkennen, was gerade bei ihm/ ihr passiert. So kann ich dem Partner/ der Partnerin in meiner Rolle etwas zurückgeben, so dass meine Rolle ihrem Ziel näher kommt.

JJ: Manche deiner Kolleginnen und Kollegen schlüpfen von jetzt auf gleich in ihre Rolle, manche nehmen einen Riesen-Anlauf. Wie ist das bei dir? Und wie findest du raus?

Emily:  Ich brauche kurz vor dem Auftritt keinen Riesenanlauf, aber meistens 30 Sekunden. Ich erarbeite mir zuhause genügend Material zu der jeweiligen Rolle sowie Szene, und brauche dann kurz vor der Klappe beziehungsweise kurz vor meinem Auftritt diese halbe Minute, in der ich mir das Ziel der Rolle klar bewusst mache.

Rausschlüpfen ist für mich normalerweise kein Problem. Ich komme sehr schnell rein und auch wieder raus.

Foto von Janine Guldener

Foto von Janine Guldener

Bei extremen Rollen kommt es allerdings vor, dass ich von dem jeweiligen Thema träume und viel darüber nachdenke. Zum Beispiel hatte ich bei den Drehaufnahmen zu „Tunnelblick“, wo ich eine Schulabgängerin gespielt habe, die mit Panikattacken kämpft, einmal kurz das Gefühl, auch privat gleich umzukippen. Das war zwischen den Aufnahmen… vielleicht hatte ich aber nur vergessen zu essen 😃

JJ: Auf welche der zahlreichen Schauspieltechniken schwörst du, Emily, arbeitest du mit Erinnerungen an eigene Erlebnisse, versetzt du dich in die jeweilige darzustellende Person, versuchst du einfach nur, die Rolle zu spielen?

Emily:  Ich schwöre auf einen Mix aus Chubbuck, Method und Meisner. Vor allem Chubbuck ist für mich die perfekte Technik. So verarbeite ich meine aktuellen Probleme in den jeweiligen Rollen – das ist Psychotherapie und Schauspiel in einem, super! Anfangs konfrontiere ich mich mit der Szene und Rolle, dann heißt es viel Schreibarbeit (natürlich mit der Hand) und kurz vor dem Auftritt hole ich mir all das Erarbeitete in 30 Sekunden wieder in Erinnerung.

Mit Erinnerungen aus der Kindheit und der Stuhlentspannung von Strasberg arbeite ich manchmal auch, sowie mit Meisners Partnerarbeit. Vor allem letzteres hält mich wach und hilft mir, wirklich auf den Partner einzugehen.

JJ: Wenn wir schon mal dabei sind: Wo hast du die Ausbildung genossen, bildest du dich weiter, wie wichtig ist dir das?

Emily:  Weiterbildung halte ich für extrem wichtig! Ich nehme seit Oktober 2015 fast wöchentlich britisches Akzenttraining per Skype. Zusätzlich besuche ich Workshops und Kurse mit internationalen TrainerInnen, zum Beispiel bei Kirk Baltz (aus L.A.), Rita Serra Roll & Johannes Fabrick, Nicole Schmied…

Meine Grundausbildung habe ich von 2010 bis 2012 bei Schauspiel München und von 2013 bis 2015 beim Schauspielhaus Salzburg absolviert. Vor allem am Theater habe ich sehr viel für die Bühne gelernt, das war super!

JJ: Wann darf sich eine Schauspielerin Schauspielerin nennen?

Emily:  Eine sehr, sehr gute Frage, über die ich letztens wieder mit KollegInnen beim Schauspiel-Stammtisch Salzburg diskutiert habe. Es ist definitiv ein freier Beruf, das ist klar…

Foto von Janine Guldener

Foto von Janine Guldener

Ich denke also, jeder/ jede darf sich prinzipiell SchauspielerIn nennen – die Profis der Branche entscheiden letztendlich, ob sie einen als professionell ansehen oder nicht. Allerdings sollte man seinen persönlichen Anteil tun, um ernst genommen zu werden – Selbst ist die Schauspielerin!

JJ: Wen siehst du gerne auf der Bühne, auf der Leinwand oder im Fernsehgerät, egal ob Hollywood oder Babelsberg, egal ob New York, Mailand oder Stralsund?

Emily:  Kate Winslet. Das ist für mich eine ganz klare Antwort.

JJ: Emily, ich lebe hier in der Thüringischen Rhön, wo es außer vielen anderen als ausgestorben geltenden Spezies auch tatsächlich noch die Wunschfee gibt. Deshalb: Vor welcher Kamera oder auf welcher Bühne möchtest du mit welchem Regisseur, mit welchen Kolleginnen und Kollegen in welchem Film oder Theaterstück mitwirken? Was ist dein Traum?

Emily:  Mit Kate Winslet. Als ihre Tochter oder egal – eine Szene mit ihr – das ist mein Traum!

JJ: Auch sowas wie der Film „Burlesque“ mit Christina Aguilera und Cher?

Emily:  Hm, Spaß würde es bestimmt machen und singen kann ich auch sehr gut, also wieso nicht? Mein Traum wäre aber definitiv ein Film mit Kate Winslet inklusive einer Gesangsszene!!

JJ: So, und nun zum Schluss gehen wir dann doch auf Anfang, wann war dein erster schauspielerischer Einsatz und wann war klar: Ich werde Schauspielerin?

Emily:  Mein erster Einsatz war, glaube ich, mit vier Jahren in einem Märchen als „Baum“?! 😃 Ich kann mich nur schemenhaft erinnern.

Entschieden, den Weg „Schauspiel“ einzugehen, habe ich mich bewusst mit 16 Jahren. Allerdings denke ich, dass ich das unbewusst schon viel früher wollte.

Als Teenager habe ich von einer Musicalkarriere geträumt, weshalb ich Theater ausprobiert habe. Das war mir dann doch lieber und so bin ich bei Schauspiel gelandet. Mit über 20 Jahren habe ich dann Filmschauspiel kennen und lieben gelernt – spannend, da eine Schwester von mir mit acht Jahren bereits Kunstfotos gemacht hat. Sie hat mich inspiriert.

JJ: Danke.

Emily:  Danke auch!

Foto Startseite: Jo Pytel

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